Charyl Chappuis: Vom U17-Weltmeister zum Superstar in Thailand
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Charyl ChappuisVom U17-Weltmeister zum Superstar in Thailand

Sein Gesicht und seinen Namen kennt in Thailand jeder. Wenn er auftaucht, ist es vorbei mit der Ruhe. Die faszinierende Geschichte des Charyl Chappuis (23) aus Kloten.

von
M. Allemann
Bangkok

Wir machen nur einige wenige Schritte aus der Appartement-Anlage raus, in der Charyl Chappuis in Bangkok lebt. Ein Passant erkennt ihn sogleich und bittet ihn sichtlich aufgeregt um ein gemeinsames Foto.

Während der Besucher aus der Schweiz über die Szenerie staunt, ist das für Chappuis Alltag. Der junge Fussballer hat fast eine Million Follower auf Instagram. Er ist in Thailand ein Nationalheld. Sich in der Öffentlichkeit unerkannt zu bewegen, ist für ihn ein Ding der Unmöglichkeit geworden. In die grossen Shopping Malls in Bangkok geht er eigentlich nicht mehr. Denn die Chance, dass er erkannt wird, die Leute Selfies mit ihm machen wollen oder ein Autogramm möchten, ist zu gross geworden. «Sagt man dann ja, entsteht plötzlich eine Warteschlange mitten im Kaufhaus», erzählt Chappuis.

Unbehelligt kann er sich dagegen daheim in Kloten oder in Zürich bewegen. Dort erkennt ihn so gut wie niemand. Es sei denn, er trifft gerade auf Thais, von denen es ja auch in der Schweiz einige gibt. Chappuis bewegt sich zwischen zwei extremen Welten. «Ich geniesse meine Popularität in Thailand», sagt er, «aber ich bin auch sehr gerne in der Schweiz, das hilft mir, auf dem Boden zu bleiben und die Realität nicht zu vergessen.»

Xhaka ging in die Bundesliga, Chappuis nach Thailand

Das Datum 15.11.2009 hat Chappuis auf seinem Unterarm tätowiert. Damals wurde er in Nigeria mit der Schweizer U17-Nati sensationell Weltmeister. «Ein Moment, den man nie mehr vergisst.» Der Zürcher spielte am für die Schweiz so gigantisch verlaufenen Turnier von der ersten bis zur letzten Minute durch. Auf dem Weg zum grossen Triumph kreuzte und schlug er Gegenspieler, die heute Weltstars sind. Wie Neymar, Mario Götze oder Stephan El Shaarawy. Seite an Seite mit Granit Xhaka, Ricardo Rodriguez oder Haris Seferovic. Während diese drei zu begehrten Bundesliga-Spielern wurden, führte der Weg von Chappuis nach Thailand.

Der Sohn eines Schweizers und einer Thailänderin wuchs in Kloten auf und durchlief später die Juniorenabteilung bei GC. Den Durchbruch in der ersten Mannschaft schaffte er jedoch nicht. «Das lag primär auch an mir. Ich dachte nach dem WM-Titel mit der U17, dass ich es schon geschafft habe und tat zu wenig», gibt sich Chappuis selbstkritisch. Und so liess er sich in die Challenge League ausleihen, zunächst nach Locarno, später nach Lugano. Im Winter 2012 trat dann Buriram United, als Serienmeister so etwas wie der FC Basel Thailands, an ihn heran. Chappuis nahm in der Hauptstadt des Isan, der Nordostregion Thailands, einen Augenschein vom Club und der Infrastruktur, war begeistert und blieb.

Es dauerte nicht lange, da trat auch die thailändische Nationalmannschaft an ihn heran. Der Zürcher nahm den Nationenwechsel vor, spielte zunächst in der U23-Auswahl, später stieg er in die A-Nationalmannschaft auf. Vor einem Jahr gewann Thailand die Südostasien-Meisterschaft und Chappuis war als Spielmacher und vierfacher Torschütze die zentrale Figur. Es entstand im Land eine riesige Euphorie – um die Nationalmannschaft, aber auch um Chappuis. Den Helden wurde in Bangkok ein bombastischer Empfang bereitet, drei Millionen standen am Strassenrand. «Das war einmalig, wenn man bedenkt, dass es doch eigentlich nur ein kleiner Titel war. Ich weiss ja nicht, was im Land los wäre, wenn wir mal bei der Asienmeisterschaft weit kommen oder uns für die WM qualifizieren könnten.»

Der Traum von der WM-Teilnahme mit Thailand

Es mit Thailand erstmals in der Geschichte des Landes an eine WM zu schaffen und dort im besten Fall noch gegen die Schweiz zu spielen, das ist so etwas wie der Wunschtraum des Doppelbürgers. Derzeit führt Thailand in der zweiten Phase der asiatischen WM-Qualifikation die Tabelle in seiner Gruppe souverän an. Bis an die WM 2018 nach Russland ist es aber noch ein weiter Weg, danach müssten die Thais in der dritten und entscheidenden Runde gegen international erfahrene Nationen wie Japan, Südkorea oder Australien bestehen, um sich einen der vier asiatischen WM-Plätze ergattern zu können. «Das ganze Land träumt davon und auch ich glaube daran, dass es möglich ist, auch wenn es sehr, sehr schwierig wird», so Chappuis.

