Aktualisiert 17.06.2011 12:08

Tim Thomas

Vom Autohändler zum Stanley-Cup-Sieger

Stanley-Cup-Sieger Tim Thomas hatte bereits eine Karriere als Autohändler in Angriff genommen und an den Haustüren Haushaltsartikel verkauft. Erst später schlug seine grosse Stunde.

von
Jürg Federer, USA

Genau vor einem Jahr, als die Chicago Blackhawks den Stanley Cup gewannen und die NHL Awards in Las Vegas vor der Türe standen, hat Bostons General Manager Peter Chiarelli sein Mobiltelefon aus der Hosentasche genommen und alle seine Berufskollegen angerufen. Er hatte einen Transfer anzubieten. Bostons unkonstanter Torhüter Tim Thomas sollte nach einer Hüftoperation den Club verlassen, da Junggoalie Tuukka Rask nun bereit für den Job als Nummer 1 in Boston war. Chiarelli hätte fast einen Deal mit Philadelphias General Manager Paul Holmgren erreicht, doch am Schluss sagte auch dieser ab. Thomas wurde im wahrsten Sinne des Wortes zum Ladenhüter.

Mit einem NHL-Salär von fünf Millionen US-Dollar und einem Vertrag über weitere drei Jahre war Thomas Schicksal besiegelt. Er würde auf der Ersatzbank auf Einsätze bei den Boston Bruins warten müssen. «Ich habe mich damals einfach darauf konzentriert, was ich tun kann», zieht Thomas gegenüber 20 Minuten Online Bilanz. «Ich habe Tuukka (Rask) immer als Teamkollegen angesehen und nie als Konkurrenten. Die einzige Konkurrenz, der ich gegenüberstand, war ich selbst.»

Geld für ein Studium hat gefehlt

Tim Thomas, der von sich sagt, er habe jeden Erfolg in seinem Leben harter Arbeit zu verdanken, wuchs in Davison, einem Vorort von Flint in Michigan, auf. Flint ist die Geisterstadt, die einst von der Automobilindustrie lebte, aber erst durch Dokumentarfilmer Michael Moores Rachefeldzüge gegen den Kapitalismus und die Bush-Regierung Weltruhm erlangte. «Mein Vater war Autohändler, und das war eigentlich alles, was man in Flint werden konnte. Wenn man ein hohes Tier in der Gewerkschaft kannte, hatte man einen sicheren Job in der Autoindustrie. Also war es für mich klar, dass ich den Weg meines Vaters einschlagen würde.»

Thomas habe zwar von einem Studium geträumt, doch die Familie hatte kein Geld und deshalb sei eine Universitätskarriere nur möglich gewesen, wenn irgendein Eishockeyteam auf ihn aufmerksam werden würde, das ihm seine Schulgebühren bezahlen würde. Thomas spielte damals für das Highschool-Team seiner Gemeinde Eishockey, doch mit seinem unkonventionellen Stil konnte er keine Universitätscoaches überzeugen. «Also arbeitete ich als Händler von Occasionsautos und verdiente noch etwas Geld dazu, indem ich an den Haustüren der Nachbarschaft Haushaltsartikel verkaufte», blickt Thomas zurück.

Thomas' Aufstieg begann auf der Ersatzbank

Im Alter von 19 Jahren ergab sich dann für Thomas aber doch die Möglichkeit, in Vermont an der Universität Eishockey zu spielen und zu studieren. Ein Jahr später wurde er an der 217. Position als Spätzünder von den Québec Nordiques in die NHL gedraftet. Eine Odyssee durch die tiefsten Minor Leagues Nordamerikas und drei Aufenthalte in der finnischen Liga bestimmten die nächsten zehn Jahre von Thomas' Leben als Eishockeyglobetrotter, bis er vor sechs Jahren die Chance erhielt, Teil der Boston Bruins Organisation zu werden. Thomas war nie der unbestrittene «Starting Goaltender» der Bruins. Mehr als 66 Partien pro Saison bestritt er nie, auch in der just abgelaufenen Saison nicht. Als die Boston Bruins die Saison im Rahmen der «NHL Premiere Games» in Prag begannen, sass Thomas auf der Ersatzbank. Teamkollege Tuukka Rask verlor sein Startspiel, also erhielt Thomas seine Chance. Er gewann das Spiel und die sieben darauf folgenden Partien gleich auch noch, womit er einen Clubrekord aus dem Jahr 1938 brach. Thomas gewann auch die ersten neun Auswärtsspiele für die Bruins, seit 1965 ist das keinem NHL-Goalie mehr gelungen. Am Ende der Qualifikation hat er in 55 Partien nur elfmal keinen Punkt gewonnen und fast 94 Prozent aller Schüsse auf sein Tor gehalten. Das ist ein neuer NHL-Rekord, seit diese Statistiken in der härtesten Liga der Welt erfasst werden. Der Aufstieg von Tim Thomas hatte begonnen.

