Selbstkritik der Finma: Von der Krise keinen Schimmer gehabt
Aktualisiert

Selbstkritik der FinmaVon der Krise keinen Schimmer gehabt

Die Finanzmarktaufsicht Finma hat eine selbstkritische Analyse zur Finanzkrise vorgenommen. Ihr Auftreten gegenüber der UBS sei blauäugig, lückenhaft und unkritisch gewesen. Schwacher Trost: Die Schwesterbehörden im Ausland waren auch nicht besser.

Der am Montag veröffentlichte 71-seitige Bericht beleuchtet die Rolle der Aufsichtsbehörden in der Finanzkrise und die besondere Situation in der Schweiz, wo die integrierte Finanzmarktaufsicht Anfang 2009 die Vorgängerbehörden von Banken- und Versicherungsaufsicht abgelöst hat. Bei aller Selbstkritik kommt die Finma zum Schluss, dass sie nicht besser und nicht schlechter als ihre Schwesterbehörden im Ausland abgeschnitten habe. Bezüglich der Lehren aus der Finanzkrise sieht man sich der internationalen Entwicklung teilweise sogar voraus.

Die fehlende Früherkennung der Subprime-Krise ist aus Sicht der Finma nicht von der Behördenstruktur, der Grösse oder dem Aufsichtsstil abhängig und auch nicht auf eine mangelnde internationale Zusammenarbeit der FINMA-Vorgängerinstitution Eidgenössische Bankenkommission (EBK) zurückzuführen. Die Lücken in Regulierung und Aufsicht werden zum Teil mit dem allgemeinen Umfeld erklärt, das bis zum Ausbruch der Finanzkrise von der Überregulierungsdebatte geprägt gewesen war. So standen die Arbeiten zum Erlass und zur Umsetzung der neuen Eigenkapitalvereinbarung Basel II im Vordergrund, während Regulierung und Überwachung der Liquiditätsrisiken zurückgestellt wurden. Der Bericht spricht von einer unheilvollen Kombination verschiedener Aspekte und verweist auf völlig ungenügende Modelle, mit denen die grossen Banken ihre Marktrisiken beurteilten. Diese Modelle entfalteten in der Krise zudem eine stark prozyklische Wirkung.

Ausführlich geht die Finma auch auf das Verhalten der EBK im Fall UBS ein. Die Aufsichtsbehörde habe sich zu stark auf die Einschätzung der UBS verlassen. So habe man sich rückblickend zu schnell mit den Aussagen zur Risikokontrolle zufrieden gegeben. Auch Bauchge fühlen sei die Aufsichtsbehörde zu wenig konsequent nachgegangen. Ein kritischeres Auftreten und mehr Nachdruck bei Massnahmen im Falle von erkannten Mängeln bei der IT-Fragmentierung und im Kontrollbereich wären nötig gewesen. «Die EBK unterschätzte somit die Risiken, die von den erkannten Mängeln ausgingen, und bewies daher bei der Umsetzung ihrer Forderungen zu wenig Durchschlagskraft», heisst es im Bericht, der aber sogleich einschränkt: «Im damals herrschenden De-Regulierungsumfeld wäre ein härteres Durchgreifen vermutlich als bürokratische, wettbewerbsbehindernde und realitätsferne Intervention gewertet und von der Politik nicht unterstützt worden.»

Die Finma stellt aber auch fest, dass die EBK aus der Krise rasch ihre Lehren gezogen und sofort erste Massnahmen eingeleitet habe. Die ohnehin schon vergleichsweise hohen Eigenmittelanforderungen seien noch einmal erheblich verschärft worden. Die Finma bezeichnet radikale Reformen auch auf internationaler Ebene als unumgänglich.

«Swiss Finish» als Wettbewerbsvorteil bezeichnet

«Die im Inland geäusserte Befürchtung, die Schweiz gefährde mit ihrem Vorprellen die internationale Wettbewerbsfähigkeit unserer Grossbanken, hat sich damit nicht bewahrheitet», hält die Finma fest und fügt hinzu: «Selbst wenn die schweizerischen Anforderungen am Ende immer noch deutlich über den internationalen Vorgaben liegen werden, so ist das mit Blick auf die besonders hohen Systemrisiken bewusst in Kauf zu nehmen und überdies bei objektiver Betrachtung sogar ein nachhaltiger Wettbewerbsvorteil.» (dapd)

Das ist die Finma

Die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht Finma nahm am 1. Januar 2009 ihren Betrieb auf. Neu ist in der Schweiz die staatliche Aufsicht über Banken, Versicherungsunternehmen, Börsen und Effektenhändler sowie weitere Finanzintermediäre in einer Behörde zusammengefasst. Die drei bisherigen Behörden Bundesamt für Privatversicherungen BPV, Eidgenössische Bankenkommission EBK und Kontrollstelle für die Bekämpfung der Geldwäscherei Kst GwG wurden in einer zentralen Dienststelle zusammengeführt.

Die Finanzmarktaufsicht bezweckt laut Gesetz den Schutz der Gläubiger, der Anleger, der Versicherten sowie den Schutz der Funktionsfähigkeit der Finanzmärkte. Mit der Zusammenführung soll wegen der immer komplexeren Aufgaben der Aufsichtsbehörden die Schweizerische Finanzmarktaufsicht gestärkt werden und ihr im internationalen Verhältnis ein grösseres Gewicht verliehen werden.

Die Finma ist eine öffentlich-rechtliche Anstalt und funktionell, institutionell und finanziell unabhängig. Die Führung besteht aus einem Verwaltungsrat, einer Geschäftsleitung und einer von der Eidgenössischen Finanzkontrolle wahrgenommenen externen Revisionsstelle. Die Finma beschäftigt rund 320 Mitarbeiter, dabei handelt es sich vor allem um Juristen, Ökonomen, Mathematiker, Wirtschaftsprüfer und Aktuare sowie Rechnungslegungs- und Anlagespezialisten. Präsident des Verwaltungsrats ist Eugen Haltiner, der lange in der UBS-Geschäftsleitung tätig war. Vizepräsident Daniel Zuberbühler war zuvor EBK-Direktor.

Die Kosten der Finma werden vollumfänglich durch die Beaufsichtigten über Gebühren und Aufsichtsabgaben finanziert. Für das erste Betriebsjahr 2009 ist ein Betriebsaufwand von 86 Millionen Franken budgetiert. (scc)

Deine Meinung