Aktualisiert 02.10.2014 09:21

Lucien FavreVom «Super-Hirnli» zum «Fohlenflüsterer»

Mönchengladbach ist eine Sehnsucht. Nicht der schmucklose Ort tief im Westen der Republik als solcher, die Sehnsucht gilt dem Aushängeschild der Stadt: Borussia Mönchengladbach.

von
Sandro Compagno

Jeder Trainer, jeder Spieler wird an der Vergangenheit gemessen. Deutscher Meister 1970, 1971, 1975, 1976, 1977, Uefa-Cup-Sieger 1975 und 1979. Namen wie Hennes Weisweiler prägen diese goldenen Jahre. Namen wie Günter Netzer, Allan Simonsen oder Jupp Heynckes. Es ist eine schwere Last, die auf der heutigen Generation lastet. Nach den Erfolgen der 70er-Jahre fiel die «Fohlenelf» erst ins Mittelmass zurück, ehe sie 1999 ein erstes und 2007 ein zweites Mal aus der Bundesliga abstieg.

Nach nur einem Jahr kehrte die Borussia jeweils in die höchste Liga zurück, konnte sich aber nicht wieder an der Spitze etablieren. Als 2011 erneut die Relegation drohte, verpflichtete Sportchef Max Eberl einen Mann, der zuvor bei Hertha Berlin entlassen und nach einer desaströsen Medienkonferenz 17 Monate arbeitslos war: Lucien Favre.

Wieder eine gefragte Adresse

Der Romand galt und gilt als Konzepttrainer. Ein schrulliger Fussball-Professor, der vor allem eines braucht, um Erfolg zu haben: Zeit. So gingen die meisten Kommentatoren davon aus, Favre sei an den Niederrhein gekommen, um die Mannschaft in der 2. Bundesliga zu stabilisieren und die Mission Wiederaufstieg mit etwas Vorlaufzeit anzugehen. «Ich wurde nicht als Feuerwehrmann verpflichtet», sagte Favre damals im Interview mit 20 Minuten. Er glaube daran, mit Gladbach den Abstieg zu verhindern: «Die Chance ist da, mit Mönchengladbach in der Bundesliga zu bleiben.»

Via Relegation gegen Bochum schaffte Favre das «Wunder von Mönchengladbach», hielt die Klasse und machte sich gemeinsam mit dem cleveren Sportchef Eberl daran, aus Mönchengladbach wieder eine Adresse erster Güte in Deutschland zu machen. 4., 8. und 6. lauten die Platzierungen in den drei Bundesliga-Spielzeiten seither. Und das trotz gewichtiger Abgänge von Spielern wie Reus, Dante oder Hochstätter.

Die Euphorie neu entfacht

Favre und Eberl führen die sportlichen Geschicke umsichtig und unsentimental. Verdiente Spieler wie Hanke oder Arango wurden aussortiert und mit Talenten ersetzt, die in Gladbach einen Schritt in ihrer Karriere machen wollen wie Kruse, Hahn oder Kramer. Aktuell steht die Borussia in der Bundesliga auf Platz 2, unmittelbar hinter dem FC Bayern München.

Favre hat den Erfolg zurück in den Borussia-Park gebracht. Und die Euphorie: 8000 bis 10'000 Fans aus Deutschland werden am Donnerstag im Zürcher Letzigrund erwartet, wenn Favre im Rahmen der Europa League an seine alte Wirkungsstätte zurückkehrt. Die Mannschaft, die er mitbringt, spielt im gleichen System, mit dem der Romand vor acht Jahren Schweizer Meister wurde: ein klassisches 4-4-2.

Sein System wirkt in einer Zeit, in der ein 4-2-3-1 Weltmeister wurde, in der mit 3-5-2 oder 3-4-3 experimentiert wird, fast etwas antiquiert. «Es wird im Fussball keine neuen Systeme mehr geben, alles wurde schon gespielt. Hier in Mönchengladbach stelle ich 4-4-1-1 oder 4-4-2 auf, interpretiere das aber flexibel. Wichtig sind intelligente Bewegung und die Flexibilität der Spieler», sagte Favre vor wenigen Wochen gegenüber 20 Minuten.

Favre nicht mehr belächelt

Spielintelligenz ist das Wichtigste für Favre, der am Anfang seiner Bundesliga-Karriere vom Boulevard verniedlichend als «Super-Hirnli» bezeichnet wurde. «Super-Hirnli» war einmal, unlängst widmete die «Zeit» dem mittlerweile 56-Jährigen ein ausführliches Porträt unter dem Titel «Der Fohlenflüsterer». Verniedlichen kann diesen Mann und diese Mannschaft heute niemand mehr.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.