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«Titanic»-FilmeVon Goebbels bis Cameron

Kaum war die «Titanic» untergegangen, begann die mythische Verklärung des Ereignisses. Zahlreiche Bücher und Filme sind zu diesem Thema erschienen.

von
Rolf Maag

«Wir verirren uns in einem lustvollen Wahn von Reichtum und Macht und Ehrgeiz. Wir spalten die Gesellschaft in Kasten auf. Es braucht eine schreckliche Warnung, um uns zurück zu unserer Verankerung in der Vernunft zu bringen.» Mit dieser Äusserung traf Senator Smith, der Vorsitzende der amerikanischen «Titanic»-Untersuchungskommission, genau den Ton, der damals in den Veröffentlichungen über dieses Ereignis vorherrschte: Der Untergang des Schiffs war die gerechte Strafe Gottes oder der Natur für den modernen Menschen, der in seiner blinden Technologiegläubigkeit und seiner rücksichtslosen Jagd nach Geld sämtliche Massstäbe verloren hatte.

Allerdings zeigten schon die ersten Erinnerungen von Überlebenden, etwa diejenigen des Lehrers Lawrence Beesley oder von Colonel Archibald Gracie, dass hier auch eine interessante Geschichte zu erzählen war. Der euphorische Aufbruch, das heitere Leben an Bord, der plötzliche Einbruch der Katastrophe, der ständige Wechsel zwischen Bangen und Hoffen danach, schliesslich der Untergang und die dramatische Rettung der Überlebenden boten einen geradezu idealen Spannungsbogen.

Überlebende in der Hauptrolle

Mit atemberaubender Geschwindigkeit versuchte die noch junge amerikanische Filmindustrie diese Möglichkeiten zu nutzen: Bereits am 14. Mai 1912, also genau einen Monat nach dem Desaster, kam der Stummfilm «Saved from the Titanic» in die Kinos. Die Hauptrolle spielte die «Titanic»-Überlebende Dorothy Gibson, die im Film sogar dieselben Kleider trug wie an Bord des Schiffs. Leider ist der lediglich zehn Minuten dauernde Spielfilm nicht erhalten.

Tauchgang zur Titanic

In den folgenden Jahren erschien eine Flut von Romanen, Kurzberichten, Gedichten und Liedern, je schwülstiger, desto besser. 1912 entstand das Gemälde «Untergang der Titanic» von Max Beckmann. Dann gab es eine längere, durch den Ersten Weltkrieg bedingte Pause, ehe 1929 «Atlantic», der erste Tonfilm über die «Titanic», weltweit Erfolge feierte. Der Streifen zeigte eine allgemeine Tendenz der «Titanic»-Filme und –Bücher jener Zeit: Es kamen praktisch nur die Passagiere der Ersten Klasse vor; wenn auch solche der Dritten Klasse eine Rolle spielten, dann höchstens als (meist irische oder «südländische») Aufrührer und hysterische Panikmacher. Im Gegensatz zu ihnen legten die Männer der angelsächsischen Oberschicht eine geradezu stoische Gelassenheit an den Tag, getreu der Aufforderung «Be British!», die Kapitän Smith der Legende zufolge an die Passagiere gerichtet hatte. Ausserdem waren die Frauen fügsam und schutzbedürftig, wie es sich gehörte.

«Titanic» in HD-Qualität

Nazipropaganda

Kurz nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs entdeckte ausgerechnet Hitlers Propagandaminister Goebbels das propagandistische Potenzial der Katastrophe. Regisseur Herbert Selpin erhielt den Auftrag, die Briten als gierige Blutsauger und Unterdrücker freiheitsliebender Völker, besonders der Iren, darzustellen. Entsprechend erscheint Bruce Ismay, der Präsident der «Titanic»-Besitzerin «White Star Line», als skrupelloser Finanzhai, der Kapitän Smith zu einem Geschwindigkeitsrekord antreibt, damit die Aktien seines Unternehmens in die Höhe schnellen. Ebenfalls an Bord ist ein fiktiver Deutscher, der Erste Offizier Petersen, dessen einziges Anliegen das Wohl der Passagiere ist, während die Briten nur ihre Haut und ganz besonders ihre Juwelen retten wollen. Eine verruchte Zigeunerin und ein böser «Levantiner» (gemeint war ein Jude) durften auch nicht fehlen.

