Desinformations-Forscherin: Von wegen freie Wahlen, freier Wille – ist alles manipulierbar?

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Desinformations-ForscherinVon wegen freie Wahlen, freier Wille – ist alles manipulierbar?

Die Enthüllungen über die Hacker-Firma «Team Jorge» werfen ein Licht auf das unheimliche Geschäft mit Fake News und Wahlmanipulationen. Eine neue Dimension der Gefahr für die Demokratie? Desinformations-Forscherin Anat Ben-David im Interview.

von
Ann Guenter
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Der Leiter des «Team Jorge» wurde als Tal Hanan entlarvt.

Der Leiter des «Team Jorge» wurde als Tal Hanan entlarvt.

Screenshot Youtube/ The Guardian
Das Team operiert aus einem Gewerbebau in der Kleinstadt Modi’in heraus.

Das Team operiert aus einem Gewerbebau in der Kleinstadt Modi’in heraus.

Screenshot Youtube/ The Guardian
Desinformation ist eines der zentralen Elemente der Arbeit von «Team Jorge».

Desinformation ist eines der zentralen Elemente der Arbeit von «Team Jorge».

Screenshot Youtube/ The Guardian

Darum gehts

  • Eine israelische Firma hat nach Angaben von investigativ arbeitenden Reportern gegen Bezahlung weltweit Wahlen manipuliert.

  • Sie gehört zu einem weltweit wachsenden Markt von Desinformations-Dienstleistern.

  • «Diese Leute definieren neu, was Wahlen sind», sagt Desinformationsforscherin Anat Ben-David.

  • Für sie seien Wahlen kein Wettbewerb, sondern ein Krieg mit allen Mitteln.

  • Gefährden solche Firmen und ihre Technologien die Demokratie? 

«Team Jorge» macht Geschäfte mit Desinformation und Wahlmanipulationen. Wer zwischen sechs und 15 Millionen US-Dollar hinblättert, dem verspricht die Firma mit Sitz in Israel auch manipulierte Wahlen. Öffentliche Meinungen werden mit Hacks und versteckten digitalen Kampagnen beeinflusst.

Die Firma gehört zu einem weltweit wachsenden Markt von Desinformations-Dienstleistern. Experten schätzen, dass bereits über tausend ähnliche Unternehmen existieren. «Diese Leute definieren neu, was Wahlen sind», sagt Desinformationsforscherin Anat Ben-David* im Interview. 

Frau Ben-David, was sind Wahlen für Firmen wie «Team Jorge»? 

Für sie sind Wahlen kein freier und fairer Wettbewerb, sondern ein Krieg, der durch Manipulation und Täuschung gewonnen werden muss. Um dieses Ziel zu erreichen, stehen ihnen alle Mittel zur Verfügung. Das hat nichts mit Fairness, Gleichheit, dem Wettbewerb der Ideen oder der Ideologie zu tun. Es geht einzig und allein darum, ein Ziel, ein Publikum, zu definieren und ein Narrativ zu verbreiten.

Es soll über tausend Firmen wie «Team Jorge» geben. Wie viel Einfluss haben sie auf demokratische Prozesse?

Ich finde es schwierig, diese Frage zu beantworten. Viele dieser Unternehmen arbeiten verdeckt. Wir können also nicht abschätzen, wie gross die Desinformationsindustrie ist oder wie gross der Einfluss ihrer Manipulationen ist. Das ist auch das Besondere an den Enthüllungen über «Team Jorge».

Was ist das Neue und Spezielle an den Enthüllungen?

Die verdeckte Recherche enthüllte die Methoden und Ziele solcher Unternehmen. Sie war auch deshalb einzigartig, weil sie eine Beeinflussungskampagne aufdeckte, die noch im Gange war. Seit dem Cambridge Analytica-Skandal suchen wir nach Hinweisen auf Beeinflussungskampagnen in sozialen Medien. Mit Data Mining können wir zum Beispiel versuchen, Muster zu finden. Aber auch damit erhalten wir höchstens Hinweise oder Wahrscheinlichkeiten, dass Kampagnen stattfinden könnten. In den meisten Fällen sind wir dazu erst im Nachhinein in der Lage, während es andere Kampagnen geben kann, die wir gar nicht bemerken.

