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Abu GhraibVon der Folter-Hochburg zur Bastion gegen Terror

Der Vorort von Bagdad war einst das Synonym für unmenschliche Folterpraktiken der US-Armee. Heute gilt er als wichtige Bastion gegen die Terrormiliz IS.

von
Vivian Salama
AP
Die Menschen im Vorort Abu Ghraib haben Angst vor der Terrormiliz IS.

Die Menschen im Vorort Abu Ghraib haben Angst vor der Terrormiliz IS.

Der Kontrollturm des Flughafens von Bagdad liegt in Sichtweite - und genau das macht den Vorort Abu Ghraib derzeit zu einem attraktiven Ziel für die Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Bislang entzieht sich die von Sunniten dominierte Stadt dem Zugriff der Extremisten - ungeachtet anders lautender Berichte. Die Märkte sind voll mit Menschen, junge Frauen mit Kopftüchern und farbenfrohen Kleidern bewegen sich frei durch die Strassen.

Zu verdanken haben das die Menschen zu grossen Teilen den örtlichen sunnitischen Stammesführern, die schon in der Vergangenheit gegen Extremisten gekämpft hatten. Sie haben geschworen, das auch diesmal wieder zu tun. Doch um diesen Kampf zu gewinnen, müssen sie bei den Menschen auch gegen lange gewachsene Gefühle von Diskriminierung kämpfen, gegen den Eindruck willkürlicher Verhaftungen und dem Verschwinden von Menschen, was die Ressentiments gegen die schiitische Mehrheit schürt.

Schiitische Milizen töteten sunnitische Zivilisten

In den vergangenen Wochen sind in Abu Ghraib vermehrt Panzer aufgefahren und neue Kontrollpunkte errichtet worden. Schwer bewaffnete Freiwillige mit schwarzen Ski-Masken stehen neben Soldaten, befragen Bewohner und kontrollieren Fahrzeuge.

Laut der Menschenrechtsorganisation Amnesty International entführten und töteten schiitische Milizen mit schweigender Billigung der Regierung in der vergangenen Woche zahlreiche sunnitische Zivilisten - als Rache für die Angriffe der sunnitischen IS-Kämpfer. Zehntausende Bewaffnete tragen Militäruniformen, aber operieren ausserhalb des Gesetzes und ohne jegliche Kontrolle. Beobachter und Bewohner berichten, dass diese Kämpfer, die sich als Regierungssoldaten gerieren, auch immer wieder Menschen festnehmen.

«Das Militär schikaniert uns alle. Aber es gibt nichts, was wir tun können. Deswegen müssen wir ruhigbleiben», sagt eine Bewohnerin von Abu Ghraib, die nur ihren Spitznamen Umm Mohammed nennt, weil sie Angst um ihre Sicherheit hat. Ihr 22 Jahre alter Sohn Omar sei mutmasslich vom irakischen Militär festgenommen worden, obwohl er keinen Kontakt mit sunnitischen Extremisten habe.

Erinnerungen an dunkle Vergangenheit

Donatella Rovera von Amnesty International sagt, es sei häufig unklar, ob Menschen von Milizen oder offiziellen Sicherheitskräften festgenommen werden. Auch aus Abu Ghraib seien solche Fälle bekannt. Die betroffenen Familien selbst würden nur widerwillig darüber sprechen, es sei schwer, Strafverteidiger zu finden. So könne es vorkommen, dass Inhaftierte für eine gewisse Zeit nicht auffindbar seien, sagt sie.

Das erschwert auch die Bemühungen der Stammesführer, die Milizen in den Schranken zu halten. Scheich Chalil Ibrahim Haidan, einer der älteren Führer, bekräftigt, dass der Ort niemals in die Hände der IS-Kämpfer fallen werde. Die dunkle Vergangenheit von Abu Ghraib habe die Bewohner gelehrt, wie gefährlich es ist, sich mit den Islamisten einzulassen.

Nach den Enthüllungen über den Gefangenenmissbrauch durch US-Soldaten nach der Invasion im Jahr 2003 wurde Abu Ghraib Schauplatz blutiger Angriffe von Aufständischen. Die Al-Kaida im Irak, der Vorläufer der IS-Terrormiliz, griff Stammesführer an, die sich ihrer Ideologie widersetzten.

Gefechte um Abu Ghraib

Doch die sunnitischen Führer schlugen zurück. Es bildeten sich Bürgerwehren, die von der US-Regierung unterstützt wurden. Ziel der USA war es, lokale Kräfte in den Hochburgen der Aufständischen zu stärken.

Einen ähnlichen Ansatz mit regional geführten Nationalgarden verfolgt auch die neue irakische Regierung um Ministerpräsident Haidar al-Abadi. Doch viele sunnitische Gruppen sind dafür noch nicht gewonnen. Etwa 5000 Stammeskämpfer in der Krisenprovinz Anbar sind derzeit bereit, der Regierung im Kampf gegen den IS zu folgen. Das ist verschwindend wenig, denn ein einzelner Stamm hat bis zu 40'000 Angehörige.

Die Gefechte sind mittlerweile nahe an Abu Ghraib herangerückt. IS-Kämpfer und Regierungstruppen liefern sich westlich der Stadt regelmässig Mörsergefechte. Die USA haben ihre Luftangriffe auf Stellungen der Extremisten in der Region ausgeweitet.

Trotz des Kampfesmutes der Stammesführer zweifeln die Menschen, ob sich die Stadt noch lange gegen die IS-Kämpfer halten lässt. «Wir haben grosse Angst», sagt Umm Mohammed. «Wir haben gehört, dass sie in der Nähe sind, dass sie in die Stadt eingedrungen sind. Aber dann bin ich raus auf die Strasse und habe gesehen, dass noch alles in Ordnung ist. Möge Allah uns beschützen.»

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