Der Film feierte 1943 Premiere in Prag, doch die deutschen Kinos erreichte er erst nach Kriegsende, natürlich in einer entschärften Version. Möglicherweise befürchtete der Propagandaminister, dass die Deutschen die «Titanic» für ein Symbol des dem Untergang geweihten «Dritten Reiches» halten würden, oder er erschien selbst ihm zu platt. Heute kann er in der Reihe «Ufa Klassiker Edition» auf DVD erworben werden, inklusive der (in der Fernsehfassung entfernten) Schlusseinstellung, in der zu lesen ist: «Der Tod von 1500 Menschen blieb ungesühnt, eine ewige Anklage gegen Englands Gewinnsucht.»

Ein beinahe dokumentarisches Drama

1955 veröffentlichte Walter Lord seinen dokumentarischen Roman «A Night to Remember» und löste damit eine neue Welle der «Titanic»-Begeisterung aus. Der Bericht beruhte auf Augenzeugenberichten und versuchte, das Schicksal des Schiffes möglichst genau zu rekonstruieren. Der gleichnamige Film aus dem Jahr 1958, der unter «Titanic»-Spezialisten bis heute als der beste gilt, folgt demselben Prinzip. Im Vordergrund stehen hier nicht die reichen Passagiere der Ersten Klasse, sondern das Schiff selbst in seiner ganzen Vielfalt (auch wenn die Amerikaner etwas zu kurz kommen). Besonders das Buch ist von einer gewissen Sehnsucht nach einer Zeit erfüllt, in der man vermeintlich noch unbeschwert an den Fortschritt, die Segnungen der Technik und das Gute im Menschen glauben konnte. Dieses Vertrauen ging mit der «Titanic» unter; was von ihm noch übrig war, wurde durch die beiden Weltkriege endgültig zerstört.

Camerons Blockbuster

Den heute berühmtesten und mit Abstand aufwändigsten «Titanic»-Film lieferte der gebürtige Kanadier James Cameron 1997. Er war ausserdem der erfolgreichste Film aller Zeiten, bis Cameron 2009 mit «Avatar» einen neuen Rekord aufstellte. Die Handlung (vom Titelsong ganz zu schweigen) ist bekanntlich reichlich kitschig: Das Oberschichtmädchen Rose DeWitt Bukater (Kate Winslet) soll gegen ihren Willen den Widerling Cal Hockley heiraten, mit dem sie auf der «Titanic» zur Hochzeit in den USA unterwegs ist. Dort verliebt sie sich in den Naturburschen Jack Dawson (Leonardo Di Caprio) aus der Dritten Klasse, mit dem sie in den USA durchbrennen will. Die «Titanic» geht unter, Dawson ertrinkt, doch Rose überlebt, beginnt ein neues Leben und trägt Jack für immer in ihrem Herzen.

«Titanic»-Enthusiasten monierten sogleich, hier werde ihr Lieblingsthema für seichte Unterhaltung missbraucht. Dabei war auch Cameron ein «Titanic»-Enthusiast, der nichts dem Zufall überliess: Mit zwei russischen Tauchbooten besichtigte er persönlich das Wrack. Dann kaufte er eigens ein Gelände im mexikanischen Playas de Rosarito, wo die Steuerbordseite der «Titanic» fast originalgetreu rekonstruiert wurde. Auch bei der Innenausstattung musste alles stimmen; für das grosse Treppenhaus nahm man beispielsweise echtes Eichenholz. Offenbar liess sich Kate Winslet von Camerons Authentizitätswahn anstecken: Sie wollte die Untergangsszene in Wasser drehen, dessen Temperatur derjenigen des Nordatlantiks am 15. April 1912 (minus 2,2 Grad) entsprach, doch als man es damit versuchte, war sie dann doch für die Alternative: 27 Grad. Zum Schluss beliefen sich die Produktionskosten auf schwindelerregende 200 Millionen Dollar, Cameron verzichtete sogar auf sein eigenes Honorar. Der Film begeisterte nicht nur das Kinopublikum auf der ganzen Welt, sondern auch die «Titanic Historical Society», die besonders von der Echtheit der Kulisse fasziniert war.

Am Ende des Films ist Rose an Bord eines Forschungsschiffs zu sehen. Dort hat sie einen Traum, in dem die «Titanic» wieder entstanden und sie (im Brautkleid) mit Jack vereint ist. Wieder einmal ist es Hollywood gelungen, eine Katastrophe zu einem glücklichen Ende zu führen.

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