Kolumne: Von wilden Gerüchten und schlechtem Fussball
Aktualisiert

KolumneVon wilden Gerüchten und schlechtem Fussball

Trotz des Terroranschlags auf das tongolesiche Nationalteam und seine Abreise ist am Afrika-Cup die Normalität zurückgekehrt. Im Vordergrund steht der Fussball, der in scheinbar prächtigen Stadien gespielt wird.

von
Silvano Speranza
Luanda
Das moderne Fussballstadion in Luanda

Das moderne Fussballstadion in Luanda

Ein paar präsidiale Worte des Mitgefühls vom angolanischen Staatschef Dos Santos und eine Schweigeminute reichten, um die dunklen Schatten der letzten Tage zu verscheuchen. Der Mensch, von oben betrachtet, hält sich wie die Ameisen nicht lange auf, wenn seinen Mitmenschen Schlimmes widerfährt. Das Leben geht weiter - das hatten sich die jungen Togolesen gesagt, als sie spät in der Nacht auf Sonntag beschlossen, doch zum Afrika-Cup anzutreten. Die wenigsten von ihnen sind arrivierte Profis in Europas grossen Ligen. Sie sind jung - und für sie ist der Afrika–Cup eine Chance, etwas aus sich zu machen. Die Toten werden in den seltensten Fällen wieder lebendig, auch wenn dies im Fall des armen Busfahrers fast den Anschein macht. Seit drei Tagen wird er nun in Pressemeldungen abwechselnd für tot erklärt und dann wieder zum Leben erweckt.

Aber dafür hat meine Wenigkeit eine kleine, erhellende Erklärung parat: In einem dieser gut zwanzigtausend Berichte, die ich zum Ereignis in Cabinda gelesen habe, war einmal von einem zweiten Bus die Rede. Dieses als Materialbus bezeichnete Fahrzeug musste auch einen Fahrer gehabt haben. Möglich also, dass dieser zweite Fahrer nur verletzt wurde und der andere sein Leben lassen musste oder umgekehrt. Bei Fahrern nimmt man es vielleicht nicht so genau wie bei Fussballspielern. Als weitere Version in dieser unsäglichen Serie von sich ständig widersprechenden Gerüchten würde sich die Geschichte auf jeden Fall bestens eignen.

Die gigantische Käferlarve

Zurück zum Tag des Eröffnungsspiels: Am Horizont erschien das neue Nationalstadion. Es sah aus wie eine gigantische Käferlarve. Die 1500 Jahre alte Welwitschia–Pflanze mit ihren meterweit ausladenden, grünfleischigen Blättern, die dem angolanischen Architekten beim Entwurf vorgeschwebt haben soll, ist für Laien nur schwer ins Bild zu interpretieren. Viel eher dachte ich bei der Aussenansicht der Arena an eine Ballonhalle, die jemand mit roten, dreieckigen Zirkuszeltmustern versehen hatte.

Rund um den Bau waren die neuen Autobahnen mit Autos verstopft und Tausende von anreisenden Zuschauern färbten die Umgebung mit ihren Angolafarben Rot-Schwarz-Gelb ein. Das Stadion liegt 30 Kilometer ausserhalb der Stadt. Wie immer am Afrika–Cup frage ich mich, was um alles in der Welt ein afrikanisches Land mit einem so teuren Vorzeigebau anfangen will - und Angola hat gleich vier davon. Ein paar Qualifikationsspiele für den Afrika–Cup oder für die WM, viel mehr ist da nicht.

Nun steht also in der Weite des luandischen Umlandes ein «weisser Elefant» mit roten Dreiecken. Am Bau wurden noch letzte Arbeiten ausgeführt, während die Zuschauer bereits hineinströmen. An jeder Ecke schliffen Chinesen scharfe Betonkanten ab, schoben Schubkarren durch die Gänge oder führten Slapstick–Nummern mit Bockleitern auf. Innen ist es beileibe kein architektonisches Juwel, dieses Stadion. Die langen Gänge sind unübersichtlich, hässlich und masslos überkühlt. Und: Die Arena selbst ist eine jener typischen Mehrzweckanlagen mit Rennbahn und entsprechender Fernsicht auf das Fussballgeschehen.

Die malischen Stars drehten das Spiel

Fussball geschah auch noch an jenem denkwürdigen Eröffnungsabend des 27. afrikanischen Nationenpokals. Angolanische Antilopen gegen malische Adler lautete die Affiche. Es war, zumindest in der ersten Halbzeit, ein schrecklich schlechtes Spiel. Kaum ein Pass erreichte sein Ziel, kaum ein Angriff zeigte gepflegte Kombinationen oder zwingende Abschlussmöglichkeiten. Aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen lagen die einheimischen Antilopen mit 4:0 vorne. Das Spiel schien gelaufen.

Doch dann drehten die malischen Stars Keita (Barcelona), Kanouté (Sevilla) und Diarra (Real Madrid) kurzerhand das Spiel. Die Angolaner, Inbegriff an Naivität und taktischer Unbedarftheit, merkten gar nicht was sich da über ihren Köpfen zusammenbraute. So wunderte sich ausser rund 50 000 angolanischen Fans im Stadion und etlichen Millionen draussen vor den Bildschirmen kaum jemand, dass Seydou Keita in der 94. Minute den Ausgleich erzielte. Das Publikum war konsterniert, die Malier feierten das Unentschieden wie einen Sieg und die Angolaner schlichen wie geprügelte Hunde von dannen. Wir neutralen Anwesenden hatten dann wenigstens keinen allzu übereuphorisierten Rückreisestau durchzustehen und es blieben uns noch einmal fast eineinhalb Stunden, um entweder die neueste Meldung zu diskutieren, dass die Togolesen nun endgültig nicht zurückkämen oder um den Kopf auf das offene Busfenster zu legen und von den tausendfach ausgestossenen Abgasen schnuppernd einzuschlafen.

Der Kolumnist

Silvano Speranza ist freischaffender Journalist. Er bereist Afrika regelmässig seit über 20 Jahren und hat diverse kulturelle Austausch-Projekte mit afrikanischen Kulturschaffenden mit ins Leben gerufen. Dies ist Speranzas siebter Afrika Cup. Für 20 Minuten Online schreibt er regelmässig eine Kolumne aus Angola.

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