Treuer Diener Roms: Vom Hoffnungs- zum Würdenträger
Aktualisiert

Treuer Diener RomsVom Hoffnungs- zum Würdenträger

Als Kurt Koch 1996 Bischof von Basel wurde, galt er als Hoffnungsträger der Schweizer Katholiken. Doch aus dem progressiven Theologen wurde ein konservativer Würdenträger. Jetzt wird der Luzerner Kardinal.

Kurt Koch hatte 1996 seine höhere Kirchenkarriere als Bischof von Basel begonnen. Damals trat er als Hoffnungsträger des Schweizer Katholizismus an. Der heute 60-Jährige passte sich dann immer mehr an Rom an. Am Samstag erntet er dafür seinen Lohn, wenn er zum Kardinal ernannt wird.

Im Laufe der Zeit erhielt Kurt Koch in den Medien wechselnde Etiketten. Als der Theologieprofessor im August 1995 zum Oberhirten des Bistums Basel gewählt wurde, galt er als «der neue Hoffnungsträger der Schweizer Katholiken».

Sein Amt im Bischofssitz in Solothurn trat Koch Ende Februar 1996 an. Er war Nachfolger von Bischof Hansjörg Vogel, der nach nur 14 Monaten zurückgetreten war. Der ungewöhnliche Grund: Vogel wurde Vater einer Tochter, was die Diskussionen um den Zölibat anheizte.

Vom «Progressiven» zum «Gehorsamen»

Der «progressive Theologe» Koch werde ein Bischof sein, der sich «kirchenpolitisch zwischen den Fronten» bewege, lautete der Tenor. Je länger Koch in der Solothurner Altstadt wirkte, umso seltener wurden die freundlichen Attribute in den Medien.

Nach einigen Monaten im Amt sagte Koch noch, er könne sich «gut auch verheiratete Priester vorstellen». Doch später betonte er, der Zölibat sei «unzweifelhaft die Lebensform von Jesu gewesen».

Koch wurde zunehmend als «treuer Diener Roms», als «der Gehorsame» und als «konservativer Würdenträger» wahrgenommen. Im Juli berief ihn Papst Benedikt XVI. als Ökumene-Minister nach Rom. 2007 hatte Koch versöhnliche Worte gefunden, als der Vatikan den Protestanten das Recht absprach, sich als Kirche zu bezeichnen.

Streit mit aufsässigem Pfarrer

Zu schaffen machte Koch in seiner Amtszeit im Bistum Basel der erbittert ausgetragene Streit mit dem aufmüpfigen Priester Franz Sabo von Röschenz BL. Koch entzog Sabo im Oktober 2005 die Missio Canonica (Amtsbefugnis).

Der Rechtsstreit und die Machtprobe dauerten jahrelang. Es war ein Ping-Pong-Spiel, bei dem der Bischof in der öffentlichen Wahrnehmung schlechter abschnitt als der Priester der kleinen Kirchgemeinde. Koch kritisierte die parteiische Berichterstattung der Medien.

Der Konflikt setzte dem Bischof zu. Anfang 2008 nahm er wegen Überarbeitung eine mehrwöchige Auszeit und verzichtete auf öffentliche Auftritte. Im September des gleichen Jahres legten Koch und Sabo den Streit nach einem persönlichen Gespräch bei.

1982 zum Priester geweiht

Kurt Koch wurde 1950 in Emmenbrücke bei Luzern geboren. Er studierte katholische Theologie in Luzern und München. 1982 wurde er zum Priester geweiht.

1987 doktorierte Koch in Luzern. Zwei Jahre später wurde er ordentlicher Professor für Dogmatik und Liturgiewissenschaft der Theologischen Fakultät in Luzern. Als Bischof präsidierte er die Schweizerische Bischofskonferenz (SBK) von 2007 bis 2009.

Kochs Nachfolger als Bischof von Basel wurde am 8. September vom 18-köpfigen Domkapitel gewählt. Zuvor konnten die zehn Bistumskantone zu einer Sechserliste Stellung nehmen, strichen aber keinen Kandidaten. Als letzte von drei eigenständigen Instanzen muss der Papst dem Gewählten noch zustimmen. Das Bistum erwartet diesen Entscheid noch vor Ende Jahr. Dann wird auch der Name des neuen Bischofs offiziell bekannt gegeben.

«Bessere Kommunikation der Schweizer Kirchen mit Rom»

Koch steht seit 1. Juli dem Päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen vor - als Ökumeneminister im Vatikan. «Ich bin in einem universalkirchlichen Amt. Unser Rat ist mit 15 verschiedenen Kirchen in Dialog. Eine davon sind die Reformierten», stellt er klar.

Was mit Kirche gemeint ist

Mit ihnen sei der Einheitsrat schon längst in Kontakt. «Dass Gottfried Locher neuer Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (SEK) ist, ist insofern ein Glücksfall, als er im Weltbund der Reformierten tätig ist.»

Die Aussage, wonach die Päpstliche Glaubenskongregation den Reformierten nicht zugebilligt habe, eine Kirche zu sein, relativiert der neue Ökumeneminister: «Gemeint war, dass die Reformierten keine Kirche im eigentlichen Sinn sind, so wie die Katholiken die Kirche verstehen.»

