Schaulustige: Von der Lust am Leid der anderen
Aktualisiert

SchaulustigeVon der Lust am Leid der anderen

Je blutiger und brutaler ein Ereignis, desto schneller ist er zur Stelle: der Gaffer. Eine Herausforderung für Rettungskräfte, die dieser perfiden Form von Voyeurismus fast täglich begegnen.

von
Runa Reinecke
«Die Kleinen wollen doch nur das Feuerwehrauto bestaunen». Das im Auto ein totes Unfallopfer liegt, kümmerte die Mutter nicht. (Bild: Markus Heinzer, Newspictures.ch)

«Die Kleinen wollen doch nur das Feuerwehrauto bestaunen». Das im Auto ein totes Unfallopfer liegt, kümmerte die Mutter nicht. (Bild: Markus Heinzer, Newspictures.ch)

Autobahn A3 am frühen Samstagmorgen der vorletzten Woche nahe der Gemeinde Freienbach im Kanton Schwyz: Eine 64-jährige Frau ist kurz vor 8.30 Uhr in Richtung Chur unterwegs, als sie aus nicht geklärter Ursache in einer Rechtskurve die Kontrolle über ihr Fahrzeug verliert. Das Auto prallt an ein abgrenzendes Wiesenbord und überschlägt sich, die Lenkerin des Wagens verstirbt noch am Unfallort.

Bereits wenige Minuten nach dem tragischen Ereignis verfolgen Familien, darunter grösstenteils Kinder im Alter zwischen drei und acht Jahren, auf einer nahegelegen Brücke den hektischen Einsatz von Sanitätern und der Feuerwehr am verunfallten Auto. «Das Ganze kam schon fast einem makabren Familienausflug gleich», schildert Markus Heinzer, Fotograf der Agentur Newspictures.ch die Szene. Was sich dort am frühen Samstagmorgen abspielt, ist selbst für den Routinier Heinzer, der aus beruflichen Gründen am Ort des Geschehens weilt, schockierend: «Ich habe eine Mutter angesprochen und sie gefragt, ob sie sich darüber im Klaren sei, dass sich in dem Auto ein verstorbenes Unfallopfer befände und ob sie das hier tatsächlich ihren Kindern zumuten wolle. Sie antwortete, die Kleinen wollten doch nur das Feuerwehrauto bestaunen.»

Je blutiger, desto besser

Der Schaulustige, im Volksmund auch Gaffer genannt, stellt Rettungs- und Sicherheitskräfte immer wieder vor eine grosse Herausforderung: Unfälle, Schlägereien, Gewaltverbrechen - je blutiger und brutaler das Ereignis, je schlimmer ein Unfall, eine Schlägerei oder gar ein Gewaltverbrechen, desto schneller ist er zur Stelle. Der Gaffer zeichnet sich durch Passivität aus. Gefangen in seiner Handlungsunfähigkeit wird er zum stillen Beobachter – und steht dabei häufig denen im Weg, die das Opfer medizinisch versorgen müssen. Ein Kampf durchs Gedränge im Wettlauf mit der Zeit, während der es nicht selten gilt, Menschenleben zu retten.

Um gegen allzu Neugierige, die Einsatzkräfte bei ihrer Arbeit an Unfall- oder Tatorten behindern, vorgehen zu können, ist die Polizei berechtigt, Schaulustige zu verhaften. Stützen dürfen sich die Sicherheitskräfte dabei auf Artikel 54, Ziffer 3 der Verkehrsregelordnung («Schaulustige dürfen sich nicht bei Unfallstellen aufhalten und keine Fahrzeuge in der Nähe parkieren.») Auch Artikel 226 des Schweizerischen Strafgesetzbuches bekräftigt ein rechtliches Vorgehen gegen Personen, die Einsätze von Polizei, Feuerwehr oder Sanitätern erschweren.

Selbstschutz der Rettungskräfte: das oberste Gebot

«Bei grösseren Menschenansammlungen kann der Rettungsdienst häufig erst mit der Arbeit beginnen, wenn der Einsatzort von der Polizei abgesichert ist. Der Eigenschutz ist für die Rettungssanitäter das oberste Gebot», sagt Urs Eberle, Bereichsleiter Kommunikation von Schutz und Rettung Zürich. Das gilt insbesondere, wenn Alkohol bei den Anwesenden mit im Spiel ist. Gerade ein angetrunkener, renitenter Passant lässt sich die Sicht auf das auf medizinische Hilfe wartende Opfer nur ungern streitig machen. «Bei grösseren Events ist die Stimmung der Besucher oft durch übermässigen Alkoholkonsum aggressiv», erklärt Eberle und führt aus, dass «uniformierte Personen – egal ob Polizisten oder Sanitäter - häufig in solchen Situationen zu Opfern verbaler Attacken oder sogar gewalttätiger Übergriffe werden».

Wenn die Neugierde zur Unfallfalle wird

Auf Schweizer Autobahnen geht es vergleichsweise zivilisierter zu: Naht eine Ambulanz, um zu einem Unfallopfer vorzudringen, weichen die Automobilisten in der Regel rechtzeitig vor dem herannahenden Rettungsfahrzeug auf die Standspur aus. Problematisch wird es erst, wenn es etwas zu sehen gibt – zum Beispiel einen Unfall auf der gegenüberliegenden Fahrbahn. Nicht selten kommt es durch die visuelle Ablenkung dann auch auf dieser Fahrspur zu einem Crash: «Bei Unfällen auf der Autobahn, wo die Unfallstelle von der Gegenfahrbahn her einsehbar ist, kommt es regelmässig zu Verkehrsstaus und nicht selten zu Folgeunfällen, verursacht durch neugierige Fahrzeuglenker», weiss Werner Schaub, Mediensprecher der Kantonspolizei Zürich.

Doch was treibt Menschen dazu, das Leid anderer beobachten zu wollen? Gemäss dem Zürcher Psychologen Jakob Scherrer liegt das in der Natur des Menschen: «Etwas Unerwartetes, Seltenes, gerade aber etwas Schreckliches löst archaische Reaktionen aus. Erklärungen liefert die Evolution: dieses Verhalten war in der freien Natur früher überlebensnotwendig. Wer gefährliche Ereignisse nicht sofort beachtete, sondern uninteressiert blieb, überlebte vermutlich nicht lange.» Ein Verhalten, das insbesondere bei Kindern zu beobachten sei, wie der Experte bekräftigt.

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