Reportage: Von Krippenkindern und Karrieremamis
Aktualisiert

ReportageVon Krippenkindern und Karrieremamis

84 Prozent aller Kinder gehen in Schweden in eine Krippe, 60 Prozent der Mütter arbeiten Vollzeit. Plagt die Eltern kein schlechtes Gewissen? Ein Augenschein vor Ort.

von
Simona Marty

Es ist laut im Esszimmer der Vorschule Täppan im Süden Stockholms. Kindergeschrei hallt durch den Raum. Die zweijährigen Kinder warten ungeduldig auf ihr Mittagessen. Elias' hilft beim Tischdecken mit und lernt dabei das Zählen. Heute gibt es Gemüse, Kartoffeln und Fleischbällchen. Elias Mutter Julia hat ihn erst gerade in diese Krippe umteilen lassen, die bei der schwedischen Mittel- und Oberschicht sehr beliebt ist. Fünf Tage die Woche gibt Julia ihren Sohn nun in die Obhut der Betreuerinnen, die ihn frühmorgens in Empfang nehmen und abends wieder verabschieden. Vom unteren Stockwerk dringt ein süsslicher Duft hinauf. Die älteren Kinder, die bereits eine Stunde vorher gegessen haben, kneten mit den Betreuerinnen einen Kuchenteig und backen.

Aufgeteilt in Altersgruppen folgen die Kinder in den schwedischen Vorschulen einem klaren Tagesablauf. Im Rahmen eines Lehrplans, des sogenannten «Curriculums», werden gezielte Vorgaben zur kindlichen Förderung in die Aktivitäten integriert. Egal ob beim Kuchenbacken, beim Liedersingen oder beim Hüttenbauen – laut der stellvertretenden Vorschulleiterin Yvonne Häll geht es «um spielerisches Lernen».

«Es ist normal, Babys in die Krippe zu bringen»

So wie Elias werden in Schweden 84 Prozent der Kinder fremdbetreut - 50 Prozent sind beim Eintritt gerade mal ein Jahr alt. «Hier ist es normal, dass man bereits sein Baby in die Krippe bringt. Auch alle Freunde meines Kindes sind hier. Er hätte zu Hause gar niemanden mehr zum Spielen», erzählt Julia. Sie arbeitet Vollzeit als Sozialarbeiterin.

In Schweden sind 81 Prozent der Mütter berufstätig, knapp 60 Prozent von ihnen arbeiten Vollzeit. Zum Vergleich: In der Schweiz gehen rund 60 Prozent der Mütter einer Teilzeitarbeit nach, nur 16 Prozent arbeiten Vollzeit.

«Es ist nicht einfach, ein kleines Kind wegzugeben»

Für Julia war aber von Anfang an klar: Sie wollte sich nicht zwischen Karriere und Kind entscheiden. Doch hat Sie manchmal nicht auch Schuldgefühle, ihren Jungen montags bis freitags abzugeben? «Klar ist es nicht einfach, ein einjähriges Kind wegzugeben. Sie sind noch so klein.» Doch ohne ihren Beruf würde sie sich «nicht vollständig fühlen», begründet die junge Mutter ihren Entscheid. Von der Gesellschaft aber würde ihr kein schlechtes Gewissen gemacht: «Im Gegenteil. In Schweden wird man als Mutter sogar komisch angeschaut, wenn man nicht arbeitet.»

Doch dies war nicht immer so. «Auch wir haben die Diskussion geführt, ob es für ein Kind schlecht ist, fünf Tage die Woche von den Eltern getrennt zu sein - allerdings vor 25 Jahren», meint Annika Lundius, stellvertretende Geschäftsführerin des schwedischen Wirtschaftsverbandes Svenskt Näringsliv. Heute seien die kritischen Stimmen aber verstummt: «Wir sind von den Vorteilen der Vorschule und deren Potenzial für die Entwicklung unserer Kinder überzeugt.»

Bereits in den 70er Jahren kämpften Schwedinnen für eine gleichberechtigte Teilhabe am Berufsleben. Lundius: «Schwedinnen wollten schon früh finanziell unabhängig sein. Die ursprüngliche Idee des Vorschulsystems war es, mehr Frauen in die Wirtschaft zu bringen», führt die Karrierefrau und Mutter zweier Töchter aus. Erst allmählich habe sich der Fokus auf die Kinder, deren gezielte Förderung und Entwicklung gerichtet.

170 Franken für einen Monat Krippe

Die frühkindliche Bildung lässt sich Schweden denn auch was kosten - 10 Milliarden Franken werden jährlich in das Vorschulsystem investiert. 80 Prozent der Kosten werden vom Staat respektive den Kommunen übernommen.

