Körperwelten: Von Zombies und Zipfelmützen
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KörperweltenVon Zombies und Zipfelmützen

Martina Friedrich wird vermutlich einmal die Haut abgezogen. Sie selbst will das so. Die sportliche Mannheimerin ist eine der Freiwilligen, die ihren Körper nach dem Tod dem berühmtesten und umstrittensten deutschen Anatomen zur Verfügung stellt: Gunther von Hagens.

Friedrich sagte am Freitag bei der Vorstellung der neuen Schau «Körperwelten» in Heidelberg, sie könne sich gut vorstellen, einmal auf Rollerblades ihr Innerstes preiszugeben - ihre Sehnen oder Muskeln, von fachlicher Hand freigelegt, zu strecken und dabei vielleicht ihr eigenes Herz in der Hand oder ihren Dickdarm über der Schulter zu tragen. «Ich finde es reizvoll, so dargestellt zu werden. Ich war schon immer ein Fan des Aussergewöhnlichen», erklärte die Körperspenderin. An ein Leben nach dem Tod glaubt sie nicht. «Vielleicht ist das ja auch etwas anderes, wenn man Kinder hat.»

Künstler, Avantgardist, Aufklärer oder gewissenloser Geschäftemacher und pietätloser Leichenschänder - die Meinungen über den Plastinator sind in Deutschland so kontrovers wie kaum irgendwo sonst auf der Welt. Fünf Jahre waren seine ausgehöhlten, geöffneten oder kunstvoll in allen Details freigelegten Leichen nicht mehr in Deutschland zu sehen. «Ich wollte mit einer neuen Ausstellung abwarten, bis ich sicher sein konnte, dass ich in Deutschland nicht mehr zensiert werde», sagte von Hagens.

Im November 2005 hatte der Verwaltungsgerichtshof Mannheim entschieden, dass die Ausstellung ohne Sondergenehmigung nach der Bestattungsverordnung in Baden-Württemberg gezeigt werden kann. Hagens hatte damit erfolgreich gegen Auflagen für seine Stuttgarter Schau im Jahr 2003 geklagt.

Seine Präparationsmethode hat er vor 32 Jahren in der Anatomie der Universität Heidelberg erfunden. Dort eröffnet am Samstag die Ausstellung «Zyklus des Lebens» mit 50 Exponaten, die nach seinen Angaben noch nicht in Deutschland zu sehen waren. Eine Leiche ist als Saxofonspieler dargestellt mit freigelegten Lungen, und man sieht einen Hochspringer beim Sprung.

Groteske Fratze

Hagens ehemaliger Chef, der emeritierte Heidelberger Anatomieprofessor Wilhelm Kriz, erklärte am Freitag: «Er hat die Technik weiterentwickelt. Alles ist viel detaillierter und präziser als früher. An diesen Präparaten kann man Medizinstudenten ausbilden.»

Wer am Anfang des Rundgangs bei all den wissenschaftlichen Erläuterungen rund um das Thema Leben und Sterben, Gesundheit und Krankheit glaubt, von Hagens habe sich geläutert zurück auf den Weg der Wissenschaft begeben, urteilt vorschnell. Im letzten Raum nämlich empfängt den Besucher die groteske Fratze des Weihnachtsmanns: Eine Leiche, die wie eine Explosion in sämtliche Einzelteile zerlegt auf einem rasenden Kutschbock sitzt. Es ist das Bild eines besessenen Racheengels, der vier präparierten Rentieren die Peitsche gibt: Ein Zombie mit Zipfelmütze.

Spätesten bei diesem Objekt, in dem augenscheinlich ein absurdes Mass an Arbeit steckt, wird klar: Von Hagens ist immer noch der Alte. «Ich habe zwei Ansprüche», erklärte er. «Der Forschung zu dienen ist der eine. Der andere ist, Bilder zu zeigen, die noch kein menschliches Auge vorher gesehen hat.» Er sagte, er habe noch Tausende solcher Ideen im Kopf, genug für 20 Ausstellungen. Die Heidelberger Ausstellung jedenfalls wird kaum dazu beitragen, die Gegner und Befürworter von Körperwelten miteinander zu versöhnen.

(dapd)

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