«SofaGate» - Von der Leyen und die Männerrunde – das sagt der Experte für Körpersprache
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«SofaGate»Von der Leyen und die Männerrunde – das sagt der Experte für Körpersprache

Für einmal spricht nicht alle Welt von Corona, sondern vom Treffen der EU-Spitzen mit dem türkischen Präsidenten und der umstrittenen Sitzordnung. Diese sei alles andere als zufällig festgelegt worden, sagt Profiler Mark Hofmann.

von
Ann Guenter

«Verwunderlich ist hier nur, dass Erdogan sich das Grinsen verkneifen konnte bei dieser symbolischen Vorführung Europas», sagt Profiler und Verhandlungsberater Mark Hofmann.

So schnell will die EU «SofaGate» nicht zu den Akten legen. Ende April sollen EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Ratspräsident Charles Michel in einer Plenardebatte vor dem Europaparlament erscheinen und sich zum Treffen mit Präsident Recep Tayyip Erdogan äussern. Das fordern die beiden grössten Fraktionen dort, die konservative EVP und die Sozialdemokraten (ihre Argumente findet ihr in der Box unten).

Während in der EU die Aufregung gross ist, weist die Türkei eine Verantwortung für den bereits als «Eklat» bezeichneten Vorfall rund um die Sitzordnung zurück. Aussenminister Mevlüt Cavusoglu sagte, die Sitzordnung sei «in Übereinstimmung mit dem Vorschlag der EU» festgelegt worden. Tatsächlich gibt es in den EU-Institutionen unterschiedliche Ansichten zum protokollarischen Statuts ihrer beiden Präsidenten.

Die Sitzordnung an dem Treffen mit Präsident Recep Tayyip Erdogan hatte massive Kritik ausgelöst. Unter anderem wurde der türkischen Regierung Frauenfeindlichkeit vorgeworfen.

Oben seht ihr das Video von dem Treffen: Die EU-Kommissionschefin bleibt zum Auftakt im Präsidialamt zunächst stehen und reagiert mit «Ähm», als sich der Erdogan und Michel in zwei nebeneinander stehende Sessel setzen. Von der Leyen muss in beträchtlichem Abstand auf einem Sofa Platz nehmen.

«Auf diesem Level wird nichts dem Zufall überlassen»

Ist das alles nur blöd gelaufen? Ein protokollarisches Durcheinander, das sich in etwas Grösseres verwandelte, als es wirklich war? Oder ist aus der Szene wirklich eine gewollte Herabsetzung von der Leyens herauszulesen? Ja, ist es, sagt Profiler, Verhandlungsberater und Geheimdienstanalyst Mark T. Hofmann, als er sich für 20 Minuten das Video auf die Körpersprache der drei Anwesenden anschaut.

Hofmann unterstreicht zunächst, dass beim Lesen von Körpersprache meist der Kontext unterschätzt werde: «So ist zum Beispiel jemandem die Hand nicht zu geben unter normalen Umständen das höchste Symbol der Verachtung. Auch Abstand zu halten ist normalerweise ein Signal von Distanz, Abweisung oder Fluchtinstinkt. Doch in Zeiten von Corona ist das anders zu werten und quasi bedeutungslos.»

Doch selbst wenn der Abstand derzeit das Gebot der Stunde ist, fragt sich Hofmann beim Schauen des umstrittenen Szene im Präsidialamt: «Ist dies wirklich einfach eine Corona-Massnahme? Ein Sicherheitsabstand?» Er gibt sich die Antwort gleich selbst: «Absolut nicht. Denn auf diesem Level der Spitzenpolitik und grundsätzlich in der Diplomatie wird nichts dem Zufall überlassen. Gar nichts.»

«Symbolische Vorführung Europas»

Vielmehr werde hier mit Symbolen kommuniziert und Macht und Status ausgedrückt – und «keinen Stuhl bereitzustellen, ist in diesem Kontext ein klares Symbol», so Hofmann. Für ihn ist offensichtlich, dass «von der Leyen hier im Regen stehen gelassen» wird. Denn: «Dass kein Stuhl bereitsteht, war ja nichts Spontanes, sondern ein Affront mit Vorbereitung. Frau von der Leyen ist sichtlich irritiert und war darauf nicht vorbereitet. Auch ihre Reaktion wirkt unvorbereitet und etwas verlegen.»

