Omikron – «Von Durchseuchung reden ist nicht korrekt»
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Omikron«Von Durchseuchung zu reden ist nicht korrekt»

Infektiologe Manuel Battegay verteidigt die Strategie des Bundesrats. Und appelliert an die Verantwortung jedes Einzelnen, sich risikobewusst zu verhalten.

von
Claudia Blumer
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«Die Impfung hat unzählige Menschenleben gerettet»: Battegay Manuel, Chefarzt an der Klinik für Infektiologie und Spitalhygiene am Universitätsspital Basel.

«Die Impfung hat unzählige Menschenleben gerettet»: Battegay Manuel, Chefarzt an der Klinik für Infektiologie und Spitalhygiene am Universitätsspital Basel.

Florian Bärtschinger
Der Bundesrat will die Massnahmen, die am 17. Dezember beschlossen wurden, bis Ende März in Kraft lassen. Doch von einer Verschärfung der Massnahmen sieht er ab. Bundesrat Alain Berset an der Medienkonferenz vom 17. Dezember.

Der Bundesrat will die Massnahmen, die am 17. Dezember beschlossen wurden, bis Ende März in Kraft lassen. Doch von einer Verschärfung der Massnahmen sieht er ab. Bundesrat Alain Berset an der Medienkonferenz vom 17. Dezember.

20min/Simon Glauser
Die Taskforce rechnet mit einem Anstieg der Fallzahlen auf bis zu 2,5 Millionen pro Woche, wie Taskforce-Leiterin Tanja Stadler diese Woche sagte. Aufnahme vom Oktober 2021.

Die Taskforce rechnet mit einem Anstieg der Fallzahlen auf bis zu 2,5 Millionen pro Woche, wie Taskforce-Leiterin Tanja Stadler diese Woche sagte. Aufnahme vom Oktober 2021.

20min/Matthias Spicher

Darum gehts

  • Der Bundesrat verkürzt die Quarantäne- und Isolationsdauer und sieht derzeit keine verschärften Massnahmen gegen den Anstieg der Omikron-Zahlen vor.

  • Von «Durchseuchung» zu reden, wie das die Kritiker tun, sei aber nicht korrekt, sagt Infektiologe Manuel Battegay vom Universitätsspital Basel.

  • Die Bevölkerung sei gut geschützt. Er ist deshalb zuversichtlich, dass die Schweiz so durch die Omikron-Welle kommt. Möglicherweise könne man die Quarantäne abschaffen, wenn die Zahlen wieder sinken.

Der Bundesrat verkürzt Quarantäne und Isolation auf fünf Tage. Ist das epidemiologisch sinnvoll?

Dieser Schritt ist vertretbar. Denn bei Omikron ist die Zeit vom Kontakt bis zur Infektion kürzer, und auch die Zeit, in der das Virus weitergegeben wird. Das Risiko einer Weitergabe sinkt damit nach dem fünften Tag deutlich. Zudem ist mit Omikron die Ansteckungsgefahr stark gestiegen. Damit ist der Zusatz-Nutzen der zweiten Quarantäne- und Isolations-Hälfte zu klein verglichen mit den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Nachteilen.

Können wir uns entspannen?

Klar, nein! Achtung, man muss genau hinschauen. Es ist wichtig, dass Personen, die mit einer infizierten Person im selben Haushalt leben, in einer Familie, Partnerschaft oder Wohngemeinschaft, sich testen lassen. Im Englischen heisst das «Case Finding». Auch wenn man ausserhalb des Haushalts mit jemandem nahen Kontakt hatte, etwa während eines Abendessens, soll man sich testen lassen. Und die wichtigste Message bleibt: Für eine Impfung ist es nicht zu spät, im Gegenteil. Schon nach der Erstimpfung halbiert sich das Risiko, nach einer Covid-Infektion ins Spital zu müssen. Nach der Zweitimpfung sinkt es um 70 Prozent, und nach dem Booster um 88 Prozent.

Der Bundesrat fährt eine Durchseuchungsstrategie. Er rechnet damit, dass sich fast alle mit Omikron anstecken werden. Sie auch?

Das Wort Durchseuchung ist nicht korrekt, da rund 70 Prozent der Bevölkerung geimpft sind und ein Teil geboostert ist. Zudem gab es über eine Million Infektionen, und Massnahmen sind nach wie vor in Kraft. Die Bevölkerung ist diesem Virus nicht schutzlos ausgeliefert. Aber es stimmt, dass auch die Impfung nur graduell wirkt. Der Impfschutz nimmt mit der Zeit ab. Ganz generell aber kann man sagen, dass die Impfung zwar nur zu 40 Prozent vor einer Infektion schützt, aber zu 70 bis 90 Prozent vor einem schweren Verlauf. Ein grosser Teil der Bevölkerung wird sich mit Omikron anstecken. Deshalb ist die Impfung essentiell.

Die Taskforce hat schon Ende 2020 eine Verkürzung der Quarantänedauer zur Diskussion gestellt. Sind wir eineinhalb Jahre umsonst zuhause geblieben?

Nein, absolut nicht. Die Situation war damals ganz anders, die Durchimpfung hatte gerade erst begonnen. Mit Sicherheit hat die Impfung weltweit eine enorme Zahl an Menschenleben gerettet, vor dem Hintergrund der 5,5 Millionen Verstorbenen. Heute ist der Immunschutz stärker, auch wegen der vielen Genesenen. Zudem wird es bald bessere Medikamente gegen Covid geben und es braucht wohl noch einen Booster II in Hinblick auf die nächste Wintersaison. Wenn man das Virus jetzt zirkulieren lässt, ist das etwas ganz anderes.

Je mehr Leute sich mit Omikron anstecken, desto besser?

Ganz klar: Nein. Und sich willentlich anzustecken, ist unverantwortlich. Das hängt auch mit der Viren-Dosis zusammen. In Tierversuchen zeigt sich: Je höher die Virenlast, desto grösser das Risiko, schwer zu erkranken oder sogar am Virus zu sterben. Wir haben bei Gesundheitsfachleuten ohne Masken am Anfang der Pandemie, zum Beispiel in Italien, gesehen, dass Ärzte und Pflegende gestorben sind. Dies war in der Schweiz nicht der Fall, weil seit Beginn Masken getragen wurden. Eine Maske reduziert Ansteckungen und – falls es zur Infektion kommt – die Virendosis signifikant.
Kommen wir mit den bestehenden Massnahmen durch die von der Taskforce prophezeite Omikron-Spitze?

Ich kann das nicht vorhersehen. Und die Erfahrungen in anderen europäischen Ländern sind sehr divers. In der Schweiz ist die Kombination aus Impfquote und natürlichen Ansteckungen möglicherweise hoch genug, sodass keine weiteren Massnahmen mehr nötig sind. Wichtig ist, dass jeder sein Risiko auf einer persönlichen Ebene in seine Handlungen miteinbezieht. Wenn jemand geimpft ist und keine Risikoperson ist, dann kann er sich anders verhalten als ein Ungeimpfter mit Vorerkrankungen. Wir müssen jetzt vorsichtig sein, es geht auch darum, dass sich nicht zu viele Menschen fast gleichzeitig infizieren. Falls die Belastung zu gross wird, bräuchte es punktuelle weitere Massnahmen, etwa an Grossanlässen oder beim Zugang zu Innenräumen. Doch wenn die Zahlen wieder deutlich sinken, könnte man die Quarantäne ganz abschaffen. Wahrscheinlich wird das im Frühling der Fall sein.

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