Penalty-Killer Neuer: Von der Hassfigur zum gefeierten Helden
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Penalty-Killer NeuerVon der Hassfigur zum gefeierten Helden

Koan Neuer, koan Finale: Ohne Penalty-Held Manuel Neuer stünden die Bayern nicht im Final der Champions League. Der einst unerwünschte Keeper findet bei den Bayern-Fans endlich den ersehnten Anklang.

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2001 war es Oliver Kahn, der mit drei gehaltenen Elfmetern im Champions-League-Final gegen den FC Valencia zum Matchwinner avancierte. Elf Jahre später heisst der gefeierte Held Manuel Neuer. Die beiden Strafstösse der Weltstars Cristiano Ronaldo und Káka parierte der 1,93 Meter grosse Keeper überragend. Koan Neuer, koan Finale: Dank Neuer haben die Bayern die Chance, die Champions League am 19. Mai im eigenen Stadion zu holen.

«Glücklich und zufrieden», lautete kurz nach Mitternacht der Facebook-Status von Elfmeterheld Manuel Neuer. Der deutsche Nationalkeeper ist im Frühling 2012 gleich der doppelte Erfolgsgarant. Auch wenn der Meistertitel weg ist, greifen die Bayern dank ihrem Keeper dennoch nach zwei Titeln in dieser Saison. Neuer hexte den deutschen Rekordmeister mit seinen Paraden ins Pokalfinale. Im Halbfinalduell bei Borussia Mönchengladbach war er ebenfalls der gefeierte Held. Seinen «Big Save» gegen Gladbachs Havard Nordtveit besiegelte den Sieg. Im Final wartet am 12. Mai Borussia Dortmund.

«Ich hoffe, dass da ein paar Abbitte tun»

Neuer musste lange auf diesen Moment warten. Genau genommen sogar fast eine ganze Saison lang. Nach dem Halbfinal-Triumph über Real und dem Pokal-Sieg in Gladbach hat der 26-Jährige endlich die Chance, ein echter Bayern-Spieler zu werden. Noch fehlt ein essenzielles Detail: Er braucht Titel. In einem Verein, in welchem nur Platz 1 zählt, wird Ende Saison abgerechnet. Am 12. und 19. Mai hat er nun gleich doppelt die Chance, sich in seinem neuen Zuhause auf den Thron zu hieven.

«Wer jetzt noch an dir im FCB-Trikot zweifelt, dem is nimmer zu helfen», war die Antwort eines Bayern-Anhängers auf Neuers Facebook-Eintrag. Auch Uli Honess fleht seine Fans nach dem Triumph über Real an, seinen Wunschtransfer 2011 endlich in ihr Herz zu schliessen. «Ich hoffe, dass da ein paar Abbitte tun», sprach Präsident Uli Hoeness den Spiessrutenlauf an, der sein «Weltklasse-Torwart» hinter sich hat. Denn auch wenn die Bayern und auch Neuer eine hervorragende Saison spielen, werden die Fans nicht richtig warm mit ihrer neuen Nummer 1.

Das Schalke-Urgestein und Ex-Kapitän des FC Schalke 04 war zur laufenden Saison für insgesamt 25 Millionen Euro Ablöse zu den Bayern gewechselt: Mit einem Vertrag bis 2016. Vom traditionellen Arbeiterklub im Ruhrpott zum reichen Schickimicki-Klub nach München. Der Ärger war vorprogrammiert. Die Bayern-Fans wollten ihn überhaupt nicht. Schon bevor er unterschrieb, war in München die Hölle los. Als der Keeper im März 2011 mit Schalke in der Allianz Arena gastierte, musste er sich Plakate, Pfiffe und Beschimpfungen gefallen lassen. Mehr als 6000 Fans demonstrierten mit «Koan Neuer»-Plakaten gegen den Transfer.

Überall Hasstiraden

Auch auf Schalke war er plötzlich der Buhmann. Am 20. April 2011 machte er an einer Pressekonferenz publik, dass er bei den Bayern unterschreiben wird. Die Fans auf Schalke versuchten ihn mit Plakaten davon abzuhalten, Gelsenkirchen - seiner Geburtsstadt - den Rücken zu kehren. Vergeblich. Der Hass auf den Transfer zum deutschen Rekordmeister gipfelte in einer öffentlichen Ohrfeige eines Anhängers. Die Schalker fuhren nach ihrem Pokalerfolg 2011 durch Gelsenkirchen, als ein wütender Fan Neuer ins Gesicht schlug. «Er ist ein Freund von meinem Kumpel Nurulla, mit dem ich früher in der Jugend zusammen auf Schalke gespielt hat», erläuterte Neuer die Verbindung zu dem Mann. Einmal Schalke, immer Schalke. Das weiss kein anderer besser als Neuer und daher verzichtete er auf eine Anzeige.

Das Drama um Neuer nahm auch nach seinem Wechsel kein Ende. Beim FC Schalke 04, wo er von 1991 bis 2011 zwischen den Pfosten stand, bezog er am 18. September 2011 erstmals die Gäste-Garderobe. Neuer siegte mit Bayern 2:0 und wurde in der Arena auf Schalke mit den Worten «selbst Judas hatte mehr Ehre» begrüsst oder als «charakterlose Marionette» bezeichnet. Der Höhepunkt war ein 70-Meter-Transparent, das an eine Todesanzeige erinnerte: «Wir trauern um M. Neuer – gestorben zwischen 2005 und 2011 – wiederauferstanden als charakterlose Marionette.» Meinungsfreiheit im Stadion oder purer Hass. «Ich wusste, was mich erwarten wird. Es sind emotionale Fans. Ich habe damit gerechnet, dass ich so empfangen werde und habe mich darauf eingestellt», sagte der bodenständige Keeper nach dem emotionalen Gastspiel bei seinem Ex-Klub. Die Schalke-Fans werden ihm den Wechsel nicht verzeihen. Bei den Bayern hat er nun die Chance, der nächste Titan zu werden.

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