«Mr. Langstrasse»: Von Yuppies, Drogen und Kinderkurieren

Aktualisiert

«Mr. Langstrasse»Von Yuppies, Drogen und Kinderkurieren

Nach zehn Jahren Kampf gegen das Milieu geht Rolf Vieli in Pension. Ein Rundgang mit einem Mann, dessen Geschichte auch die eines Zürcher Quartiers ist.

von
Joel Bedetti

Ein Spaziergang mit Rolf Vieli die Zürcher Langstrasse hinunter ist eine anstrengende Sache. Alle paar Meter bleibt Vieli stehen und zeigt auf einen Hinterhof, in dem früher gedealt wurde, grüsst jemanden oder wird gefragt, ob er eine Minute Zeit habe. Vieli kennt sie alle – Wirte, Originale, Polizisten und Zuhälter. Schon nach wenigen Metern auf der Langstrasse erahnt man, was für eine Lücke der Mann hinterlässt.

Nach einem zehnjährigen Kampf für die Aufwertung der Langstrasse geht Rolf Vieli, 65, im Sommer in Pension. Er verlässt das städtische Sorgenkind mit einem guten Gefühl. «Auch wenn noch viel Arbeit wartet, verlasse ich das Quartier in einem stabilen Zustand», sagt Vieli.

«Drogenexpress»

Das war auch schon anders. Um die Jahrtausendwende war die Gegend eine einzige Krisenzone. Die Schliessung des Drogenparks Letten hatte die Junkies in die Langstrasse und den angrenzenden Kreis 4 getrieben, wo Drogendealer warteten, das Sexmilieu Anonymität versprach und die Wohnungen billig waren.

Das Langstrassenfesst geht den "Bach durapp!!"nur die eingefleischten flanieren...

Rolf Vieli zeigt auf die neugebaute Tramstation am Limmatplatz, dem Eingangstor zur berüchtigtsten Strasse des Landes. «Früher stand dort eine Kebabladen und ein Kiosk. Beim Kebabladen waren die Dealer, beim Kiosk die Junkies, weil die viel Zucker brauchen.» Wer in den Kreis 4 wollte, erzählt Vieli, sei lieber um die halbe Stadt gefahren, als den «Drogenexpress» genannten 32er-Bus durch die Langstrasse zu nehmen. «Gewalt spielte sich zwar fast nur im Milieu ab, aber subjektiv hatte man trotzdem Angst», sagt Vieli.

Auch er war von der Misere betroffen. Das Trottoir war ein Spritzenteppich und die Tischtennistische im Hof ein Fixer-Treffpunkt. Und weil sich nur noch wenige ins Quartier trauten, ging Vielis Weiterbildungsschule, die er mit Partnern betrieb, fast Konkurs.

Heimatliebe

Als die Stadt 2000 mit dem Projekt «Langstrasse Plus» der Verlotterung den Kampf ansagte, fragte die Polizeidirektorin Esther Maurer ihren Parteigenossen, ob er die Leitung übernehmen wolle. Vieli sagte zu – aus Heimatliebe. «Ich wollte nicht zuschauen, wie das Quartier, in dem ich mein Leben verbracht habe, vor die Hunde geht.» Fortan nannte man Rolf Vieli «Mr. Langstrasse».

Qualifiziert gewesen, meint Mr. Langstrasse, sei er vor allem wegen seiner Arbeit als Betreibungsbeamter. «Nie lernt man die Probleme eines Quartiers besser kennen, als wenn man Wohnungen räumen muss», sagt er. Vieli war schon damals kein Schreibtischtäter. Jeden Morgen vor der Arbeit sass er in einem Café, das war seine informelle Sprechstunde. «Manche Probleme lassen sich beim Kaffeetrinken besser lösen als im Büro», sagt Mr. Langstrasse.

Kinder als Drogenkuriere

Vielis erste Schlacht schlug er in der Bäckeranlage. «Wir wussten: Wenn wir da nicht gewinnen, können wir es ganz bleiben lassen.» Die «Bäcki», einst ein Quartierpark, auf dem Vieli den ersten Kuss bekam, war zu einem Drogenumschlagplatz verkommen. Junge Männer fuhren mit Offroadern heran und luden bei den Kleindealern Drogen ab. «Schlägereien waren so alltäglich, dass sogar die Gewalt in den benachbarten Schulhäusern anstieg», erinnert sich Vieli. Manchmal benutzten die Kleindealer die Schulkinder als Drogenkuriere.

