François Hollande: Vom «Witzbold» zum Sarkozy-Schreck

Aktualisiert

François HollandeVom «Witzbold» zum Sarkozy-Schreck

François Hollande hat eine unglaubliche Wandlung hinter sich. Vom «Monsieur Royal» hat er sich in den Albtraum von Nicolas Sarkozy verwandelt. Nur jemand kann ihn noch stoppen.

von
Adrian Eng
François Hollande vor seiner Verwandlung 2004 und als Herausforderer von Nicolas Sarkozy 2011.

François Hollande vor seiner Verwandlung 2004 und als Herausforderer von Nicolas Sarkozy 2011.

Die Breitseite gegen den französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy hat gesessen. Rund zwei Millionen Franzosen sind dem Slogan «Ein Euro – das ist nicht viel, um Sarkozy loszuwerden!» gefolgt und haben an den Primärwahlen zur Vorausscheidung der sozialistischen Präsidentschaftskandidaten teilgenommen. Für einen symbolischen Euro und eine Unterschrift konnten (nicht nur die linken) Franzosen ihren Favoriten wählen. Dank der hohen Beteiligung war die Wahl ein voller Erfolg für die Parti socialiste.

Gleich doppelt erfolgreich war der Kronfavorit der Sozialisten, François Hollande. Er setzt sich mit knapp 40 Prozent der Stimmen klar durch und geht nun aus der Pole-Position in die Stichwahl vom kommenden Sonntag gegen die vor allem in der Hauptstadt Paris beliebte Parteichefin Martine Aubry.

Hollande marschiert durch und durch gestärkt in die letzten sechs Monate vor der französischen Präsidentschaftswahl. Die erstmalige öffentliche Vorwahl bei den Sozialisten hat nämlich den positiven Nebeneffekt, dass die parteiinterne Zerfleischung, die vor fünf Jahren der damaligen Siegerin Ségolène Royal arg zugesetzt hatte, diesmal ausblieb. Und neben der kürzlich gefeierten neuen Mehrheit in französischen Senat kann sich Hollande auch über die katastrophalen Umfragewerte des amtierenden Präsidenten Sarkozy freuen.

Nicolas Sarkozy agressé

«Monsieur Royal»

Sollte François Hollande am nächsten Sonntag also auch die Hürde Aubry meistern, könnte er seiner Partei die erstmalige Rückkehr in den Elysée-Palast seit der Ära Mitterand bescheren. Das wäre die Krönung der politischen Karriere eines Mannes, der einst ein Schattendasein fristete.

Der 57-jährige Hollande galt lange als «weich», zu freundlich und zu jovial, um eine führende Position einzunehmen. Von seinem einstigen Ziehvater, dem ehemaligen Premierminister Lionel Jospin, wurde er mehr oder weniger liebevoll «Witzbold» genannt. In der Sozialistischen Partei galt er lange als Normalo. Man nannte ihn scherzhaft «Monsieur Royal», weil er stets lieb lächelnd an der Seite seiner Lebensgefährtin und Mutter seiner vier Kinder, Ségolène Royal, stand. Sie stieg zur Ministerin auf und kämpfte 2007 gegen Nicolas Sarkozy um das Präsidentenamt. Er war um die Familie besorgt.

Hollandes Karriere war denn auch bis vor kurzem wenig spektakulär. Im Dunstkreis von François Mitterand gelang ihm in den 80er Jahren der Einstieg in die nationale Politik. Er fungierte als Wirtschaftsberater für den Präsidenten und schaffte den Sprung ins Abgeordnetenhaus und in die Stadtregierung der Kleinstadt Tulle im Département Corrèze. 2001 wurde er dort Bürgermeister. Nach dem Abgang Jospins übernahm er zudem die Leitung der Sozialisten. Er war weder eloquent noch charismatisch. Eigenschaften und Reibungspunkte suchte man bei ihm vergebens.

2009 kam die Wende

Im Jahr 2009 wurde alles anders. Hollande verlor in kurzer Zeit 15 Kilogramm Körpergewicht, legte sich eine neue Freundin zu, gab sich ein klareres politisches Profil und meldete seine Ambitionen an, Präsident zu werden. Als erster der Sozialisten machte er im April dieses Jahres seine Kandidatur bekannt und ist seither ununterbrochen im Land unterwegs, um Wählerhände zu schütteln. Seine Wirtschaftskenntnisse waren in der Krise gefragt, besonders nach dem abrupten Ende der Kandidatur von Dominique Strauss-Kahn.

Im Gegensatz zu seiner Rivalin Aubry verfügt Hollande zwar über keine Minister-Erfahrung und wirkt oft etwas gehemmt, dafür trifft er mit seinen Themen den Nerv seiner Wähler. Hollande hat sich der Jugend verschrieben und punktet mit Wirtschaftsthemen und seiner Anti-Sarkozy-Position. Zudem kommt ihm zu Gute, dass er bis ins bürgerliche Lager hinein Stimmen generiert. Im Gegensatz zu Aubry, die vielen Franzosen zu weit links politisiert.

In Frankreich heisst es, je mehr Gewicht Hollande bei seiner Diät verliere, desto mehr Gewicht gewinne er in der Politik. Und unter den Sozialisten kursiert der Witz: «Wann wird Holland Präsident? – Noch fünf Kilogramm.»

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