Auf jeden Fall sei der thailändische Fussball im Aufschwung, es sei eine junge, hungrige Generation im Anmarsch, die Liga boome und die Begeisterung für die Nationalelf sei riesig. Das Niveau in der thailändischen Premier League bezeichnet der kreative Mittelfeldspieler, der in der U17-Nati noch als Innenverteidiger Weltmeister wurde, als etwas tiefer als in der Schweiz, «vor allem taktisch. Dafür ist die Leidenschaft riesig. Und einige der hier tätigen Ausländer sind für mich besser als jene in der Super League.» Als Beispiel nennt er den Brasilianer Diogo von Buriram United, der früher beim FC Santos an der Seite von Neymar gespielt hat.

Der Name als Codewort

Im August 2014 hat Chappuis den Klub gewechselt, inzwischen spielt er für den aufstrebenden und nach Titel lechzenden FC Suphanburi (eine Art YB von Thailand) und pendelt zwischen seinem Hauptdomizil in Bangkok und der Provinzstadt rund zwei Autostunden von Bangkok entfernt, wo er ebenfalls eine Bleibe hat. An seiner Seite ist seine langjährige Schweizer Freundin Melanie, die ihm nach Thailand gefolgt ist. Der Club hat ihm nebst anderen Annehmlichkeiten auch einen persönlichen Chauffeur zur Verfügung gestellt. Der Klotener ist zwar nicht wie Xhaka oder Rodriguez in einer Topliga gelandet, ist aber trotzdem glücklich über den Verlauf seiner Karriere. «Ich führe hier ein sehr schönes Leben und denke im Moment auch nicht daran, wegzugehen. Die Freundlichkeit der Leute ist einfach überwältigend», sagt er.

Dazu hat er sich als Fussball-Star des Landes schlechthin auch einen persönlich hohen Standard erarbeitet. Diesen spürt er täglich. Will Chappuis etwa in Bangkok in einem gefragten Restaurant telefonisch einen Tisch buchen und wird zunächst damit vertröstet, er möge doch mal seinen Namen und seine Telefonnummer hinterlassen, man werde schauen, was sich da machen lasse, meldet sich, nachdem Chappuis dies getan hat, eine Minute später der Chef des Hauses höchstpersönlich bei ihm und bietet ihm einen der begehrten Tische an. «Meine Freundin sagt dann immer, mein Name sei hier ein Codewort», erzählt der Zürcher und schmunzelt. Im thailändischen Fernsehen lächelt er einem ausserdem regelmässig in Werbespots entgegen. Er ist die Werbefigur von Nivea, der Clip mit ihm wird aber auch in Laos und auf den Philippinen ausgestrahlt. Daneben ist Chappuis auch der asiatische Botschafter für die Uhren-Luxusmarke Hublot. Man kann sich selbst ausrechnen, dass er sich dadurch in einen finanziellen Bereich gedribbelt hat, in dem sich in der Schweiz wohl nur die Topspieler bewegen. «Es gab vor einem Jahr eine Anfrage aus der Super League», verrät Chappuis, «doch als sie realisierten, was ich hier verdiene, sind sie erschrocken, und die Sache war erledigt.»

Harte Arbeit fürs Comeback

Immer wieder wurde die Karriere von Chappuis durch Rückschläge in Form von schweren Verletzungen begleitet. Einmal war es ein Fussbruch, derzeit erholt er sich gerade von seiner zweiten schweren Knieverletzung und kämpft sich nach einem Knorpelschaden zurück. Im Januar möchte er wieder voll ins Mannschaftstraining einsteigen können und im Februar zum Start der neuen Saison in Thailand sein Comeback geben. Derzeit trainiert er zweimal täglich mit einem Physiotherapeuten und einem Fitnesscoach. Der Druck wird bei seiner Rückkehr – und das ist die Kehrseite der Medaille seiner Popularität im Ferienparadies – gross sein. «Dessen bin ich mir auch voll bewusst», sagt Chappuis, aber er freue sich darauf, nach der Leidenszeit von einem Jahr diese Herausforderung annehmen zu können. «Und ich habe die volle Unterstützung von meinem Club, sie geben mir die Zeit, die ich brauche.»

Wieder auf sein Topniveau zu kommen, hat daher für den Klotener derzeit oberste Priorität. Wohin ihn der Weg in seiner Karriere noch hinführt, lässt er offen. Den Traum, es eines Tages wie seine Weltmeister-Kollegen Xhaka oder Rodriguez in eine grosse Liga zu schaffen, hat er nicht aufgegeben. «Für diesen gebe ich jeden Tag alles und träumen darf man, auch wenn ich weiss, dass es enorm schwierig wird», meint er. Vielleicht bleibt er jedoch auch noch lange in Thailand. Oder versucht sich möglicherweise in der höher einzustufenden japanischen J-League oder der koreanischen K-League. Eine weitere Option wird natürlich auch immer eine Rückkehr in die Schweiz bleiben. «Warum nicht eines Tages wieder bei GC, es wird immer der Club meines Herzens bleiben.»

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