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WiedervereinigungVor 20 Jahren wurde Deutschland eins

Am 3. Oktober 1990 hörte die DDR auf zu existieren. Seither sind West- und Ostdeutsche wieder ein Volk. Doch Unterschiede bleiben bestehen.

von
jcg

Der Lebensstandard in West und Ost hat sich angeglichen, marode Häuser sind in vielen ostdeutschen Städten saniert, die Infrastruktur ist modernisiert. Auch materiell holten die Ostdeutschen schnell auf. Das verfügbare Durchschnittseinkommen je Einwohner wuchs von 1991 bis 2007 in den neuen Ländern um 85 Prozent auf 1260 Euro im Monat, im Westen nur um 40 Prozent auf 1603 Euro, wie aus einem Dossier der deutschen Regierung zu «20 Jahren Deutsche Einheit» hervorgeht. Das Bruttoinlandsprodukt ist pro Kopf in Ostdeutschland zwischen 1991 und 2009 von 43 auf 73 Prozent des westdeutschen Niveaus gestiegen.

Dazu trugen auch Transferleistungen aus dem Westen in Milliardenhöhe erheblich bei. Allein für die seit 1991 geltende Sonderabgabe zur Finanzierung der Einheit, den sogenannten Solidaritätszuschlag, haben die Deutschen bis 2009 insgesamt 187,4 Milliarden Euro aufgebracht, wie die «Welt am Sonntag» unter Berufung auf eine Aufstellung des Bundesfinanzministeriums berichtete.

Nicht nur «blühende Industrielandschaften»

Allerdings liegen die neuen Länder nach wie vor bei der Wirtschaftskraft zurück und die Arbeitslosigkeit ist immer noch fast doppelt so hoch wie in Westdeutschland. Nach Zahlen des Zentrums für Sozialforschung an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg wurden bis zum Jahr 2002 in Ostdeutschland 58 803 Betriebe geschlossen. Andererseits wurden aber auch eine halbe Million neue Betriebe gegründet. Viele Menschen sahen dennoch keine Perspektive mehr in ihrer Heimat. Innerhalb von 20 Jahren verlor Ostdeutschland im Saldo rund 1,8 Millionen Menschen - vor allem jüngere und gut ausgebildete, darunter viele Frauen.

Innenminister Thomas de Maizière (CDU) räumte denn auch «Schattenseiten» ein. Zum Versprechen des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl, es werde in wenigen Jahren «blühende Landschaften» im vereinten Deutschland geben, sagte er: «Der Begriff der blühenden Landschaften beschreibt die Realität 2010 nicht umfassend. Es gibt eben neben blühenden Landschaften auch Industriebrachen und auch gescheiterte Biografien.» Kohl dagegen verteidigte seine umstrittene Äusserung. «Die neuen Bundesländer haben seit 1989/90 grosse Fortschritte gemacht und enorm aufgeholt. Und auch bei der inneren Einheit sind wir weit vorangekommen.» So sind sich alle damals verantwortlichen Politiker einig, dass es richtig war, die deutsche Einheit so schnell zu vollziehen, auch wenn sie in der Rückschau Fehler einräumen.

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Wolfgang Böhmer (CDU) konstatierte im Bundestag, die Wiedervereinigung sei ein «Wunder» gewesen. «Wir wollten die Freiheit und bekennen uns auch heute noch dazu», betonte er, fügte aber hinzu, die Kurzzeit- und Langzeitfolgen seien damals nicht absehbar gewesen. «Es war gut, dass wir damals noch nicht alles wussten», sagte der CDU-Politiker. Die schärfste Kritik kommt erwartungsgemäss aus dem Lager der Linken. Deren ehemaliger Parteichef Oskar Lafontaine liess verlauten: «Wir sind ein Volk, was die Sprache, Kultur und Geschichte angeht. Wir haben nach zwanzig Jahren aber immer noch nicht einheitliche Lebensverhältnisse.»

