Oberer Letten Zürich: Von der Drogenmeile zum Catwalk
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Oberer Letten ZürichVon der Drogenmeile zum Catwalk

Muckis, Tattoos überall und das Apéroglas stets im Anschlag: Nirgends ist Zürich im Sommer cooler als am Oberen Letten. Die Drogenjahre sind vergessen.

von
Daniela Huber
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So kennt man den Oberen Letten in Zürich bei schönem Sommerwetter ...

So kennt man den Oberen Letten in Zürich bei schönem Sommerwetter ...

Daniela Huber
... voll mit Sonnenhungrigen.

... voll mit Sonnenhungrigen.

Daniela Huber
Man präsentiert sich ...

Man präsentiert sich ...

Daniela Huber

«Ich ha d Lettechette aa», sagt der 25-jährige Christian aus Maur und berührt die buddhistische Malakette auf der nackten Brust. Warum? Weil das «in» sei. Eine Frau im glitzernden Brazilian Bikini. Noch eine. Vielleicht ist das ihr Lettenbikini, bereit für den Laufsteg vom Dynamo bis zum Primitivo. Da ein perfekt sitzender Lidstrich, dort ein eingeölter Männerkörper.

Links ertönt deutscher Rap, rechts etwas Lateinamerikanisches, vielleicht Reggaeton. Man wippt mit dem Fuss, trägt Sonnenbrille, trinkt Bier und ist cool. Es riecht nach Sonnencreme und Calvin Klein. Und ein wenig nach Limmat. Der Sommer ist da, und der Obere Letten ist offen.

Europas grösste offene Drogenszene

Vor kaum mehr als 20 Jahren sassen unter der Kornhausbrücke noch Heroinjunkies. Hier schliefen, spritzten und starben die Fixer. Hergebracht hatte sie die Suche nach dem Rausch, und geblieben sind sie unter dem Fluch einer bis dahin noch viel zu unbekannten Droge. Der Letten hatte damit fast 3000 Menschen eine Bleibe gegeben. «Das ist mein Zuhause», hatte die im Fernsehen porträtierte Fixerin Ursula Brunner damals gesagt und von der Kornhausbrücke hinunter gezeigt. «Da kenne ich die Leute, da weiss ich wies geht, und kenne mich aus.»

Spritzen, Scherben und Lumpen säumten das Flussufer. Im Jahr 1995 wurde der Letten leergeräumt, Ursula zog nach Adelboden und die grösste offene Drogenszene Europas verschwand für immer von der Bildfläche.

Mojitos unter Plastikpalmen

Manches ist seither gleich geblieben, etwa das Eisengeländer, über das heute die jungen Frauen und Männer in Badehosen und Bikinis klettern, um ans Wasser zu kommen. Sonst ist fast alles anders. Die Gleise sind weg, dafür steht dort jetzt ein Containerkomplex mit bunten Streifen: Das Primitivo, das mit Kiosk, Sonnendeck und Küche die Besucher versorgt.

Auf dem Dach darf man Mojitos und Negronis unter Plastikpalmen und neben echten Blumen schlürfen. Unten am Kiosk gibt es Bier, hausgemachte Limonaden und ganze eineinhalb Deziliter Prosecco für nur neun Franken. Alles im Plastikbecher mit Depot, versteht sich. Scherben will man hier nicht, und auch die Umwelt will geschützt sein.

An den heissen Hochsommertagen reicht die Schlange manchmal bis hinunter zum Fluss. Die Damen tragen riesige Strohhüte, Bikinis und Schuhe, weil die Kieselsteine die Füsse piksen. Aber nicht irgendwelche Schuhe, nein, die ausgelatschten Flipflops sind daheimgeblieben. Weisse Plateauschuhe zum Beispiel – und dieses Jahr ziemlich oft sogar Stiefel. Cowboystiefel und weisse Badeanzüge, auf die dann die Sauce aus dem Tuna-Burger tropft.

Man schaut erwartungsvoll zur Kasse und hat keine Zeit zu verlieren, denn man sollte ja eigentlich irgendwo sein, und zwar unten auf dem Holzsteg. Dort breitet man sein Tuch aus, stellt den Miniaturlautsprecher hin, drückt auf Play, setzt die Sonnenbrille auf und schaut in die Welt hinaus. Mal schauen, wer sonst noch alles da ist. Mal schauen, was noch alles passiert.

