Aktualisiert 05.08.2008 21:06

Viktor RöthlinVom Loser zur Goldhoffnung

Viktor Röthlin steht im Zenit seiner Marathon-Karriere. Vor zehn Jahren lief er an den EM in Budapest über 10 000 m als Letzter durchs Ziel, nun gehört er in Peking nach EM-Silber in Göteborg und WM-Bronze in Osaka zu den Favoriten auf Olympia-Gold.

"Ich fühle mich in der Form meines Lebens", sagt der Obwaldner Profisportler. Er sieht sich als einer von 20 Läufern, die im prestigeträchtigen Olympiamarathon in Peking für eine Medaille in Frage kommen. Seine Aussagen sind nicht bloss als medienwirksame Statements zu betrachten; der 33-jährige Perfektionist kennt sein Potenzial haargenau. In den letzten drei Jahren formulierte er stets hohe Ziele und reüssierte ohne Ausnahme.

Röthlin hat aus Fehlern gelernt. Nach seinem Marathon-Debüt 1999 in Hamburg (2:13:36) gab es im Zug der steten Steigerung eigentlich nur einen Knick: Im Sommer 2004 hatte er nach seinem Rekordlauf in Zürich die Zeichen des Körpers nicht ernst genommen und musste dafür in Athen, an seinen zweiten Olympischen Spielen, prompt büssen.

"Das hat mich fast ein Jahr gekostet", meinte Röthlin rückblickend. Dafür setzte er im November 2005 zu einer beeindruckenden Serie an. Nach Rang 7 in New York liess er im Frühling 2006 zu Gunsten des Schnelligkeitstrainings den Frühjahrs-Marathon aus und lief im August in Göteborg hinter Olympiasieger Baldini zu Silber. Danach kündete er für Zürich 2007 einen Rekordlauf an und pulverisierte seine Bestmarke um rund anderthalb Minuten. Anschliessend bewies er im schwülheissen Osaka, dass er seine Leistung auch unter extremen Bedinungen erbringen kann. Und als letzten Coup setzte er im Februar 2008 mit dem Sieg in Tokio einen internationalen Spitzenwert mit 2:07:23. In Peking wird er gemessen an der Saisonbestenliste wohl die Position 7einnehmen. Werden die Resultate des Jahres 2007 mitberücksichtigt, ergibt sich Platz 11.

Rund 3000 km spult Röthlin jeweils während der 15-wöchigen Vorbereitung auf einen Marathon ab. Entsprechend gross ist der Schuhverschleiss; rund 16 Paare müssen jährlich dran glauben: "Ich bin einer der wenigen Männer, die gleich viele Schuhe in ihrem Schrank haben wie ihre Freundin", scherzt Röthlin. Im Hinblick auf Peking führte ihn der Weg erstmals ins Südtirol. Die letzte Vorbereitungsphase vor dem zu erwartenden Hitzerennen in Peking wollte er nicht nur in der kühlen Engadiner Luft absolvieren.

Röthlins Erfolge sind das Verdienst jahrelanger konsequenter Arbeit, in der er nicht den Weg des geringsten Widerstandes nahm. Bereits als Nobody begann er sich nach den Leistungen der Besten zu richten. Der Zentralschweizer verbringt den Winter seit Jahren in Kenia -- 2008 musste er den Aufenthalt wegen politischer Unruhen abbrechen -- und lebt den Marathon mit Leib und Seele. Er betrachtet das Laufen nicht bloss als Berufung, sondern interessiert sich um alle Facetten seiner symbolträchtigen Disziplin. Schon seit 2000 ist Röthlin sein eigener Trainer. Und für die berufliche Zukunft nach der Karriere hat er vorgesorgt.

Heute zeichnen Cleverness und Selbstsicherheit den "Loser" von 1998 aus. Der gelernte Elektrozeichner und Pyhsiotherapeut ist ein akribischer Arbeiter, der jedem Mosaiksteinchen zum Erfolg Beachtung schenkt -- ideale Voraussetzungen also für seinen 18. Marathon. In einem taktischen Lauf unter klimatisch extremen Bedingungen ist in Peking über die 42,195 km nicht nur Tempobolzerei gefragt.

(si)

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