Antikörper-Therapie - Wirkstoff in Corona-Medikament wirkt kaum gegen Delta
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Antikörper-TherapieWirkstoff in Corona-Medikament wirkt kaum gegen Delta

Ein Wirkstoff in einem vom BAG reservierten Covid-19-Medikament, das bei schweren Verläufen eingesetzt wird, wirkt kaum gegen die Delta-Variante. Das zeigt eine neue Studie der Universität Cambridge.

von
Daniel Krähenbühl
Gabriela Graber
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Ein vom Bund gekauftes Medikament, das bei schweren Covid-Verläufen eingesetzt werden soll, wirkt laut einer neuen Studie nur ungenügend gegen die Delta-Variante des Virus. 

Ein vom Bund gekauftes Medikament, das bei schweren Covid-Verläufen eingesetzt werden soll, wirkt laut einer neuen Studie nur ungenügend gegen die Delta-Variante des Virus.

Eli Lilly
Die US-Firma Regeneron hat zusammen mit Roche ebenfalls einen Antikörper-Cocktail Medikament entwickelt.

Die US-Firma Regeneron hat zusammen mit Roche ebenfalls einen Antikörper-Cocktail Medikament entwickelt.

Regeneron Pharmaceuticals
Die Schweiz hat 3000 Dosen von Kombinationen von Casirivimab/Imdevimab bestellt. 

Die Schweiz hat 3000 Dosen von Kombinationen von Casirivimab/Imdevimab bestellt.

Getty Images/iStockphoto

Darum gehts

  • Wie eine Cambridge-Studie zeigt, wirkt eine vom Bund gekaufte Antikörper-Therapie nur schlecht gegen die Delta-Variante des Coronavirus.

  • Laut dem Tessiner Infektiologen Christian Garzoni sei der Bund mit dem Kauf ein Risiko eingegangen. Man habe jedoch im Voraus nicht wissen können, welcher Wirkstoff gegen die Varianten funktioniere.

  • Der Bund strebe eine Strategie der Risikodiversifikation an, sagt ein BAG-Sprecher. Daher bemühe er sich um Verträge mit verschiedenen erfolgversprechenden Produkten.

Die Wirkung unserer Corona-Medikamente auf Delta wird durch eine Studie der Universität Cambridge massiv angezweifelt: Die Forschenden des renommierten Gupta Labors untersuchten, inwiefern verschiedene Antikörper-Cocktails gegen B.1.617.2, die sogenannte Delta-Variante des Coronavirus, wirken. Das Ergebnis: Teilweise sei die Effektivität der Antikörper-Therapie reduziert, in einigen Fällen wirkte das Arzneimittel überhaupt nicht. In der Studie prüften die Forschenden verschiedene Wirkstoffe – unter anderem auch jene, die in der Schweiz zum Einsatz kommen sollen: Casirivimab, Imdevimab und Bamlanivimab. Eine Begutachtung der Studie durch ein Fachleutegremium (Peer Review) steht noch aus.

2300 Franken pro Dosis

Die Schweiz hat bereits 3000 Dosen von Kombinationen von Casirivimab/Imdevimab gekauft, die von Roche mitentwickelt wurde. Der Bund übernimmt die Kosten der Behandlung – 2300 Franken pro Präparat – die seit Mitte Mai möglich ist. Das Arzneimittel hat noch keine Zulassung von Swissmedic erhalten, die Anwendung wurde gemäss Artikel 21 der Covid-19-Verordnung ausnahmsweise erlaubt.

Der Bund hat sich auch 4300 Dosen von Kombinationen von Bamlanivimab/Etesevimab gesichert, die von der Firma Eli Lilly and Company in Partnerschaft mit den Unternehmen Abcellera und Junshi Biosciences entwickelt wurden.

Die Antikörpertherapien werden zur Behandlung einer leichten bis mittelschweren COVID-19-Erkrankung verschrieben, wenn das Risiko besteht, dass der Patient oder die Patientin eine schwere Verlaufsform entwickelt. Die Verabreichung erfolgt durch eine intravenöse Infusion.

