Aktualisiert 18.03.2015 15:23

Game-CrackerVom Schweizer Hacker zum Gamedesigner

Die Schweizer Game-Cracker-Szene schrieb den ersten Amiga-Virus, knackte Kopierschutze und mauserte sich zur Gameentwickler-Szene. Eine Ausstellung am Fantoche gibt Einblicke.

von
Jan Graber
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«Leonardo» für den Amiga 500 stammte von René Straub, Christian Haller, Christian A. Weber und Orlando Petermann. Das Spiel erschien 1989 und wurden von Starbyte veröffentlicht.

«Leonardo» für den Amiga 500 stammte von René Straub, Christian Haller, Christian A. Weber und Orlando Petermann. Das Spiel erschien 1989 und wurden von Starbyte veröffentlicht.

«Crack» stammte ebenfalls von René Straub sowie Markus Grimmer, Reto Straub, Christian Haller, Christian A. Weber und Orlando Petermann. Das «Breakout»-ähnliche Game wurde 1988 vom Schweizer Publisher Linel veröffentlicht.

«Crack» stammte ebenfalls von René Straub sowie Markus Grimmer, Reto Straub, Christian Haller, Christian A. Weber und Orlando Petermann. Das «Breakout»-ähnliche Game wurde 1988 vom Schweizer Publisher Linel veröffentlicht.

Das Arcade-Spiel «Dugger» (1988) war offensichtlich vom Namco-Klassiker «Dig Dug» inspiriert. Die Macher: Christian A. Weber, Jens Eisert, Orlando Petermann, Markus Grimmer und Thorsten Zimmerman.

Das Arcade-Spiel «Dugger» (1988) war offensichtlich vom Namco-Klassiker «Dig Dug» inspiriert. Die Macher: Christian A. Weber, Jens Eisert, Orlando Petermann, Markus Grimmer und Thorsten Zimmerman.

Als die Besitzer eines Commodore-Amiga-Heimcomputers nach November 1987 ihren PC einschalteten, konnte es durchaus sein, dass sie statt mit dem üblichen Startbildschirm mit einer befremdlichen Meldung begrüsst wurden: «Something wonderful has happened Your AMIGA is alive !!! and, even better... Some of your disks are infected by a VIRUS !!!» Sie waren Opfer des ersten Amiga-Virus geworden.

Was die meisten nicht wussten: Das Virus kam aus der Schweiz, geschrieben von der SCA – der Swiss Cracking Association. Cracking Groups waren gewissermassen der Volkssport der damaligen Gamerszene. Crackers knackten kopiergeschützte Games und tauschten sie untereinander an sogenannten Copy-Parties, verschickten sie per Post oder stellten sie später in sogenannten Bulletin Boards online zur Verfügung. Oft ergänzten sie die Games mit eigenen Logos, Grüssen und bisweilen auch Spielhilfen. Was noch weniger wussten: Das Virus war aufgrund der Wette entstanden, dass es nicht möglich sei, einen Virus mit nur 1024 Zeichen zu erschaffen. Es war möglich, wie SCA bewies.

Krieg der Cracker

In der Schweiz bekämpften sich verschiedene Cracker-Szenen, darunter die Atari-ST-Szene und die Amiga-Szene, zu der die eingangs erwähnte SCA gehörte. Meist ging es darum, sich im Knacken der Spiele zu übertrumpfen und als Erster ein frei kopierbares Game anzubieten. Aber sie massen sich auch darin, wer mit einem flashigeren Logo das jeweilige Game verzierte. Da die Games in mühsamer Weise deassembliert – das heisst der Programmiercode in lesbare Computerbefehle aufgespaltet – und analysiert werden mussten, lernten die Cracker zwangsläufig einiges über die Gameprogrammierung.

Dies wiederum führte dazu, dass Exponenten der Crackerszene begannen, ihr Leben mit sogenannten Portierungen zu verdienen: Im Auftrag des Schweizer Publishers Linel konvertierten sie Atari-Games für den Amiga. Andere schrieben ihre eigenen Spiele, die Namen wie «Rolling Ronny», «Dugger», «Leonardo» und «Clown-o-Mania» trugen.

Kultige Games

Manche Spiele erreichten sogar Kultstatus. Für das Action-Rollenspiel «Traps'n'Treasures», das 1993 erschien, wurden auf Ebay zum Beispiel bereits 220 Euro geboten. Andere Spiele wie «War Heli» (1987) des Entwicklerteams Argonica verfügten nicht nur über Speicherpunkte – eine Seltenheit damals - sondern auch ausgeklügelte Kopierschutzmechanismen. Kein Wunder: Die Entwickler stammten alle aus der Crackerszene und wussten um die Kniffe ihrer Kollegen.

Beide Games - «Traps'n'Treasures» und «War Heli» - sind nun im Rahmen der Game-Ausstellung «Video Arcade Closed. Reopening everywhere.» am Filmanimationsfestival Fantoche zu sehen. Organisiert wird die Ausstellung von der Studienvertiefung Gamedesign der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK). «Wir wollen einen kleinen Einblick in die Gameszene 1987 geben und sie den aktuellen Entwicklern gegenüberstellen», sagt René Bauer von der ZHdK. In der Ausstellung werden sowohl die Ur-Games aus Schweizer Spielschmieden wie auch aktuelle Games des Studiengangs an der ZHdK gezeigt.

Mehr am ersten Gamesfestival

Die Ausstellung am Fantoche bildet indessen nur den Auftakt zu einer grösseren Show: Im Oktober findet in Zürich mit dem «gameZfestival» das erste grosse Gamefestival der Schweiz statt. «Am Gamezfestival werden wir weitere Spiele der Urszene zeigen und vertiefte Einblicke in die damalige Crackerszene bieten», sagt Bauer. Apropos Crackerszene: Mit dem Verschwinden der Atari- und Amiga-Computer lösten sich auch die Szenen weitgehend auf; manche der Exponenten besetzen heute namhafte Positionen in der Wirtschaft.

Die Ausstellung am Fantoche-Festival findet vom 4. bis 8. September in Baden statt, das gameZfestival wird vom 4. bis 6. Oktober in Zürich durchgeführt.

«Traps'n'Treasures»

(YouTube)

«Leonardo»

(YouTube)

«Rolling Ronny»

(YouTube)

«Clown-o-Mania»

(YouTube)

Der erste Amiga-Virus

(YouTube)

Video Arcade closed. Reopening everywhere.

Die Ausstellung «Video Arcade closed. Reopening everywhere» findet im Rahmen des Animationsfilm-Festivals Fantoche in Baden statt. Die Ausstellung entstand als Zusammenarbeit von Fantoche, ZHdK Gamedesign und gameZfestival. Sie dauert vom 4. bis 8. September.

www.fantoche.ch

gamedesign.zhdk.ch

www.gamezfestival.ch

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