«Nicht nur Beeinflussung in den sozialen Medien, sondern eine umfassende Operation durch einen privaten Anbieter.»

Desinformationsforscherin Anat Ben-David

Das klingt dystopisch.

Es ist verstörend. Ich muss gestehen, dass ich zwei Nächte nicht schlafen konnte, als ich das Ausmass davon erfasste, was die Journalisten ans Licht gebracht hatten: Die Kombination von Desinformation mit Cyberwaffen und der Fähigkeit, spezifische Personen gezielt anzugreifen. Ihre Accounts zu hacken, in ihrem Namen zu posten, ihre Telekommunikation anzuzapfen. Es ist nicht nur Beeinflussung in den sozialen Medien, sondern eine umfassende Operation durch einen privaten Anbieter. Dabei sind diese Technologien Waffen - Informationswaffen, die Menschen – von einfachen Einzelpersonen über Aktivisten und Oppositionellen bis zum Präsidenten im Wahlkampf – an ihr Ende bringen und Leben kosten können.  

«Diese Technologien sind Waffen, die Leben kosten können.»

Desinformationsforscherin Anat Ben-David

Sind Wahlen in indirekten Demokratien wie den USA anfälliger für Manipulation als Wahlen in einer direkten Demokratie wie der Schweiz?

In einem Zweiparteiensystem wie den USA ist es einfacher, ein Narrativ zu ändern, weil es nur zwei Seiten gibt. In einem Mehrparteiensystem ist es komplizierter, in die öffentliche Sphäre einzugreifen. Aber es ist immer noch möglich, Zweifel zu säen, Spins zu erzeugen oder politische Gegner zu erpressen. Wenn man etwa das E-Mail-Konto von jemandem hackt und ihm etwas Belastendes unterschiebt, das er nicht getan hat. Es abzustreiten, würde ihn aber mehr kosten, als seine Unschuld zu beweisen. Alles ist möglich. Das ist das Dystopische an der Sache.

Wieso greifen Gesetze und Regulierungen nicht? 

Die technischen Fortschritte haben die gesetzlichen Regulationen überholt. Und es fehlt der politische Wille, die wachsenden Lücken zu schliessen beziehungsweise es fehlt eine aufnahmebereite politische Kultur. Kommt hinzu: Auch Staaten sind Kunden solcher Firmen und kaufen deren Spionagesoftware. Dagegen vorzugehen, liegt nicht unbedingt in ihrem Interesse. 

«Ja, das kann zu engstirnigen Bürgern führen.»

Desinformationsforscherin Anat Ben-David

Welche Gefahren bringt das mit sich?

Je erfolgreicher solche Methoden sind, desto gefährdeter sind freie und faire Wahlen in demokratischen Gesellschaften. Mittlerweile sind alle Wahlkampagnen mit irgendeiner Art von Überwachung verbunden, wie z. B. Datenerfassung oder Micro-Targeting. Das ist Teil der Art und Weise, wie wir heutzutage Wahlen durchführen, und wir können nicht mehr zurück. Ich glaube aber weiterhin an die Stärke der demokratischen Institutionen, welche die Integrität der Wahlen gewährleisten. Die Wahlinfrastruktur ist jedoch verwundbar, insbesondere in den Ländern des globalen Südens. Das Risiko, dass dort keine fairen Wahlen abgehalten werden, ist wahrscheinlich grösser als je zuvor.

«KI und Suchalgorithmen machen die Bürger politisch einfältig und möglicherweise sogar extrem», kommentierte einer unserer Leser. Stimmen Sie zu?

Das ist zwar etwas vereinfacht, aber ich würde zustimmen, ja. Algorithmen und Suchmaschinen schränken das Wissen tatsächlich ein, während sie uns das Gefühl geben, dass wir in einer Gesellschaft des Informationsüberflusses leben. Sie ordnen und bestimmen, was wir wissen sollen und was nicht. Das kann zu engstirnigen Bürgern führen.

* Anat Ben-David ist Associate Professor für Kommunikation an der Open University in Israel. Sie forscht zu Desinformation und Social Media und hat die Datenschutzorganisation Privacy Israel mitbegründet.

Private Nachrichtendienste: «DarkMatter», «Black Cube» und Co.

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