Forscher und Forscherinnen warnen vor Entstehung von Mutationen

Die Forschenden äussern sich kritisch: «Bamlanivimab, das in einer klinischen Studie gegen frühere Varianten einen Nutzen zeigte, konnte die Delta-Variante nicht neutralisieren.» Auch Imdevimab, Teil des dualen Antikörper-Cocktails REGN-COV2 habe gegen Delta nicht die gleiche Wirkung entfalten können wie gegen frühere Varianten. Zudem wirke der zweite Teil des Antikörper-Cocktails, Casivirimab, gegen Delta ebenfalls weniger gut, schreiben die Autoren auf Twitter. «Diese dualen Therapien könnten gegen Delta weniger wirksam sein. Insbesondere bei einer Beeinträchtigung des Immunsystems könnte es zu einer Entstehung oder Übertragung von Mutationen kommen.»

Laut Christian Garzoni, Infektiologe und Klinikleiter des Spitals Moncucco in Lugano, zeigten die Studienautoren, dass vor allem der Antikörper namens Bamlanivimab schlecht gegen die Delta-Variante wirkt. Der Bundesrat und das BAG hätten sich trotzdem nichts zuschulden kommen lassen: «Der Bund hat gekauft, was erhältlich war. Das war die richtige Entscheidung, obwohl damit Risiken verbunden waren.» Denn zu jenem Zeitpunkt konnte man – ähnlich wie bei den Impfungen – nicht vorhersehen, welcher Wirkstoff am besten funktioniere. «Vor allem gegen allfällige Varianten.» Dass das Geschäft wahrscheinlich ein «schlechter Einkauf» war, könne leider vorkommen.

Schweizer Covid-Medikament mit guter Wirksamkeit

Sehr positiv sei hingegen, dass die Studie die gute Wirksamkeit des Antikörpers Sotrovimab gegen die Delta-Variante bewiesen habe. «Der Bund hat kürzlich einen Vertrag unterzeichnet, mit dem 3000 Dosen dieses Arzneimittels mit diesem Antikörper reserviert wurden.» Der Antikörper sei von der Firma Humabs BioMed mit Sitz in Bellinzona TI entdeckt und entwickelt worden – ein Schweizer Produkt also. Es werde von der Firma GlaxoSmithKline in Partnerschaft mit dem Unternehmen VIR Biotechnology bereits auf der ganzen Welt verkauft.

Klar sei, dass die Antikörper-Therapien nur etwas bringen, wenn sie in den ersten fünf Tagen nach Symptombeginn verabreicht werden, sagt Garzoni. «Ausserdem habe die Schweiz entschieden, das Medikament nur an Personen mit dem Risiko eines negativen Verlaufs abzugeben, etwa einer Immunschwäche, Übergewicht, Bluthochdruck oder Diabetes. Die bestellten Mengen seien aber relativ tief: «Der Bund muss sich nun Gedanken machen, ob er die Vorräte im Hinblick auf den Winter aufstockt.»

BAG verfolgt Strategie der Risikodiversifikation

Der Bund evaluiere gemeinsam mit den Expertinnen und Experten der Science Task Force vielversprechende experimentelle Covid-19 Therapien, sagt ein BAG-Sprecher. «Dabei strebt er eine Strategie der Risikodiversifikation an, weshalb er sich um Verträge für verschiedene erfolgversprechende Produkte bemüht.» Diverse Studien hätten die Wirksamkeit der Kombination Casivirimab/Imdevimab gegen die Delta- Variante gezeigt. «Bamlanivimab als Monotherapie wurde und wird in der Schweiz nicht eingesetzt werden.»

Das Medikament von Eli Lilly sei noch nicht in der Schweiz eingesetzt worden, steht aber als zusätzliche Reserve bei Bedarf zur Verfügung, sagt Sprecherin Michela Felberbaum. «Präklinische Daten aus unseren Labors zeigen, dass die Kombination Bamlanivimab und Etesevimab die neutralisierende Aktivität gegenüber den derzeit in vielen Ländern im Umlauf befindlichen Varianten, einschliesslich Delta und Alpha, beibehalten.»

Roche wollte sich auf Anfrage nicht zu den Studienergebnissen äussern.

Anmerkung der Redaktion:

Nach der Veröffentlichung des Artikels wendete das BAG ein, dass es sich um eine falsche Schlussfolgerung handelt: «Wir haben kein Bamlanivimab – das nicht wirksam gegen Delta ist – reserviert, sondern die Kombination Bamlanivimab/Etesevimab, die aufgrund des Wirkstoffs Etesevimab gegen Delta eine Wirksamkeit zeigt», sagt ein BAG-Sprecher.

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