Es wurde ein ermüdender Kampf, von Vieli, Polizei und Quartierorganisationen gegen Dealer und Junkies. Man veranstaltete Konzerte und Lesungen, um die Bevölkerung wieder in den Park zu locken. Aber die finsteren Gestalten kamen wieder zurück. Mittels Polizeipatrouillen vertrieb man die Dealer in die Seitengassen. Als die Polizei sich auch dort zeigte, zogen sie sich auf die Pausenhöfe der Schulhäuser zurück. Zum Schluss musste die Polizei überall sein.

Rambos und Romantiker

Doch Vieli und Co. gewannen das Katz-und-Maus-Spiel. Heute sonnen sich die Quartierbewohner auf dem Rasen oder sitzen im Café des Quartierzentrums in der Mitte. Nur am Rand tummeln sich Alkoholiker. Nicht schlimm, findet Vieli. «Randständige müssen ihren Platz haben, aber sie dürfen nicht überhandnehmen.» Nach dem Sieg bei der «Bäcki» eroberte die Stadt mit diesem Mix aus Veranstaltungen, Polizeiipatrouillen und baulichen Massnahmen den öffentlichen Raum zurück.

Erst musste Vieli aber die eigenen Reihen schliessen. «Dass ich dem Polizei- und nicht dem Sozialdepartement angehörte, hat extrem geholfen», sagt er. In den beiden Departementen, die fürs Milieu zuständig sind, war man sich nicht grün. Die Polizisten hielten die Sozialarbeiter für Romantiker, und für die Sozialarbeiter waren die Polizisten Rambos. Der 68er und Sozialdemokrat Rolf Vieli war ein Fremdkörper im hierarchischen Polizeikorps. Doch mit der Zusammenarbeit schwanden die Vorurteile. Seither, so Vieli, würden Polizisten und Sozialarbeiter an der Langstrasse besser zusammenarbeiten.

Fernöstliche Weisheit

Bei Vieli liefen die Fäden zusammen. Er machte Rundgänge durchs Quartier, trank Kaffee mit Polizisten, Zuhältern, Prostituierten, Wirten, Anwohnern; er sammelte Informationen, vermittelte, vernetzte und warnte. Oder, wie es der Indienfan mit einem Hauch fernöstlicher Weisheit beschreibt: «Manchmal muss man ein Problem nicht bloss als ein Problem betrachten, sondern als Teil von etwas Grösserem.» Vieli redete Wirten ins Gewissen, die Dealer bei ihnen verkehren liessen. Er sorgte für Polizeipatrouillen vor neueröffneten Cafés, um das Milieu fernzuhalten und keine Kunden zu verscheuchen. Er half auch Bordellbesitzern, die unter dem wachsenden Druck ihre Puffs umnutzen wollten.

An der Ecke Militär/Langstrasse wird Vieli von einem Mann dieser letzten Kategorie angesprochen. Er werde von jemandem verleumdet, dass er illegale Prostitution fördere, sagt der Mann, während hinter ihm ein Junkie auf der Strasse vor hupenden Autos umhertorkelt.

«Dabei bin ich jetzt sauber. Ich will keine Huren in meinem Lokal, das bringt nur Ärger», sagt er.

Vieli entgegnet, eigentlich sei geplant gewesen, in seiner Liegenschaft ein Café zu bauen, das um sieben schliesst.

«Um sieben?», fragt der Mann entgeistert, «wer kann sich das denn leisten?»

«Machen Sie doch ein tibetanisches Restaurant daraus,», sagt Vieli.

Der Mann winkt irritiert ab, Vieli verspricht, bald anzurufen.

Die Kehrseite

Vor der «Lambada»-Bar, einst eine Kontaktbar, tägliche Schlägerei inklusive, etwa dieselbe Szene. Der Besitzer des Hauses, ein massiger Mann in Sommerkleidung, fragt Mr. Langstrasse nach Formularen. Er wolle das Lambada schliessen und etwas Neues machen, in den oberen Geschossen wolle er Wohnungen vermieten. Vieli verspricht einen Termin.

