Instrumentalisierte Flüchtlinge : «Die Türkei lenkt den Flüchtlingsstrom gezielt»
Aktualisiert

Instrumentalisierte Flüchtlinge «Die Türkei lenkt den Flüchtlingsstrom gezielt»

Athen und Ankara machen sich in der aktuellen Flüchtlingskrise gegenseitig schwere Vorwürfe. Viele davon dürften wahr sein – auch wenn von beiden Seiten Propaganda mitschwingt.

von
Ann Guenter
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Tausende Flüchtlinge und Migranten vor allem aus Afghanistan, Syrien und Irak haben sich auf den Weg gemacht, als der türkische Präsident Erdogan am 27. Februar erklärte, die Grenzen zu öffnen.

Tausende Flüchtlinge und Migranten vor allem aus Afghanistan, Syrien und Irak haben sich auf den Weg gemacht, als der türkische Präsident Erdogan am 27. Februar erklärte, die Grenzen zu öffnen.

epa/Sedat Suna
Die Menschen wollen am 28. Februar am liebsten alle aufs Mal einen Bus in Istanbul besteigen, der sie zur türkisch-griechischen Grenze fährt.

Die Menschen wollen am 28. Februar am liebsten alle aufs Mal einen Bus in Istanbul besteigen, der sie zur türkisch-griechischen Grenze fährt.

Reuters/Yagiz Karahan
Am Grenzübergang Pazarkule.

Am Grenzübergang Pazarkule.

Florion Goga

Seit der Grenzöffnung durch die Türkei spitzt sich die Flüchtlingskrise zu. Seither beschuldigen sich die Türkei und Griechenland gegenseitig des krassen Fehlverhaltens. Jüngstes Beispiel: Die Türkei meldet, dass durch Schüsse griechischer Grenzbeamter ein Migrant getötet und fünf weitere verletzt worden seien. Die griechische Regierung hat dies umgehend dementiert und spricht von Fake News.

Des Weiteren verweisen griechische und türkische Behörden dieser Tage immer wieder auf Videos, die das Fehlverhalten des jeweils anderen belegen sollen. So veröffentlichte die griechische Küstenwache am Montag ein Video, das ein Boot der türkischen Küstenwache zeigt, wie es ein Schlauchboot voller Flüchtlinge und Migranten in griechische Gewässer eskortiert, also quasi gezielt Fluchthilfe leistet. Der Vorfall habe sich in der östlichen Ägäis zugetragen, so die Küstenwache. Wann oder wo genau die Aufnahme gemacht wurde, bleibt offen.

Ein Video, das die türkische Regierung in Umlauf brachte, zeigt hingegen, wie ein Boot der griechischen Küstenwache ein Flüchtlingsboot beinahe rammt. Später peitschen knapp neben dem Boot Schüsse in Wasser. Auch hier ist unklar, wann und wo genau das Video aufgenommen wurde. Weder die griechischen noch die türkischen Behörden kommentierten die jeweiligen Videos.

Wie viel ist Wahrheit, wie viel Propaganda?

Wie viel Wahrheit steckt in solchen Videos – und wie viel zielt in erster Linie auf Propaganda und Aufheizung der Stimmung ab? «Zumindest in der Türkei gibt es derzeit mit Sicherheit anti-griechische Propaganda», sagt Kristian Brakel von der Heinrich-Böll-Stiftung in Istanbul. «Ankara hat ein Interesse daran, die griechische Seite möglichst schlecht aussehen zu lassen.»

Das sei derzeit auch einfach. So habe er mit verschiedenen Leute vor Ort gesprochen, die das Vorgehen der griechischen Grenzwächter miterlebt hätten: «Sie schiessen mit Tränengas und Plastikgeschossen in die Menge, auch auf Frauen und kleine Kinder. Es gibt auch Berichte von Flüchtlinge und Migranten, die es irgendwie nach Griechenland schafften und die dort verprügelt und beraubt wurden, bevor man sie zurück in die Türkei brachte. Es braucht also nicht besonders viel, um Griechenland schlecht aussehen zu lassen – und auch wenn nicht alles hundert Prozent verifizierbar ist, ist es doch sehr wahrscheinlich.»

«Offensichtlich, dass das passiert und gesteuert wird»

Gleichzeitig ist aber auch der griechische Vorwurf nicht aus der Luft gegriffen, wonach die Türkei Flüchtlinge ermuntert, nach Griechenland überzusetzen, und sie dabei sogar gezielt eskortiert. «Seit Freitag lautet der Tenor in der Türkei: Die Grenze ist offen, packt die Chance. Und es gibt auch Bustransporte verschiedener Art zur Grenze. Es ist ganz offensichtlich, dass das passiert und gesteuert wird», sagt Brakel.

Olga Drossu von der Heinrich-Böll-Stiftung in Thessaloniki stimmt ihrem Kollegen Brakel voll und ganz zu. «Die Türkei lenkt den Flüchtlingsstrom gezielt aus ihrem Land heraus. Das hat sie schon lange angekündet und vorbereitet. Ziel ist es, Griechenland zu destabilisieren und Europa zu erpressen.»

Übertreibungen und offene Erklärungen

Dass die Flüchtlinge und Migranten von griechischer Seite für Propagandazwecke missbraucht werden, bezweifelt sie. «Es gibt zu viele Belege, dass die Türkei den Flüchtlingsstrom steuert», sagt sie. «Flüchtlinge erzählen, dass sie von türkischen Sicherheitskräften in den Grenzfluss Evros geschubst worden seien. Das mag eine Übertreibung sein. Dass den Flüchtlingen aber kostenlos staatliche Busse zur Verfügung gestellt werden, um sie zur Grenze zu bringen, ist keine.»

Der Bürgermeister der Stadt Bolu macht daraus kein Geheimnis: Er werde allen Flüchtlingen, die es wünschten, einen Platz im Bus bereitstellen, um sie an die 500 Kilometer entfernte griechische Grenze zu bringen. «Wir sind bereit, den Transport sicherzustellen», sagte er gemäss Tagesschau.de.

«Es geht darum, diese Menschen zu instrumentalisieren»

«Natürlich geht es darum, das Bild einer Krise zu erzeugen», sagt der Türkei-Kenner und Islamwissenschaftler Brakel. «So kommt Erdogan auch auf recht abstruse Zahlen. Erst sagte er, Hunderttausende seien auf dem Weg nach Europa, gestern hiess es, es würden eine Million Flüchtlinge kommen. Es geht darum, diese Menschen zu instrumentalisieren.»

Auch Griechenland arbeitet in dieser Situation gerne mit Übertreibungen. Zumindest ist die «Invasion» von Flüchtlingen und Migranten, von der griechische Regierungsvertreter seit der türkischen Grenzöffnung gerne sprechen, bislang ausgeblieben.

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