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Vom Musterknaben zum Mörder

Mit unglaublicher Brutalität erstachen zwei 17-Jährige ein Ehepaar in ihrem Dorf. Sie metzelten es regelrecht nieder «mit einer Vielzahl von Messerstichen in Rumpf und Kopf», erklärte die Staatsanwaltschaft.

Besonders unfassbar war die Tat, weil sich alles in einem 200-Seelen-Dorf abspielte, die Täter ihre Opfer kannten und als nett und hilfsbereit galten. Gut ein halbes Jahr später, am (morgigen) Donnerstag, wird das Urteil erwartet. Doch die Tat ist nach wie vor nicht zu verstehen.

Wegen zweifachen Mordes, Geiselnahme und Diebstahls müssen sich die Gymnasiasten Felix D. und Torben B. seit rund drei Wochen vor der Jugendstrafkammer des Landgerichts Schwerin verantworten. Da der Prozess nicht öffentlich ist, werden viele Details wohl auch weiterhin im Dunkeln bleiben. Nur der Verlauf des Tatabends lässt sich inzwischen lückenlos rekonstruieren.

Am 13. Januar gegen 22.00 Uhr klingeln Felix und Torben im westmecklenburgischen Tessin an der Haustür der Familie E. Als der 46-jährige Vater die Tür öffnet, fordern sie ihn auf, sich hinzuknien. Doch der Mann wehrt sich. Da stechen die beiden mit mitgebrachten Küchenmessern auf ihn ein. In der ersten Etage fällt ihnen die 41-jährige Ehefrau zum Opfer - mehr als 60 Messerstiche zählt die Obduktion später. Der 16-jährige Sohn Florian kann sich in einem Zimmer verbarrikadieren und die Polizei anrufen.

Die Täter zeigen der von ihnen zuvor als Geisel genommenen 15-jährigen Eyleen die blutüberströmten Eheleute. Als die Polizei eintrifft, fliehen sie mit dem Mädchen im Auto des getöteten Ehepaares. Nach einem Unfall und rund einstündigen Verhandlungen mit der Polizei geben die beiden auf. Eyleen bleibt unverletzt - zumindest körperlich.

Seither versuchen die Menschen in Tessin das Unfassbare zu erklären. Felix stammt aus einer im Ort integrierten Familie, Torben aus einem Nachbardorf. An ihrem Gymnasium im nahe gelegenen Boizenburg galten sie als unauffällig, fleissig und höflich und engagierten sich in der Computer-AG. Doch schnell kommen Computerspiele als mögliche Auslöser für die Tat ins Gespräch.

Die Staatsanwaltschaft erklärt zu den Aussagen von Felix und Torben: Sie haben ein Auto stehlen wollen, um damit nach Japan zu fahren und ein neues Leben zu beginnen - angeblich als Ninja-Kämpfer. Bei einem der Angeklagten hat laut Staatsanwaltschaft auch der Wunsch nach Machtausübung eine grosse Rolle gespielt. Von einem «Blutrausch» sprechen Medien. Es stellt sich heraus, dass die beiden vor der Tat den Gewaltfilm «Final Fantasy VII» gesehen haben.

Vater von Felix spricht in der «Zeit»

Zum Auftakt des Prozesses spricht der Vater von Felix D. mit dem «Zeit Magazin Leben». Der Bericht ist das einzige öffentliche Dokument über die Hintergründe der Tat. Karl-Heinz D. war Vorsitzender des «Zeit»-Betriebsrates, demonstrierte gegen Atomkraft und bewundert Mahatma Gandhi. Die Mutter war Puppenspielerin. Weil sie Platz und Ruhe wollten, zogen die Eheleute mit den damals noch kleinen Kindern von Lüneburg nach Tessin. «Wie kann einer, der mit solchen Dingen aufgewachsen ist, Menschen töten?» fragt D., sieht aber auch, dass der Sohn Probleme mit dem Weltbild der Eltern hatte.

Seinen Sohn beschreibt D. als intelligent und wohlerzogen - fast ein Musterknabe. Doch da waren auch die Minderwertigkeitsgefühle und die Aussenseiterrolle. Felix flüchtete sich immer mehr in eine virtuelle Welt. In Computerspielen und Gewaltfilmen fand er neue Ideale und wurde selber zum stahlharten Kämpfer. «Er verachtete uns plötzlich», sagt die Mutter.

Wie sehr sich ihr Sohn verändert hat, wird den Eltern erst klar, als sie nach der Tat sein Tagebuch und andere Aufzeichnungen finden. Darin stehen finstere Gedanken und Tötungsfantasien. «Seine ganze Klasse sollte sich in eine Reihe aufstellen und durch Kopfschuss hingerichtet werden», erzählt die 15-jährige Schwester von Felix.

Die Eltern haben die Unterlagen der Staatsanwaltschaft gegeben. Sie plagen schwere Schuldgefühle. Sie besuchen Felix, der inzwischen einen Selbstmordversuch unternommen hat, regelmässig im Gefängnis. Zwei psychiatrische Gutachter beurteilen die Angeklagten als voll schuldfähig. Ihnen droht eine Höchststrafe von zehn Jahren.

Und die anderen Betroffenen? Der Sohn der Opfer lebt nach Medienberichten bei seiner Grossmutter in einem Nachbarort. Eyleen war mehrere Wochen in einer Klinik zur Behandlung, wie ihr Anwalt während des Prozesses erklärt. Und der Vater von Felix kündigte im Fernsehmagazin «Panorama» an, das Haus in Tessin verkaufen und wegziehen zu wollen. Mit seiner Tat habe Felix die Familie «in ein tiefes Loch gerissen». (dapd)

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