Geburt unter Kostendruck: Vom Gebärsaal direkt in den Alltagsstress?

Aktualisiert

Geburt unter KostendruckVom Gebärsaal direkt in den Alltagsstress?

Die Einführung der Fallpauschale ist eine Zangengeburt: Werdende Mütter sind verunsichert, Gynäkologen informieren verwirrend und selbst Spitäler tun sich schwer.

von
Jessica Pfister
Trotz Einführung der Fallpauschale: Noch schicken Spitäler die Mütter nicht früher nach Hause als bisher - künftig kommen sie wohl nicht darum herum.

Trotz Einführung der Fallpauschale: Noch schicken Spitäler die Mütter nicht früher nach Hause als bisher - künftig kommen sie wohl nicht darum herum.

Bei den Hebammenzentralen in Zürich und Bern laufen die Drähte heiss. Grund: Seit Anfang 2012 können Schweizer Spitäler die Aufwendungen für Geburt und Wochenbett nicht mehr nach der Aufenthaltsdauer abrechnen, sondern erhalten pro Fall eine Pauschale. «Viele werdende Mütter sind verunsichert, weil sie verschiedene Informationen erhalten, wie lang oder kurz ihr Spitalaufenthalt nach der Geburt nun sein wird», sagt Carolina Iglesias, Vorstandsmitglied der Hebammenzentrale im Kanton Zürich. So habe beispielsweise ein Frauenarzt einer Patientin gesagt, sie werde bereits am zweiten oder dritten Tag nach der Geburt nach Hause geschickt. Ähnliches berichtet Lisa Mees-Liechti von der Zentale im Kanton Bern. «Uns kontaktieren seit November viele Frauen, denen Spitäler im Vorfeld geraten haben, sich möglichst bald eine Hebamme zu suchen, weil sie aufgrund der Fallpauschale nach der Geburt schneller entlassen werden.»

Stimmt nicht, sagen die Spitäler. Bei einer Umfrage in den Universitätskliniken von Zürich, Bern, Basel, St. Gallen und dem Kantonsspital Aargau will man von verkürzten Spitalaufenthalten nach einer Geburt - zumindest zum jetzigen Zeitpunkt - nichts wissen. «Die Aufenthaltsdauer nach der Geburt an unserer Klinik wird individuell gestaltet, je nach medizinischen Bedürfnissen und Wünschen der Mutter - daran ändern die neuen Fallpauschalen nichts», sagt Daniel Surbek, Chefarzt für Geburtshilfe am Inselspital Bern. Bei einer normalen Geburt würden die Mütter nach drei bis fünf Tagen nach Hause gehen, fünf bis sieben Tage seien es nach einem Kaiserschnitt.

«Kommen nicht um Senkung herum»

An der Universitätsklinik Zürich beträgt die durchschnittliche Aufenthaltsdauer 4,1 Tage - gleich viel wie vor Einführung der Fallpauschale. «Unsere Ärzte wissen gar nicht, welcher Fall wie abgerechnet wird. Sie behandeln Frauen so, wie es die jeweilige Situation verlangt», sagt Jörk Volkbracht, Leiter Medizincontrolling. In der Frauenklinik Basel liegen die Richtwerte mit drei bis vier Tagen bei einer normalen und fünf bis sechs Tagen bei einem Kaiserschnitt etwas tiefer. «Entscheidend sind nicht die Richtwerte, sondern die medizinische Situation», sagt Chefärztin Irene Hösli.

Einzelne Ärzte geben aber zu, dass durch die Fallpauschalen der Kostendruck steigt. «Wir müssen schauen, wie wir mit dem vorhandenen Geld auskommen», sagt Gabriel Schär, Chefarzt der Frauenklinik am Kantonsspital Aarau (KSA). In den letzten sechs Jahren habe man am KSA die Aufenthaltsdauer nach der Geburt von 6 auf durchschnittlich 4,1 Tage senken können. «Aufgrund des Kostendrucks kommen wir künftig kaum um eine weitere Senkung herum.» Damit rechnet auch Surbek vom Inselspital Bern. «In Deutschland hat man nach der Einführung der Fallpauschale ebenfalls eine Verkürzung der Aufenthaltsdauer beobachtet.» Die Ärzte rechnen künftig mit einem Aufenthalt von durchschnittlich drei Tagen.

Dritter Tag gilt als besonders schwierig

Doch genau da liegt das Problem. Denn der dritte Tag gilt als schwierigster Tag nach der Geburt. Die Milch schiesst ein, das Stillen muss gelernt werden und viele Frauen befinden sich dann vorübergehend in einem Stimmungstief. «An so einem typischen ‹Heultag› den Wechsel vom Spital in den Alltag zu Hause vorzunehmen, ist nicht ideal», sagt Marianne Haueter, Präsidentin des Hebammenverbands Bern. Iglesias von der Hebammenzentrale Zürich sieht ein anderes Problem: «Wenn heute jede Frau nach dem dritten Tag entlassen würde, hätten wir nicht genügend Hebammen für die Nachsorge.» Schon heute könne man wegen Überlastung im Kanton Zürich an durchschnittlich fünf Prozent der Frauen keine Hebammen vermitteln - die steigende Geburtenzahl erschwere die Lage zusätzlich.

Iglesias sieht in der früheren Entlassung aber auch Vorteile. «Studien haben gezeigt, dass viele Mütter die Tage im Spital wegen mangelnder Ruhe und dem wechselnden Personal nicht nur positiv empfinden und gerne früher nach Hause gehen.» Wichtig sei einfach, dass die Nachbetreuung geregelt sei. Hier seien alle, von den Hebammen über Gynäkologen bis zu den Spitälern gefordert, diese besser zu koordinieren.

Im Kanton Zürich übernimmt diese Arbeit ab Herbst eine zentrale Stelle. In Spitälern wie dem KSA will man die Frauen nicht nur vor der Geburt besser vorbereiten, sondern auch die Gespräche im Spital und die Zusammenarbeit mit externen Ärzten, Hebammen und Stillberaterinnen verstärken. «Man muss dem neuen System Zeit geben, momentan befinden wir uns in einer Übergangsphase», sagt Chefarzt Schär. Klar sei aber auch in Zukunft: «Wir schicken niemanden mit schmerzhaftem Milcheinschuss, Wochenbettdepression oder Heulkrämpfen nach Hause, nur weil es die Fallpauschale so vorsieht.»

Kaum operiert, schon wieder daheim: Haben Sie bereits Erfahrungen mit der neuen Fallpauschale gemacht? Schreiben Sie uns an feedback@20minuten.ch.

System Fallpauschale

Seit Anfang 2012 rechnen Schweizer Spitäler ihre Leistungen mit Fallpauschalen, sogenannten DRGs (diagnosebezogene Fallgruppe) ab. Die DRG sehen vor, dass die Spitäler von den Krankenkassen nicht mehr die individuellen Kosten vergütet bekommen, die ein Patient verursacht, sondern ein Pauschalbetrag, der sich nach der Diagnose richtet, die ein Arzt gestellt hat. Bisher haben die Spitäler einfach jeden Tag, den ein Patient bei ihnen verbrachte, in Rechnung stellen können. Ziel der Fallpauschalen ist ein verstärkter Wettbewerb unter den Spitälern und eine Verlangsamung des Kostenwachstums.

Laut Simon Hölzer, Geschäftsführer der Swiss DRG, schreibt das System keine Aufenthaltsdauer vor. Dennoch sagt er: «Das Spital profitiert, wenn sie Frauen früher entlassen werden.» Gleichzeitig habe das Spital auch Interesse daran, dass die Frauen zufrieden sind.

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