Aktualisiert 09.07.2018 07:51

Eat this!

Von der Angst, in der Öffentlichkeit zu essen

Geht es um die Ernährung, müssen sich übergewichtige Menschen so einiges anhören. Viele schämen sich, unterwegs zu essen.

von
Jürg Hösli
Geht es um Ernährung, wissen es alle besser. Immer mehr Menschen schämen sich, vor den Augen anderer zu essen.

Geht es um Ernährung, wissen es alle besser. Immer mehr Menschen schämen sich, vor den Augen anderer zu essen.

Kizilkayaphotos

Übergewichtig zu sein ist heute oft ein Spiessrutenlauf. In der Öffentlichkeit werden adipöse Menschen immer mehr gemobbt. Der Satz «Jeder ist selbst schuld, wenn er übergewichtig ist» stellt ein Ausgrenzen dar. Er stempelt andere als Sündenbock ab und schafft statt Lösungen erst recht neue Leiden.

Ein typisches Beispiel: Eva, 160 Zentimeter gross, 105 Kilo schwer. Ihr gegenüber sitzt Adam, 186 Zentimeter gross, 78 Kilo schwer und sportlich. Eva sitzt im Zug von Bern nach Zürich. Ihr Gegenüber isst genüsslich ein Laugensandwich und nippt Cola. Ihr Magen beginnt zu knurren, weil sie lange nichts gegessen hat. Sie schämt sich allerdings, in der Öffentlichkeit zu essen. Zu oft hat sie schiefe Blicke geerntet, weil sie zu dick sei. Doch Eva nimmt ihren ganzen Mut zusammen und packt einen Apfel aus. Adam schaut sie darauf mit einem hämischen Blick an und sagt: «Wenn ich die ganze Zeit zwischendurch essen würde, wäre ich auch so dick!» So eine oder ähnliche Situationen geschehen hundertfach jeden Tag. Dass bei Eva an diesem Abend ein Frustessen folgt, liegt auf der Hand.

Geht es ums Essen, wissen es alle besser

Heute werden Menschen verurteilt, ohne dass ihre Geschichte gekannt wird. Jeder hat das Gefühl, ein kleiner Ernährungsberater zu sein. Für die Lösung des gordischen Knotens halten Laienberater den Tipp: «Du musst nur weniger Kalorien essen, als du verbrauchst», auch wenn sich im Klinikalltag diese vermeintliche Tatsache als falsch herausstellt. Es geht vielmehr um die Regeneration eines physiologischen und psychologischen Systems. Doch jeder, der einmal für sich selbst gekocht hat, fühlt sich berufen, über Ernährung und Körperfettreduktion genauestens Bescheid zu wissen. Wenn es wirklich so einfach wäre, warum sind immer mehr Menschen adipös?

Weil Einsamkeit, Stress und existenzielle Ängste ebenso der Nährboden von Übergewicht sind wie Zucker und Fast Food. Hauptsache, wir können Zucker und Schnellimbissketten an den Pranger stellen, anstelle unserer Gesellschaft und unserer «modernen Veränderungen». Immer mehr Menschen werden übergewichtig, gerade weil sie tagsüber zu wenig essen, sich zu wenig Zeit nehmen oder nehmen können. Am Abend folgt dann die logische Überkompensation. Das Endresultat sehen wir in der jährlichen Statistik zum Übergewicht.

«Iss nichts und du nimmst ab»

Was passiert, wenn unsere Eva nun die Ernährung mithilfe einer professionellen Ernährungsberatung umstellen will? Für sie beginnt der Spiessrutenlauf. Sie hat nun grössere Portionen über den Tag und zusätzlich Zwischenmahlzeiten. Das Ziel ist es, dass sie am Abend kaum noch Hunger hat. Doch ihr Umfeld sieht nur, dass Eva deutlich mehr isst. Und natürlich geht das gar nicht.

Wir leben bekanntlich in einer Gesellschaft voller Laien-Ernährungsberater. Darum erhält Eva nun bestenfalls noch gut gemeinte Ratschläge: Zwischenmahlzeiten seien falsch, bloss kein Frühstück essen, vegan sei die einzige und Low Carb die beste Variante. Weizen müsse absolut vermieden werden und Milch bringe den Teufel. Natürlich bringen solche Aussagen Eva durcheinander. Doch was sie richtig stresst, sind die Blicke ihres Umfelds. Sie scheint zu wissen, was die Menschen denken: «Iss nichts und du nimmst ab.» Sie grenzt sich immer mehr aus, was auf Dauer verhindert, dass sie abnehmen kann.

Wir sollten lernen, unsere Mitmenschen in solch einer Situation emotional auf ihrem Weg zu unterstützen, statt ihnen besserwisserische Ratschläge zu geben. Wer einfach sagt: «Iss weniger und du nimmst ab», begeht übles Mobbing, welches das Abnehmen erst recht verhindert.

Jürg Hösli ist Ernährungswissenschaftler, Querdenker und greift gerne kontroverse Themen aus Sport, Psychologie und Ernährung auf. Er ist seit 30 Jahren im Leistungssport, hat Weltmeister und Olympiasieger betreut. Er ist Begründer der Ernährungsdiagnostik und der Schule für Ernährungsdiagnostik erpse in Winterthur. Hösli betreut hier vor allem übergewichtige Klienten und Menschen mit Reizdarm oder Erschöpfungszuständen. Für 20 Minuten schreibt er unter dem Namen Futterpapst Kolumnen.

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