«Für mich ist schon ein NHL-Vertrag eine grosse Sache»

In den Stanley-Cup-Playoffs musste Thomas drei Mal über sieben Spiele gehen, bis er sich seinen Stanley Cup Traum erfüllte. Mit stoischer Ruhe hat er gegen Montreal, Philadelphia, Tampa Bay und zuletzt Vancouver einfach immer mehr Tore verhindert als seine Vorderleute zu erzielen vermochten. Einen Krieg im Presseraum mit Roberto Luongo meisterte er mit derselben Überlegenheit, mit der er auf dem Eis agierte. Rückblickend sagt Thomas, es sei Teil seiner Strategie gewesen, während der ganzen Finalserie nie etwas Gutes über Luongo zu sagen. «Irgendwie fühlte er sich damit von mir angegriffen und das war Teil meiner Strategie gegen ihn», bestätigte Thomas nach dem Gewinn von Spiel sieben mit einem verschmitzten Lachen.

Die alles entscheidende siebte Stanley-Cup-Partie endete symbolisch mit einem «Save» von Tim Thomas zum Schlusspfiff. Kurz darauf gab er offen zu, dass er bis zuletzt nicht sicher war, ob der Stanley Cup für ihn für immer ein Traum bleiben würde. Schliesslich sei für einen Eishockeyspieler seines Talents nur schon ein Engagement in der NHL eine grosse Sache.

«In Flint werde ich nun wohl nicht mehr spielen»

Noch bevor Thomas den Stanley Cup in die Höhe stemmen durfte, wurde er zum wertvollsten Spieler der NHL-Playoffs gekürt. Für ihn sei das die grösste Ehre, die ihm jemals widerfahren sei. «Der Stanley Cup ist das Ziel, auf das man hinarbeitet. Nun halte ich noch eine zweite Trophäe in der Hand, auf der die Namen von Patrick Roy, Ron Hextall und Ken Dryden verewigt sind, es ist unglaublich.» Thomas sagt, er sei viel weiter gekommen, als er sich das jemals erträumt habe. «Bisher haben mich die Leute in Flint, wenn ich im Sommer nach Hause kam, immer gefragt, ob ich bald wieder für das lokale Eishockeyteam spielen würde. Ich denke, so weit wird es nun wohl nicht mehr kommen», schmunzelte Thomas am Mittwochabend nach dem Gewinn des Stanley Cup.

In diesem Sommer, ein Jahr, nachdem Chicago den Stanley Cup gewonnen hat und traditionell die NHL-Awards vor der Türe stehen, wird Thomas selbst nach Las Vegas reisen und mit Sicherheit noch die Vezina Trophy für den besten Torhüter der NHL-Saison erhalten. Und in diesem Sommer, jetzt wo er mit den Boston Bruins den Stanley Cup gewonnen hat, kann Thomas auf jeden Fall darauf zählen, dass ihn Bostons General Manager Peter Chiarelli nicht mehr transferieren will.

Thomas Playoff-Run:

NHL-Rekord für die meisten Saves in einer Playoff-Saison (798)NHL-Rekord für die meisten Schüsse aufs Tor in einer Playoff-Saison (849)NHL-Rekord für die meisten Saves in einem Stanley Cup Final (238)Erster Torhüter der NHL-Geschichte, der auswärts in einem Spiel sieben einen Shutout bewerkstelligtBester Playofftorhüter 2011 in der Sparte Gegentore (1.98) und Fangquote (94%)Die beste Fangquote (96.7%) im Stanley-Cup-Final aller «Starting Goalies» aller ZeitenWurde zwölfmal mit 35 oder mehr Schüssen geprüft und gewann elf dieser Partien

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