Dortmund ist zurück: «Vom Ground Zero bis nach Wembley»
Aktualisiert

Dortmund ist zurück«Vom Ground Zero bis nach Wembley»

Borussia Dortmund hat sich nach dem Beinahe-Kollaps über einen steinigen Weg zurück an die europäische Spitze gekämpft. Mit dem CL-Sieg will Jürgen Klopps «Spasstruppe» die Vergangenheit endgültig ruhen lassen.

von
A. Stäuble

Am 28. Mai 1997 – im Münchner Olympiastadion – gewann Borussia Dortmund den bis heute einzigen Titel in der Königsklasse. Unter der Leitung von Coach Ottmar Hitzfeld und mit Stéphane Chapuisat wurde Juventus Turin 3:1 geschlagen. 5841 Tage liegen zwischen dem grössten Triumph der Klubgeschichte und dem kommenden Samstag, wo der BVB die Erfolgsgeschichte um ein Kapital erweitern möchte.

Dass die Dortmunder die Chance kriegen, ihr CL-Trikot mit einem zweiten Stern zu schmücken, ist nicht selbstvertändlich. Erstaunlich ist der gegenwärtige Erfolg der Schwarz-Gelben vor allem, wenn man sich erinnert, wie es um den BVB in den verganenen Jahren stand.

Im September 2008 trat die Borussia unter Jürgern Klopp, der im Sommer das Amt von Thomas Doll übernommen hatte, seine europäische «Wiederaufstehung» an. Das Resultat war niederschmetternd: Die Partie gegen Udinese in der 1. Runde des Uefa-Cups ging 0:2 verloren und Klopp wütete danach wie ein Vulkan. Auch zwei Jahre später kriegte die Mannschaft international kaum einen Fuss vor den anderen. Damals in der umbenannten Europa Leauge. Der BVB belegte in der Gruppe J hinter Paris St-Germain und dem FC Sevilla nur Rang drei und war im Dezember 2010 international erneut «arbeitslos».

Nach 10 Jahren wieder in der CL

Dies, obwohl die Dortmunder während dieser Saison die überragende Mannschaft in der Liga waren und ein halbes Jahr später den ersten Meistertitel seit 2002 feiern durften. Dass die Dominanz in der Heimat noch keine europäischen Erfolge garantiert, zeigte sich auch ein Jahr später in der Königsklasse, wo der BVB seit zehn Jahren endlich mal wieder in der Gruppenphase stand.

Wie schon im Uefa Cup bedeutete auch eine Stufe höher die Gruppenphase das Ende. Nur ein Sieg in sechs Spielen gelang dem BVB, was hinter Arsenal, Marseille und Piräus den letzten Platz zur Folge hatte. Wieder das komplette Gegenteil national: Im Mai holte Dortmund das erste Double der Vereinsgeschichte.

Klopp wollte sich auf die CL konzentrieren

Vergangenen Herbst machte die Klopp-Truppe dann aber deutlich, dass sie aus den Enttäuschungen der Vergangenheit gelernt hat. Wie die Online-Seite «Spox» offenbart, soll der BVB-Trainer vor der Saison gesagt haben, dass er sich für 2012/13 die Champions League als Saisonziel ausgesucht habe. Ob er damit den Gewinn oder nur das Überstehen der Gruppenphase gemeint hat, werden wir wohl nie erfahren. Aber eines ist sicher: Es hat sich ausbezahlt.

Denn sich vor Real Madrid, Manchester City und Ajax Amsterdam als Erster durchzusetzen, zeigt, dass Klopp Recht behielt. Endlich hatte er seiner «Spasstruppe» internationale Klasse einimpfen können. Dabei ist dem Erfolgscoach nicht genug hoch anzurechnen, dass die spielerische Klasse des BVB während dieses Prozesses nicht verloren gegangen ist.

Unvergesslich: Herzschlagfinale gegen Málaga

Jetzt kommt der Teil, wo es das Schicksal gut gemeint hat mit Dortmund. Mit Schachtjor Donezk und dem FC Málaga konnte sich der BVB nun wahrlich nicht über das Achtel- bzw. Viertelfinallos beklagen. Doch sind es gerade solche Gegner, gegen welche die junge Mannschaft in den vergangenen Jahren immer wieder gescheitert war. Doch Mario Götze und Co. haben bewiesen, dass sie auch reif für knifflige Aufgaben sind. Auch wenn es etwas Glück dazu brauchte. Die Dortmund-Fans werden sich mit Schrecken an die Schlussphase gegen Málaga erinnern, als die Dortmunder das Weiterkommen erst dank einem Doppelschlag in der Nachspielzeit schafften.

Spätestens seit der taktischen und fussballerischen Gala-Vorstellung gegen Real Madrid im Halbfinale spricht aber niemand mehr vom «einfachen» Los zuvor. Nicht den Hauch einer Chance hatten die Königlichen weder im Hin- noch im Rückspiel und die Dortmunder standen dabei nicht etwa verbissen hinten rein, sondern verzauberten einmal mehr mit modernem und frechem Tempofussball. Mit dem Finaleinzug hat sich der Traditionsklub endgültig auf die grosse europäische Fussballbühne zurückgehievt oder wie es Geschäftsführer Watzke nennt: «Vom Ground Zero bis nach Wembley»!

Hoeness bewahrte Dortmund vor Insolvenz

Die Durststrecke war nicht nur sportlicher Natur. 2005 wurde der Traditionsverein von seinen damaligen Geschäftsführern Gerd Niebaum und Michael Meier finanziell an den Abgrund gewirtschaftet. Erst in letzter Sekunde konnte der BVB unter der Leitung von Hans-Joachim Watzke die drohende Insolvenz abwenden. Watzke, der Gründer einer Schutzbekleidungsfirma wurde im Februar 2005 Geschäftsführer, zuvor war er seit 2001 Schatzmeister des Vereins. Ein Zitat Watzkes zeigt, wie es damals um Dortmund gestanden hatte: «Ich bekomme noch heute Schüttelfrost, wenn ich daran denke. Das Risiko, dass das Ding vor die Wand fährt, war beträchtlich.»

Dass sich der BVB wieder zu einer nationalen und internationalen Fussball-Macht entwickelt hat, ist auch dem FC Bayern München zu verdanken. Wie Uli Hoeness vor nicht allzu langer Zeit preis gab, hat der Rekordmeister einst ein beachtliches Darlehen nach Dortmund transferiert. Zwei Millionen Euro sollen es gewesen sein. «Als sie mal gar nicht mehr weiter wussten und die Gehälter nicht mehr zahlen konnten, haben wir ihnen ohne Sicherheit zwei Millionen gegeben für einige Monate», bestätigte Hoeness. Seitdem wird in Dortmund solide gewirtschaftet, die Schulden sind fast beglichen. Der einzige börsennotierte Verein Deutschlands ist gesünder denn je.

Klubkassen werden wieder gefüllt

Und wer weiss, was nächste Saison alles möglich sein wird. Über 70 Millionen Euro wird die Champions League einbringen und zählt man die Einnahmen des Verkaufs von Mario Götze hinzu, steigt das Guthaben auf eine dreistellige Millionensumme an. Trotz der noch vorhandenen Finanzschulden deutet vieles darauf hin, dass Dortmund auch die kommenden Jahre an der europäischen Spitze mithalten wird - auch wenn Finalgegner Bayern München in Deutschland - zumindest finanziell - weiterhin das Mass aller Dinge sein wird.

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