VW Golf: Vom Revoluzzer zum «Evoluzzer»
Aktualisiert

VW GolfVom Revoluzzer zum «Evoluzzer»

VW hat die siebte Generation des Kompaktsport-Klassikers Golf GTI behutsam weiterentwickelt – zu behutsam?

von
nve
1 / 4
Typisch VW Golf GTI: der rote Streifen im Kühlergrill und in den LED-Scheinwerfern.

Typisch VW Golf GTI: der rote Streifen im Kühlergrill und in den LED-Scheinwerfern.

Volkswagen
Neu? Nein, geliftet: die optischen Retuschen beschränken sich auf Details wie vergrösserte Abgasendrohre.

Neu? Nein, geliftet: die optischen Retuschen beschränken sich auf Details wie vergrösserte Abgasendrohre.

Volkswagen
Die Performance-Version profitiert von grösseren Bremsen und einer Vorderachs-Quersperre.

Die Performance-Version profitiert von grösseren Bremsen und einer Vorderachs-Quersperre.

Volkswagen

1976 eroberte Rocky die Kinos, eine «Fruchtfirma» namens Apple wurde gegründet, im Underground plärrten die Ramones und irgendwie traf auch ein Kompaktauto mit dem Kürzel GTI den Nerv der Zeit. Gerade mal 5'000 Verkäufe traute VW dem von einigen Ingenieuren heimlich bei Nacht kreierten Über-Golf zu – und dann wurde er mit seinen 110 PS bei nur 780 Kilo zum Inbegriff des sportwagendemütigenden Ampel-Blitzstarters und Vorbild etlicher Nachahmer.

Was nach sechs Generationen und der neuerlichen Modellpflege aus dem Revoluzzer geworden ist? Nun, böse gesagt ein Dickerchen (1,4 Tonnen). Ein Ordnungsfanatiker (Cockpit-Gestaltung). Ein Angepasster (adaptive Fahrwerksregelung). Ein Computer-Nerd (Assistenzsystem-Armada, digitales Cockpit, Display im Tablet-Stil, Smartphone-Anbindung) und ein Bonze (erst ab 38'650 Franken). An Kraft mangelt es dem um 10 auf 230 PS respektive in der gefahrenen Performance-Version um 15 auf 245 PS erstarkten Fronttriebler keineswegs, wohl aber an Mut. Die LED- statt Xenon-Scheinwerfer und umgestalteten Stossfänger sind ihm kaum anzusehen.

«Du Perfektionist, du!»

Doch der GTI wäre nicht der GTI, wenn ihm derartige Kritik nicht an seinem Hatchback-Hintern vorbeiginge. Im Alltag sind der Ordnungsfanatismus und die Angepasstheit eine echte Wohltat. Der Innenraum ist erstklassig verarbeitet, ergonomisch durchdacht und die Bedienung selbsterklärend. Fordert man die Leistung ab, ringen die Vorderräder zunächst nach Traktion, kleben dann aber satt auf dem Asphalt, wobei der Performance-GTI auch mit einer Vorderachssperre mithilft. Hinzu kommen eine rückmeldungsfreudige Progressivlenkung, ein knackiges Fahrwerk, fein dosierbare Bremsen sowie ein blitzschnelles 7-Gang-DSG. «Du Perfektionist, du!» ist das einzige, was man da noch schimpfen kann – aber dies in einer Aufruhr, dass von Emotionslosigkeit keine Rede sein kann. Und der Perfektionismus, mit dem das Kompaktsport-Original stärkeren, schnelleren und günstigeren Konkurrenten trotzt, hat ja auch fast etwas Revoluzzerhaftes.

VW Golf GTI Performance

Karosserie: 4,27 Meter lange, 5-türige Schräghecklimousine.


Antrieb: 2,0-Liter-R4-Turbobenziner mit 245 PS (180 kW) und 370 Nm.


Getriebe: 7-Gang-DSG (wahlweise mit 6-Gang-Handschaltung).

Fahrleistungen: 0-100 km/h in 6,2 Sekunden; 250 km/h Spitze.


Verbrauch: 6,3 L/100 km (Werksangabe).


CO2-Ausstoss: 144 g CO2/km (Werksangabe).


Preis: Ab Fr. 43'750 (Basis-GTI als Handschalter ab Fr. 38'650).


Infos:www.volkswagen.ch

IN KÜRZE

Der Hersteller sagt:

«Die Ikone schreibt bis heute als erfolgreichster Kompaktsportwagen der Welt Geschichte.»

Wir sagen:

Sie wird die Geschichte auch noch weiterschreiben.

Das gefällt:

Die vielen Gesichter des VW Golf GTI – insbesondere dann, wenn die 1'090-fränkige adaptive Fahrwerksregelung DCC an Bord ist, um für eine weite Spreizung zwischen Komfort und Sport zu sorgen. Im Alltag gibt sich der Wagen als sanftmütiger, zuvorkommender Gentleman, auf der Landstrasse verwandelt er sich wiederum in einen lebhaften Kurvenkünstler. Der Golf R mag noch schneller und dazu allradangetrieben sein, dafür fühlt sich der frontangetriebene GTI leichtfüssiger, verspielter an.

Das eher weniger:

Der im Sportmodus künstlich verstärkte Motorsound – im Zweifelsfall mögen wir's dann doch lieber leise als fake. Und so modern es auch sein mag, sämtliche Funktionen in einen Tablet-artigen Touchscreen zu integrieren: einen Drehregler für die Audioanlagen-Lautstärke hätten sie uns bei VW dann doch noch gönnen können.

Spannendes Detail:

Das beim Performance-GTI serienmässige, digitale Active Info Display ersetzt die klassischen Rundinstrumente. Besonders praktisch: Zwischen Tacho und Drehzahlmesser lässt sich die Navigationskarte einblenden.

Wer fährt so was?

Freunde einer sportlichen Gangart, die von ihrem Auto uneingeschränkte Alltagstauglichkeit, Understatement und nicht zuletzt eine hohe Wertbeständigkeit erwarten.

Alternativen dazu:

Skoda Octavia RS, Seat Leon Cupra, Peugeot 308 GTi, Ford Focus ST, Honda Civic Type R, Renault Megane RS, Hyundai i30 N und Co.

Am Steuer:

Nina Vetterli-Treml, Mitarbeiterin der Textlab GmbH und Testexpertin in der SRF2-Autosendung «Tacho».

Deine Meinung