Entsprechend sei auch klar, dass die Anwesenden bei dem Treffen nicht auf Augenhöhe sprechen könnten – im Gegenteil. «Verwunderlich ist hier nur, dass Erdogan sich das Grinsen verkneifen konnte bei dieser symbolischen Vorführung Europas», ereifert sich Hofmann. Immerhin sei «SofaGate» nicht die erste türkische Provokation oder Stichelei gegen Europa.

«EU verhandelt teilweise wie ein Grundschüler»

Was hätte von der Leyen in dieser Lage noch tun können, um doch noch auf Augenhöhe wahrgenommen zu werden? Hofman, der Unternehmen, Polizeieinheiten und Politiker auch bei Verhandlungen und Verhandlungstaktiken berät, hat einen ziemlich radikalen Vorschlag: «Sich daneben zu stellen und herunter zu schauen. Frei nach dem Motto: Wenn ich keinen Stuhl bekommen, dann stehe ich eben und schaue herab. Ist das eine Provokation? Sicher. Aber in manchen Verhandlungen und Beziehungen führt der Weg des ewigen Nachgebens zum völligen Respektverlust.»

Insgesamt vergibt der Profiler der EU in Sachen Verhandlungen schlechte Noten. Auch für das Treffen vom vergangenen Dienstag: «Es ging bei dem Termin auch darum, über Frauenrechte in der Türkei zu sprechen. In diesem Kontext spricht SofaGate eine klare Sprache». Für ihn sei «erstaunlich, mit welch weicher Verhandlungstaktik Europa reagiert und was sich Europa insgesamt bieten lässt. Es ist ja fast verwunderlich, dass Frau von der Leyen nicht im Schneidersitz auf dem Boden Platz genommen hat.»

Für ihn verhandelt die EU teilweise «wie ein Grundschüler», was sich auch bei der Impfstoffbeschaffung zeige. «Fairness und Freundlichkeit sind extrem wichtige Werte - wenn Sie aber von der Gegenseite nicht geschätzt werden, dann ist es nicht Freundlichkeit, sondern Naivität», sagt Hofmann.

Europaparlament

«Klarstellen, was passiert ist»

Die zwei grössten Fraktionen im Europaparlament wollen nach «SofaGate» Kommissionspräsidentin von der Leyen und Ratspräsidenten Michel zur Debatte laden. Die Beziehungen zur Türkei seien «wesentlich», erklärte etwa die sozialdemokratische Fraktionsvorsitzende Iratxe García Pérez. «Aber die Einheit der EU und der Respekt von Menschenrechten einschliesslich Frauenrechten ist auch zentral.» Von der Leyen und Michel müssten deshalb im Parlament klarstellen, «was passiert ist und wie die Institutionen zu respektieren sind».

Die Türkei-Mission von der Leyens und Michels «hätte eine Botschaft der Festigkeit und Einigkeit unseres Vorgehens gegenüber Präsident Erdogan sein sollen», erklärte EVP-Fraktionschef Manfred Weber (CSU). «Leider hat sie zu einer Spaltung geführt, da die EU es versäumt hat, zusammenzustehen, als es nötig war. Wir erwarten mehr von Europas Aussenpolitik.» Aufschluss müsse die Debatte mit den beiden Präsidenten auch darüber geben, was Erdogan in Ankara angeboten worden sei, erklärte Weber. Die EVP-Fraktion sei «äusserst besorgt», dass es Zusagen zur Visa-Erleichterungen für türkische Bürger oder zum Ausbau der Zollunion gegeben haben könnte, «ohne konkrete und dauerhafte Änderungen der türkischen Politik im östlichen Mittelmeer, gegenüber Zypern und unseren Aussengrenzen».

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