Koch rät den Reformierten, «sich nicht über diese Aussage zu ärgern. Sondern sie sollten aufzeigen, was sie unter 'Kirche' verstehen und ob sie die Reformation als Bruch mit der 1500-jährigen Geschichte oder als Erneuerung der Kirche in einer bleibenden Kontinuität verstehen.»

Er schildert eine diesbezügliche Erfahrung in Schweizer Gremien: «Seit Jahren haben wir gesagt, dass Gespräche über den Begriff Kirche geführt werden sollten, und das Gespräch über die Kirche ist nicht wirklich in Gang gekommen.»

Tiefe Gründe für Kirchenaustritte

Das gespaltene Verhältnis der Schweizer Katholiken zum Vatikan erklärt sich Koch mit «äusserst einseitigen öffentlichen Informationen über Rom, die überhaupt nicht der Realität entsprechen». Dass die Menschen den Kirchen davonlaufen, sei kein katholisches Problem, sondern eines, das ganz Westeuropa betreffe.

Die Gründe für die Kirchenaustritte lägen sehr viel tiefer als oberflächlich angenommen, sagt Koch. Denn die Probleme, die im Zusammenhang mit der katholischen Kirche in diesem Zusammenhang oft genannt würden, seien in den anderen Kirchen überhaupt kein Thema.

Für Koch ist es die grösste Herausforderung der Ökumene, die Menschen für das Evangelium zu gewinnen. Denn: «Je mehr die Religion aus der Öffentlichkeit verdrängt wird, desto weniger ist diese fähig zum interreligiösen Dialog.»

Priesterinnen: Keine Hoffnungen wecken

Keine Hoffnungen machen will Koch Menschen, die eine Priesterweihe für Frauen wünschen. Da Papst Johannes Paul II. dies ausgeschlossen habe, «würde es viel Aufgebot brauchen, um auf diese schwierige Frage zurückzukommen». Würden Frauen zu Priesterinnen geweiht, «wäre wohl auch der Dialog mit der Orthodoxie sehr gefährdet».

Ähnlich äussert sich Koch zur Aufhebung des umstrittenen Zölibats, der Pflicht zur Ehelosigkeit für Priester. 2005 habe Papst Benedikt XVI. zusammen mit der Bischofssynode erklärt, dass die Zölibatsverpflichtung für die lateinische Kirche beibehalten werde. «Da ist es sinnlos, Hoffnungen zu machen. Vielmehr sollte klar gesagt werden, wie die Situation ist.»

(Eva Surbeck, sda) (sda)

Neunter Schweizer Kardinal

Kardinäle sind die nach dem Papst höchsten Würdenträger der römisch- katholischen Kirche. Sie sind die engste Berater des Papstes.

Die Kardinäle werden vom Papst auf Lebenszeit ernannt. Sie unterstützen ihn bei der Gesamtleitung der Kirche. Zudem wählen sie jeweils den neuen Papst aus ihrer Mitte. Zeichen ihrer Würde ist das Purpur-Ornat.

Kurt Koch wird der neunte Schweizer Kardinal. Laut der katholischen online-Enzyklopädie Kathpedia wurden vor ihm acht Schweizer zu Kardinälen ernannt:

Matthäus Schiner

(1465-1522), Bischof von Sitten; Kriegsherr und Kirchendiplomat, Architekt des päpstlich-schweizerischen Bündnisses, aus dem unter anderem die Schweizer Garde hervorging. Er war mitverantwortlich für die Schlacht bei Marignano 1515. Ausserdem war er Mitverfasser des Wormser Edikts gegen Martin Luther.

Gaspard Mermillod

(1824-1892), Bischof von Lausanne und Genf. Er wurde im Kulturkampf 1873 aus der Schweiz ausgeweisen. Seine Berufung zum Kardinal 1890 bewog die Brauerei Blancpain in Freiburg dazu, ein Festbier namens Cardinal zu brauen.

Charles Journet

(1891-1975), Theologe und Philosoph, Teilnehmer am 2. Vatikanischen Konzil. Er wurde 1965 Kardinal.

Benno Gut

(1897-1970), Abt von Einsiedeln und Abtprimas. Er wurde 1967 Kardinal und 1968 Präfekt der Kongregation für die Riten.

Hans Urs von Balthasar

(1905-1988), Theologe und Jesuit. Er wurde 1988 zum Kardinal ernannt, starb aber zwei Tage vor dem Empfang des Purpurs.

Henri Schwery

(geb. 1932), Theologe und Naturwissenschafter. Er war 1977 bis 1995 Bischof von Sitten und wurde 1991 Kardinal.

Gilberto Agustoni

(geb. 1922), Tessiner Kurienerzbischof. Er war 1992-1998 Präfekt der Apostolischen Signatur und wurde 1994 Kardinal.

Georges Marie Martin Cottier

(geb. 1922), Dominikaner, Philosoph und Päpstlicher Haustheologe. Er wurde 2003 Kardinal.

Mehrere weitere Bischöfe, die Schweizer Diözesen vorstanden, wurden zu Kardinälen oder gar zu Päpsten erhoben. Sie waren aber nicht schweizerischer Herkunft. Zu ihnen gehört Papst Julius II., einstmals Bischof von Lausanne, und der Gegenpapst Felix V., Bischof von Genf.

(sda)

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