Neue Cafés, neue Wohnungen – das Milieu ist auf dem Rückzug. Doch die Langstrasse droht Opfer des eigenen Erfolgs zu werden. Der Partylärm ist ohrenbetäubend geworden. Und die Mieten teurer. Seit einiger Zeit werden von linksalternativer Seite Rufe laut, mit der Säuberung der Langstrasse würden Yuppies und Spekulanten das Quartier übernehmen. Auch Rolf Vieli kriegt dabei sein Fett weg. Er sehe die Kehrseite der Säuberung nicht, heisst es.

«Die Aufwertung hat lediglich ein Social Cleansing gebracht», sagt Niklaus Scherr, ehemaliger Stadtrat für die Alternative Liste und bekannter Vieli-Kritiker. «Herr Vieli ist nicht die Ursache dieser Entwicklung, aber der Brandbeschleuniger.»

Vom «Little Italy» zur Sexmeile

Vieli lächelt, aber die Vorwürfe ärgern ihn. «Ich habe schon vor Jahren gewarnt, dass die Stadt Liegenschaften an der Langstrasse erwerben soll.» Obwohl die Alternative Liste übertreibe, würden Immobilienspekulanten die Mieten in die Höhe treiben. «Die Ursache dieser Entwicklung ist aber nicht die Quartieraufwertung», ist Vieli überzeugt. Sie beginnt in seiner Jugend.

Bis in die 1970er-Jahre war die Langstrasse ein buntes Einwandererquartier mit Spaniern, orthodoxen Juden, vor allem aber ein «Little Italy», wie es im legendären Film «Bäckerei Zürrer» von 1957 gefeiert wird. Vieli, in einer Arbeiterfamilie mitten im Kreis 4 aufgewachsen, erinnert sich an eine italienische Ladenbesitzerin, die ihm Süssigkeiten zusteckte.

Nach der Ölkrise 1973 verliessen viele Italiener das Land, zudem schloss die Stadt Zürich Rotlichtbetriebe im Seefeld und Niederdorf. Das Milieu zog ins «Little Italy» ein. Bordellkönige kauften ganze Häuserzeilen zusammen, verlangten Mieten, die nur Prostituierte zahlen konnten und liessen die Gebäude verlottern. «Viele Häuser muss man aufwändig renovieren und deshalb die Mieten erhöhen», sagt Vieli.

Sex-Kino

Vor dem neueröffneten Szenen-Café «Fiasko» beim Helvetiaplatz, dem südlichen Ende der Langstrasse, schwatzt Rolf Vieli mit den jungen Wirten, die an der Sonne auf Gäste warten. «Früher war das ein einschlägiger Schuppen», erklärt Mr. Langstrasse. Auch hier hatte er seine Finger im Spiel. Er wusste, dass der Vormieter ausziehen wollte und vermittelte die Lokalität.

Die Betreiber solcher Cafés oder auch von Kleintheatern oder Galerien, die dem Milieu trotzten, sind für Vieli die Helden der Langstrasse. «Ohne solche Leute hätten wir es nicht geschafft», sagt Vieli.

Und Sie, Herr Vieli? Auch ein Held der Langstrasse?

Er winkt ab.

«Aber ein Rolf-Vieli-Platz würde Sie schon glücklich machen, oder?»

Vieli lacht. Die Frage musste er schon mal in einem Videobeitrag beantworten. «Wenn das Sex-Kino Roland dereinst einem Theater oder so weicht, könnte man mich ja dabei erwähnen.»

Kein «Quartiersheriff»

Manchmal hat man das Gefühl, dass Vieli, der Tag und Nacht fürs Quartier unterwegs war, die Kritik etwas zu viel wurde. Neben den steigenden Mieten wurde ihm vonseiten der Alternativen Liste vorgeworfen, er spiele sich als «informeller Quartiersheriff» auf – eine Einschätzung, die von kaum jemandem geteilt wird.

Im Gegenteil: «Es ist jammerschade, dass er aufhört», sagt Koni Frei, Gastropionier im Quartier («Long Street», «Volkshaus»). «Wir würden ihn immer noch brauchen.»

Doch Mr. Langstrasse ist schon weg. Vor wenigen Wochen ist er vom Limmatplatz ins periphere Affoltern gezogen. Die Wohnungen im hippen Kreis 5 sind zu teuer geworden. Auch wenn er es selbst nicht so sagt – ein bisschen ist Rolf Vieli auch das Opfer des eigenen Erfolgs geworden.

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