Täglich ist Tattoo-Parade

«Da sind ganz viele, manchmal gar so viele, dass Freund und Freund sich fast nicht finden. Manch einer steuert in tropfender Badehose durch den tätowierten Fleischhaufen und schreit ins Smartphone: «WO bisch?» Man ist meist ein bisschen zu weit vorne oder ein bisschen zu weit hinten. «Ebe doch ufem Holz une! Ich ha doch gseit, mir sind bim Volleyballfäld obe!» Aber wie soll man sich denn finden, wie soll man überhaupt etwas suchen, wenn es so viel zu sehen gibt.

Allein die Tätowierungen sind einen Spaziergang durch die Badi wert. Es gibt Maori, Japanisches, Dotwork und seit einigen Jahren natürlich Bandeaus und Dreiecke. Ganz viele geheimnisvolle Daten. Geboren, eingeschult, verliebt, verheiratet, gestorben. Oder so. Da hat sich einer grad mal das halbe Bein schwarz tätowiert, und dort ein anderer eine Ritterrüstung. Hie und da sieht man noch, dass sie frisch gestochen sind. «Zwei Wochen lang nicht in die Sonne», heisst es eigentlich, aber wer eine neue Tätowierung hat, will die doch auch zeigen. Alt werden und verschwommene Linien auf dem Körper tragen kann man auch später noch.

Bauch einziehen!

Wer sich im oberen Letten auskennt, der weiss, dass man am besten beim Dynamo von der Brücke springt und sich dann bis zum Holzrost treiben lässt. Weil der Asphalt heiss ist, läuft man am besten ganz schnell auf dem schmalen Schattenstreifen des Geländers. Kinn raus, lächeln, und los. Darum geht die 26-jährige Carla nie in den Letten. «Ich hab das Gefühl ich muss den Bauch einziehen, wenn ich aus dem Wasser komme, und das mag ich nicht», sagt sie.

Oben bei der Betonmauer sind die Sprayer. Sie sind die Einzelgänger, hören Musik auf den Kopfhörern statt mit den Speakern und lassen sich vom coolen Treiben um sich herum nicht beeindrucken. Keine Sonnenbrille, dafür die Kapuze hoch. Was dabei an Kunst entsteht, ist teilweise durchaus einen Blick wert, wenn man es schafft, von dem Menschen weg und hochzublicken. Niemand Aussenstehendes weiss genau, wer wann wessen Bild übersprayen darf. Aber vor einigen Jahren ist ein Graffiti die ganze Saison lang dagewesen. Man sagte, der Sprayer sei unverhofft ums Leben gekommen, und deshalb habe niemand sein Werk angefasst. Links davon sind die Beachvolleyballer. Wer noch nicht genug knackige Pos und Waschbrettbäuche gesehen hat, sollte hierhin kommen. Frau und Mann lassen vor aller Welt in Badehosen die Muskeln spielen.

Unter der Kornhausbrücke toben sich die Skater auf der Halfpipe aus. Noch mehr Waschbrettbäuche. Das beruhigende Surren der kleinen Räder auf dem Asphalt. Es wird lauter und leiser, kommt in Wellen wie Ebbe und Flut. Die Skater kommen von überallher, auch von Baden und Luzern. «Hier ist es wie Sport und Ausgang gleichzeitig», erklärt der 20-jährige Lucas.

Mitte der 1990er war hier nichts

«Hier» war vor zwanzig Jahren erst einfach mal gar nichts gewesen. Vielleicht rannten mal ein paar Jogger den Fluss entlang oder ein Hundebesitzer führte seinen Vierbeiner spazieren. Aber nach den Junkies war der obere Letten zuerst leer gewesen und leer geblieben. Der Zürcher Gastronom Stefan Tamò stellte schliesslich zur Fussball-WM 1998 eine provisorische Bar mit Fernsehern auf, um die Spiele live am Fluss zu übertragen, und hat damit das Primitivo ins Leben gerufen. Damals sei noch überall Stacheldraht herumgelegen und die grauen Betonwände hatten unbemalt in den Himmel geragt.

Das Einzige, was heute noch unbemalt ist, ist die Kornhausbrücke. An heissen Tagen stehen dort die wagemutigsten Besucher des oberen Letten. Vielleicht auch die betrunkensten. Zwischen Kornhausbrücke und Wasser befinden sich zehn Meter freier Fall. «Ich bin vor drei Jahren einmal gesprungen und tue es nie wieder», erzählt die 30-jährige Gabriela und fasst sich an den Kopf, «ich hatte so Angst, ich bin fast ohnmächtig umgefallen. Aber alle meine Freunde sind gesprungen, also wollte ich auch.»

