Neuer Exportschlager: Von der Käse- zur Kaffee-Nation
Aktualisiert

Neuer ExportschlagerVon der Käse- zur Kaffee-Nation

Die Schweiz ist in aller Welt bekannt für Schokolade und Käse. Doch die beiden Köstlichkeiten sind längst keine Verkaufsschlager mehr. Exportüberflieger ist neuerdings «Schweizer» Kaffee.

von
Sandro Spaeth
Was ist aus dem weltbekannten Exportgut Schweizer Käse geworden?

Was ist aus dem weltbekannten Exportgut Schweizer Käse geworden?

Würde man einem indischen Kaffeebauern sagen, man stamme aus der Schweiz, würde er anerkennend nicken und sagen: «S-w-i-t-z-e-r-l-a-n-d! Nice watches, chocolate and cheese.» Mit den Uhren liegt der Kaffeebauer zweifellos richtig. Oris, Omega oder Rolex gehören zu den stärksten Exportgütern der Schweiz. Doch Schokolade und Emmentaler? Alles Käse!

Die neusten Schweizer Aussenhandelszahlen zeigen: Der helvetische Exportüberflieger ist Kaffee. Zwischen Januar und Oktober 2011 legten die Kaffee-Ausfuhren im Vergleich zur Vorjahresperiode um über 21,3 Prozent auf 1,4 Milliarden Franken zu. Zum Vergleich: Die Exporte im Uhrensektor stiegen um «lediglich» 19,5 Prozent. Und was ist mit der im Ausland so bekannten Schweizer Schoggi? Deren Exportvolumen ist nicht einmal halb so gross wie beim Kaffee. Die Schokoladenexporte gingen in den ersten neun Monaten um 2,9 Prozent auf einen Wert von mickrigen 625 Millionen Franken zurück.

12 000 Nespresso-Kapseln pro Minute

Der Wandel hin zur Kaffeenation ist vor allem Nestlé zu verdanken – und dem gigantischen Erfolg mit der Edelmarke Nespresso. Seit 2003 stellt Nestlé in Orbe (VD) Kaffeekapseln her. Im Sommer 2009 ist in Avenches (VD) eine zweite Fabrik hinzugekommen.

Mit seinen Kaffeekapseln erzielte Nestlé im vergangenen Jahr über drei Milliarden Umsatz. Die beiden Produktionsstätten stellten gegen neun Milliarden Kapseln her. Anders gesagt: Pro Minute werden weltweit 12 300 Nespresso-Kaffeekapseln verbraucht. Dies freut neben Nestlé auch die Schweizer Exportstatistik, denn die weltweit verbrauchten Kapseln stammen allesamt aus der Schweiz; Nestlé betreibt nur die Werke in Orbe und Avenches.

Die Wahl des Standortes Schweiz begründet Nespresso-Schweiz-Direktor Pascal Hottinger so: «Schon als Nespresso vor etwa 25 Jahren im Bereich des portionierten Spitzenkaffees begann, wurden unsere ersten Kaffeekapseln in der Schweiz hergestellt.» Das Know-how sei hierzulande kontinuierlich weiterentwickelt worden. Als weitere Gründe sieht Hottinger die hochqualifizierten Arbeitskräfte, den Wissenstransfer von Orbe nach Avenches und die Nähe zum Nespresso-Hauptsitz in Lausanne.

Freihandelsabkommen als Segen

Seinen Teil zum Schweizer Kaffeerausch dürfte auch ein Freihandelsabkommen mit der EU beigetragen haben. Seit Februar 2005 verzichtet die EU im Handel mit der Schweiz auf Importzölle für landwirtschaftliche Verarbeitungsprodukte, zu denen auch Kaffee zählt. Zuvor waren beispielsweise in Deutschland Wertzölle von zwischen sieben und neun Prozent des Warenwerts angefallen. «Auch wenn das Abkommen zur Wettbewerbsfähigkeit beiträgt, spielte es keine spezifische Rolle bei der Wahl des Standortes», so Hottinger. Man sei weltweit in mehr als 50 Ländern aktiv. Ein Ende des Kapselbooms ist nicht abzusehen: Branchenkenner beziffern das jährliche Wachstum auf 20 Prozent.

Nestlé ist aber nicht der einzige Schweizer Hersteller von Kaffeekapseln. In Grono im Misox GR stellt die Firma Alice Alison von Giovanni Alberti Nespresso-kompatible Kaffekapseln her. Der Detailhändler Denner ist wegen des Verkaufs der in Südbünden hergestellten Kapseln aber in Patentstreitigkeiten mit Nestlé verwickelt.

Im gleichen Geschäft mischt auch die Schweizer Firma Ethical Coffee Compay um den ehemaligen Nespresso-Manager Jean-Paul Gaillard mit. Er stellt seine biologisch abbaubaren Produkte aber in Frankreich her – im letzten Jahr rund 30 Millionen Stück. «Würden wir in der Schweiz produzieren, würde uns Nestlé wohl innert einer Woche zum Einstellen der Produktion zwingen», sagt Gaillard. Nestlé sei ein schlechter Verlierer. Gaillard weiss, wovon der spricht: Ein Waadtländer Gericht hatte Gaillards Kunden Mediamarkt und Saturn Ende September den Verkauf von Nespresso-kompatiblen Kapseln verboten.

Käsebilanz droht zu kippen

Und was ist bei all dem Kaffee aus dem weltbekannten Exportgut Schweizer Käse geworden? Längst sind Schweizer Emmentaler und Gruyère im Ausland keine Verkaufsrenner mehr. In den ersten neuen Monaten dieses Jahres wurde Käse für 413 Millionen Franken exportiert, über 6 Prozent weniger als im Jahr zuvor.

Grund für die rückläufigen Exporte von Emmentaler & Co. ist laut Käsebranche der starke Franken. Dem Abstieg der Käsenation wirken aber auch die Schweizer Konsumenten selbst entgegen: Seit der Liberalisierung des Käsehandels mit der EU kaufen sie immer mehr günstige ausländische Produkte.

Der Niedergang zeigt sich in der Handelsbilanz. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres standen 28 530 Tonnen (-2,4%) exportiertem Appenzeller, Gruyère & Co. 24 727 Tonnen (+6%) importierter Gouda, Gorgonzola oder Taleggio gegenüber. Geht es so weiter, wird die einst stolze Käsenation, deren beste Skirennfahrer einst im käsegelben Emmentaler-Renndress über die Pisten flitzten, bald zum Netto-Käse-Importland. Was würde wohl der indische Kaffeebauer dazu sagen?

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