Für Mütter wie Julia bedeutet dies, dass sie innerhalb von vier Monaten einen Platz zugesichert bekommen und sie dieser maximal 170 Franken im Monat kostet. So viel wie Schweizer Eltern je nach Wohnort für zirka zwei Tage Krippe bezahlen. Der Tarif wird nach unten angepasst, je mehr Kinder eine Familie hat. So ist Schweden denn auch das Land mit der höchsten Geburtenrate und den höchsten Steuern Europas.

Laut Maria Arnholm, Ministerin für Gleichberechtigung, könnte dank dem schwedischen Vorschulsystem auch in der Schweiz die Geburtenrate erhöht werden - sofern der Wille der Bevölkerung denn dafür da sei (siehe Interview). Das Schweizer Volk hat allerdings erst im März Nein gesagt zum Familienartikel und somit eine Ausweitung der staatlich finanzierten Kinderbetreuung abgelehnt.

«Krippe ab einem Jahr ist nicht zu früh»

Frau Arnholm*, praktisch alle Kinder in Schweden werden fremdbetreut - schon Einjährige verbringen fünf Tage die Woche in der Vorschule. Sind schwedische Eltern alle herzlos, was ihre Kinder betrifft?

Wie fast alle Eltern in Schweden bin auch ich eine Mutter, die ihre Kinder in die Vorschule brachte. Meine persönlichen Erfahrungen und zahlreiche Studien haben gezeigt, dass die Vorschule nicht schlecht, sondern im Gegenteil, sehr gut für die Kinder ist. Sie werden etwa besser auf die Schule vorbereitet.

Doch ist es nich etwas sehr früh, bereits sein einjähriges Kind fünf Tage die Woche in die Krippe zu geben?

Nein, ich finde das nicht zu früh. Aber natürlich muss jede Familie selbst für sich entscheiden, ab wann und wie viele Tage sie ihr Kind fremdbetreuen lassen möchte. Jede Familie weiss am besten, was gut ist für ihr Kind. 85 Prozent der Kinder werden in Schweden in die Vorschule gebracht. Ich denke diese Zahl spricht für sich.

Mütter und Väter können so ihre Karriere vorantreiben. Was leidet ist die Eltern-Kind-Beziehung…

Meine persönlichen Erfahrungen haben gezeigt, dass dies nicht stimmt. Wir haben die Morgen, die Abende und auch die Wochenenden, die wir mit unseren Kindern dafür umso intensiver verbringen.

In der Schweiz wurde eine Initiative abgelehnt, die die staatlich finanzierte Kinderbetreuung hätte fördern sollen. In Schweden hingegen übernimmt der Staat praktisch alle Kinderbetreuungskosten. Ist solch eine Einmischung in die Erziehung nicht problematisch?

Kinderbetreuung, Erziehung und auch Gleichberechtigung ist ein gutes und lohnenswertes Investment. Schweden hat eine der höchsten Geburtenraten in Europa und trotzdem sehr viele berufstätige Eltern. Dies ist ein Zeichen, dass viele Eltern Berufs- und Familienleben verbinden wollen. Dies gilt es zu unterstützen.

Als Konsequenz ist Schweden aber auch eines der Länder, mit den höchsten Steuern in Europa. Werden Eltern so nicht viel eher gezwungen, berufstätig zu sein?

Eltern können selbst entscheiden, ob sie arbeiten gehen möchten. Das hängt natürlich auch von ihrem Lebensstandard ab. Bei schlecht bezahlten Berufen ist es natürlich eher der Fall, dass beide Elternteile arbeiten müssen.

In der Schweiz kostet ein Tag Kinderkrippe soviel wie in Schweden ein ganzer Monat Vorschule. Was könnte die Schweiz von ihrem System lernen?

Es ist wichtig, dass jedes Land seine eigenen Lösungen findet. Unser System funktioniert für uns sehr gut. Wenn man Beruf und Familie verbinden möchte, sind qualitativ hochstehende und bezahlbare Krippen ein absolutes Muss. Unser System könnte auch in der Schweiz funktionieren - wenn die Menschen dies wirklich wollen.

*Maria Arnholm ist schwedische Ministerin für die Gleichstellung der Geschlechter. Zu den kürzlichen Randalen in schwedischen Migrantenvierteln wollte sich Arnholm nicht äussern. Schweden rühmt sich, dank dem Vorschulsystem, Migranten frühzeitig in die Gesellschaft zu integrieren.

Stimme Q

Dieser Artikel entstand im Rahmen einer Studienreise nach Stockholm. Durchgeführt wurde die Reise vom Verein Stimme Q, der den Qualitätsgedanken in der Bildung, Betreuung und Erziehung von Kindern einer breiten Öffentlichkeit näher bringen möchte. Der Verein wird von verschiedenen Stiftungen und Organisationen getragen. SP-Nationalrätin Jacqueline Fehr engagiert sich als Projektleiterin im Verein.

Deine Meinung