Fast jeden Tag stehen sie da, junge Männer und Frauen in Badehosen. Vom Holzsteg aus kann man sie sehen, fast kann man sie zittern sehen aus so weiter Ferne, oder man meint es zumindest. Dann klettert der Erste über das Geländer. Dann der Zweite. Der Erste klettert wieder zurück, traut sich doch nicht. Bis der Erste springt, wird manchmal siebenmal hin- und hergeklettert. Manchmal nimmt einer doch die Treppe hinunter, aber meist springt jeder, denn die andern tun es ja auch. Jedes Jahr ertrinken Menschen am Letten. «Meist so ein bis zwei pro Saison», erzählt einer der Köche des Primitivo, «aber das sind nicht jene, die von den Brücken springen, sondern meist einfach Jungs, die nicht schwimmen können oder zu betrunken sind oder beides. Dann kommt die Wasserpolizei und bringt die Leichen hoch, manchmal erst kurz vor der Schleuse.»

Nachschub holen an der Tanke

«Der Letten ist schon ein Art Zuhause für mich», stellt Anna (25) fest und nimmt einen Schluck Bier, «man kennt an fast jeder Ecke jemanden und man weiss halt, wies läuft.»«Alles fliesst im Letten», sagt Christian (44), «Wasser, Menschen im Wasser, und auch der Alkohol.» Er kommt fast jeden Tag hierher, um seinen Kaffee zu trinken und seine Zeitung in der Sonne zu lesen. Manchmal auch zum Apéro oder nach dem Apéro, «aber das sind dann die Abende die ich manchmal nicht mehr so präsent habe.»

Wem die Preise des Primitivo zu teuer sind und wer keinen Becher zurückbringen möchte, der geht über die Brücke in die Tankstelle, welche den Bedürfnissen der Lettenbesucher entsprechend ausgestattet ist. Bier, Prosecco, und Weisswein werden danach in Plastiksäcken am Gitter unter den dem Holzrost angebunden, damit sie im Wasser kühl bleiben.

Closing-Party als Schlusspunkt

Geht die Saison zu Ende, verbleiben unzählige bunte Plastikfetzen an den Gittern zurück und sind Zeuge des feuchtfröhlichen Treibens, das einen Sommer lang die Flussmeile beherrscht hat. Wenn mit dem Lettenopening in Zürich der Sommer beginnt, endet er mit der Closing-Party im September. Dann wird es wieder ruhig im oberen Letten, Pullis werden über die Tätowierungen gezogen, man geht in gängige Clubs wie die Zukunft, das Hive oder die Büxe, verlagert das Sehen und Gesehenwerden an Orte mit einer Heizung.

Bis dahin aber will man schön sein, cool sein und dazugehören. «He hooooi! Scho mega lang nüm gseh!», heisst es. Man lehnt am Geländer, an welches sich schon die Junkies gelehnt hatten und schaut sich die Leute an. Da und dort die Augen vielleicht einmal eine Sekunde länger auf andern verweilen lassen. Ein freches Zwinkern oder ein nettes Lachen darf schon sein. Wenn man nicht schon jemanden kennt, dann lernt man vielleicht jemanden kennen. Ein wenig mit dem Fuss wippen. Bier trinken.

Um Mitternacht sind die Abfalleimer am Überquellen und zerdrückte Dosen zieren den Catwalk neben dem Fluss. Ein paar gebückte Gestalten gehen mit Kehrichtsäcken umher und sammeln den Abfall ein. Wenn es nichts mehr zu sehen gibt, verschwinden auch die Menschen, und alles, was zurückbleibt sind die stummen Zeugen eines zivilisierten Gelages. Man hört das monotone Rauschen des Flusses. Aus der Ferne erklingt noch Musik aus einem Handy, und die gedämpften Stimmen von ein paar Zurückgebliebenen. Was bleibt, ist der Geruch des Rausches. Früher waren es die andern, die Junkies, die die richtige Haltestelle im Leben verpasst hatten. Heute sind es wir mit dem Bier in der Hand. Nur einfach sauberer, erfolgreicher und vor allem: schöner.

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