Aktualisiert 11.11.2011 20:47

Berlusconis Abgang

Von der Regierungs- auf die Anklagebank

Silvio Berlusconis Tage als Ministerpräsident sind gezählt. Mit dem Abgang des «Cavaliere» verliert Italien eine schillernde Figur, die sich immer irgendwie aus der Affäre zog.

von
Victor Simpson, dapd

Was aus seiner Partei wird, wenn Silvio Berlusconi wie erwartet in Kürze als Regierungschef in Rom seinen Hut nimmt, ist ungewiss. Das «Volk der Freiheit» (PdL) ist durch den Abgang prominenter Parteikollegen geschwächt, und Berlusconis Kronprinz Angelino Alfano wirkt blass. Gewiss ist dagegen, dass die laufenden Prozesse gegen den «Cavaliere» - Sex mit einer Minderjährigen, Steuerhinterziehung, Bestechung - weiter gehen. Als Privatmann kann sich Berlusconi indes bei Gerichtsterminen nicht mehr unter Berufung auf dringende Regierungsgeschäfte entschuldigen.

Bislang hat er eine Latte von Anklagen, Ermittlungen und Skandale überstanden. Mit «Bunga-Bunga»-Partys und gockelhaftem Gehabe machte sich der 75-Jährige international lächerlich. Immer, wenn er am Ende schien, zog er sich irgendwie aus der Affäre. Doch den Märkten vermochte das Stehaufmännchen nicht standzuhalten. Wenn das Parlament womöglich noch dieses Wochenende die von der EU verlangten Reformen als Bedingung für eine Rettung aus der Finanzkrise verabschiedet, steht seinem versprochenen Rücktritt nichts mehr im Wege.

Der Medienzar hat fast zwei Jahrzehnte lang die italienische Politik dominiert und sich länger im Amt gehalten als alle Vorgänger. Er ist eine schillernde Figur, so charismatisch wie polarisierend. Seine Anhänger sehen ihn als grossen Staatsmann, der Italien zu Macht und Wohlstand zu führen suchte. Seine Gegner halten ihn für einen Populisten und mit seiner geballten Macht über Politik und Medien für eine Gefahr für die Demokratie.

«Die meisten Italiener wären gerne so wie ich»

Den Traum von besseren Zeiten verkaufte er den Italienern mit der Geschichte seines eigenen Aufstiegs vom Schnulzensänger auf Kreuzfahrtschiffen zum reichsten Mann des Landes. Doch in seinen letzten Jahren an der Macht entwickelte er sich zur beinahe grotesken Karikatur des charmanten Milliardärs, der sein Volk begeistert. Seine Anziehungskraft erklärte Berlusconi einmal so: «Die meisten Italiener wären in tiefstem Herzen gerne so wie ich, sie sehen sich selbst in mir und meinem Verhalten.» Doch der Zauber, so zeigten Umfragen, begann zu schwinden, als die Wirtschaft nicht mehr wachsen mochte, die Arbeitslosigkeit zunahm und junge Leute kaum noch eine Stelle fanden.

Die Haartransplantationen und Gesichtsstraffungen waren nicht mehr zu übersehen. Statt des Rufs als Frauenheld umgaben ihn Gerüchte von Orgien mit Prostituierten und Minderjährigen. Bei Gipfeltreffen blamierte er Italien mit Peinlichkeiten. Immer lauter wurde der Vorwurf, er kümmere sich als Politiker weniger um das Wohl Italiens als um sein eigenes - um seine geschäftlichen Interessen zu fördern und sich mithilfe von Gesetzesänderungen vor Strafverfolgung zu schützen. Auf Rücktrittsforderungen reagierte er trotzig, stellte seine Gegner als «Kommunisten» dar, die es im Zaum zu halten gelte, und Staatsanwälte als «Terroristen», die den Wählerwillen missachteten.

Ungebrochenes Selbstbewusstsein

«Er ist nicht der Typ, der sich zurückzieht», schätzt der Politikwissenschaftler James Walston von der amerikanischen Universität in Rom. «Das ist ein ausgeprägter Charakterzug. Er glaubt wirklich, er ist der Beste auf der Welt.» Selbst als schon seine Verbündeten von der Fahne gingen, salbte er sich zum Schluss des G-20-Gipfels in Cannes kürzlich noch zum Retter Italiens. «Ich spüre die Pflicht, diese Dinge zu tun», sprach Berlusconi. «Das ist eine grosse Aufgabe und ein Opfer für mich. Hier auf dem Gipfel in Cannes habe ich mich umgeschaut, und ich sehe niemanden in Italien, der dem gewachsen wäre, unser Land zu repräsentieren. Ich fragte mich, wer könnte Italien vertreten, wenn ich nicht wäre?»

Doch selbst der Politiker Berlusconi zeigte Abnutzungserscheinungen. Das anziehende Lächeln, die selbstsicheren Witzeleien, der unverwüstliche Optimismus zogen nicht mehr. Als Italien zum neuen Brennpunkt der Euro-Schuldenkrise wurde, fällten die Finanzmärkte ihr Urteil: Berlusconi selbst war das Problem. Er war nicht das politische Schwergewicht, das die notwendigen Massnahmen zur Ankurbelung des Wachstums und zum Abbau der Schuldenlast hätte stemmen können. Für den Fussballfan und Besitzer des AC Milan war das Spiel gelaufen.

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