Aktualisiert 01.03.2008 15:47

Vom Jungfreisinnigen zum SP-Präsidenten

Der neue SP-Präsident muss vieles können, um seine Partei 2011 zum Wahlsieg zu führen. Und Hinweise auf Vielseitigkeit gibt es bei Christian Levrat einige. Er liebt Debatten, kann vom Revolutions-Vokabular zum moderneren Fernseh-Statement-Ton wechseln, spielt gern Schach, hat Familie und war mal beim Freisinn.

Levrats parteipolitisches Engagement begann früh, aber nicht in den Farben, die er heute trägt. Mit 15 Jahren gründete er nämlich eine freisinnige Jugendsektion. Der Weg von dort zu den Sozialdemokraten ist aber in Levrats freiburgischer Heimat kürzer, als er es vielerorts in der Deutschschweiz wäre. Im Greyerzerland seien die Freisinnigen nicht Wirtschaftsfreisinnige, sondern «radicaux de gauche», betonte Levrat einmal darauf angesprochen. Mit 19 verliess er die Partei dann, weil sie die Initiative zur Abschaffung der Armee nicht unterstützte.

Inzwischen hat der mit bald 38 Jahren immer noch junge Politiker seine erste Legislatur als SP-Nationalrat hinter sich. Zweifel über seine politische Zugehörigkeit konnten in dieser Zeit kaum noch aufkommen. Levrat politisiert, wenn man das Parlamentarierrating der NZZ heranzieht, ungefähr in der Mitte seiner Parteikollegen der Grossen Kammer. Auf einer Skala von links (-10) bis rechts (+10) steht der Freiburger wie sein Vorgänger Hans-Jürg Fehr bei -7,8.

Ein klassisch linkes Profil hat der ausgebildete Jurist und Politikwissenschafter als Gewerkschafter. Seit 2001 arbeitet er bei der Gewerkschaft Kommunikation, seit 2003 als deren Zentralpräsident. Sein zähes Ringen mit der Führung der Post über die Rahmenbedingungen des Stellenabbaus im Zusammenhang mit ihrer Reorganisation hat schliesslich einen Kompromiss gebracht und ihm auch einige Medienaufmerksamkeit eingetragen. Seine 15 Vorstösse im Parlament widerspiegeln ebenfalls sein gewerkschaftliches Engagement, aber auch seinen Einsatz für die sprachlichen Minderheiten.

Vom kämpferischen Naturell des neuen SP-Präsidenten zeugt nebst anderem seine geringe Scheu vor Revolutionsrhetorik mit Formeln wie «Der Klassenkampf ist nicht tot!», die ihm in einem Interview vorgehalten wurden. Levrat rechtfertigte die in einer 1.-Mai-Rede verwendeten Ausdrücke als Zuspitzung. In einem Fernsehinterview spreche er nicht so. Er wolle keinen Klassenkampf betreiben, aber die soziale Verteilungsfrage stellen. «Wenn wir Themen ansprechen wie AHV, Service public, Löhne, dann folgen uns die Leute», ist Levrat überzeugt. Mit dem Ziel, die Nationalratswahlen 2011 zu gewinnen, strebt er eine stärkere Mobilisierung der Basis an und will einen schlagkräftigen Kampagnen-Apparat aufbauen.

Als debattierfreudiger Politiker geht Levrat Auseinandersetzungen mit Feind und auch mit Freund nicht aus dem Weg. Der immer wieder kolportierte Übername «Bulldozer» bezieht sich kaum nur auf Levrats stattliche Erscheinung. Er gesteht selber ein manchmal forsches Auftreten ein. Die SP brauche aber jemanden an der Spitze, der streitfähig sei, interne Diskussionen nicht fürchte und die Sache nicht zu persönlich nehme, glaubt er.

Levrat hat sich viel vorgenommen. Seine Frau und die drei Kinder werden ihm künftig vermutlich in politisch heissen Phasen ähnlich häufig im Radio und Fernsehen begegnen wie zu Hause. Und auch fürs Schachspiel wird wohl weniger Zeit bleiben. Das dort geschulte strategische Denken kann ihm aber auch im Polit-Schach zweifellos nützen. Er hat ja im letzten Dezember in Bundesbern auch schon massgeblich dabei mitgewirkt, den gegnerischen König mit einer Dame matt zu setzen. (dapd)

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