Bevölkerung ist froh über die Einheit

Nichtsdestotrotz ist die Bevölkerung mit der positiven Einschätzung der Politiker einverstanden. Auch heute noch halten nach einer aktuellen Umfrage vier von fünf Befragten die Wiedervereinigung für einen Glücksfall. Im Osten ist die Zustimmung mit 88 Prozent sogar noch etwas höher als im Westen mit 82 Prozent, wie das neue ZDF-Politbarometer vom Freitag ergab. Und diese Einschätzung ist über die Zeit hinweg sehr stabil geblieben, seit Anfang der 90er-Jahre halten rund 80 Prozent der Bürger die Einheit für richtig.

Eine deutliche Mehrheit in West (75 Prozent) und Ost (60 Prozent) glaubt, dass das Leben für die meisten Menschen in den neuen Bundesländern heute besser ist als früher in der DDR, sechs Prozent (Westen) beziehungsweise 13 Prozent (Osten) sehen keinen grossen Unterschied und zehn Prozent der westdeutschen Befragten sowie 18 Prozent der ostdeutschen Befragten gehen jetzt von schlechteren Bedingungen aus.

Immer noch tiefe Spaltung

Der «Sozialreport 2010» der Volkssolidarität macht aber auch deutlich, wie gespalten das Volk in der Bewertung von 20 Jahren Einheit ist. Im Westen sehen demnach 47 Prozent die Einheit als weitgehend vollendet an, im Osten sind dies nur 17 Prozent. Während im Osten 42 Prozent der Bürger durch die Einheit für sich Gewinne sehen, sind dies im Westen nur 37 Prozent.

Der Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat an der Freien Universität Berlin, Klaus Schroeder, stellt fest: «Auch nach zwanzig Jahren staatlicher Einheit fehlt es an einer gemeinsamen Identität.» Viele Ost- und Westdeutsche begegneten sich weiterhin mit Vorurteilen und grenzten sich voneinander ab. Viele Ostdeutsche empfänden jede Kritik am sozialistischen System als Herabwürdigung ihres eigenen Lebens und neigten zur nostalgischen Verklärung der DDR. Trotzdem betrachte eine breite Mehrheit die Zeit nach der Wiedervereinigung als die beste ihres Lebens. Anders falle die Wahrnehmung der Westdeutschen aus: Die Zeit vor 1990 werde als schöner empfunden. Die «Westalgie» übertreffe insofern - öffentlich kaum wahrgenommen - die «Ostalgie», so Schroeders These.

Zum Thema «Westalgie» hat sich Altkanzler Kohl nicht geäussert, aber was er von «Ostalgie» hält, machte er in einem Interview mit der «Bild» klar: «Zwanzig Jahre Einheit stehen hier gegen den doppelten Zeitraum von über vierzig Jahren Misswirtschaft und Stasi-Spitzelstaat.» Er bezeichnete es als «erschreckend», wie dies im Zeitablauf in Vergessenheit zu geraten drohe und die DDR «geradezu verniedlicht» werde. «Um es klar zu sagen: Die DDR war ein Unrechtsstaat. Wer etwas anderes behauptet, hat aus der Geschichte nichts, aber auch gar nichts gelernt», fügte Kohl hinzu. (jcg/sda/dapd)

Die wichtigen Stationen auf dem Weg zur deutschen Einheit:

9. November 1989: Öffnung der Berliner Mauer.

18. März: Bei den ersten freien Wahlen in der DDR siegt die konservative Allianz für Deutschland aus CDU, Deutsche Sozialer Union (DSU) und Demokratischem Aufbruch (DA).

12. April: Die Volkskammer wählt eine demokratische Regierung. Lothar de Maizière (CDU) wird Ministerpräsident einer Koalition aus «Allianz», SPD, und Liberalen (BFD).

16. Mai: Bund und Länder einigen sich auf ein Finanzierungsmodell für die DDR und das vereinte Deutschland bis 1994. Danach erhält die DDR aus dem Fonds Deutsche Einheit insgesamt 115 Milliarden D-Mark.

17. Juni: Die DSU-Fraktion beantragt in der Volkskammer erstmals den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik.

21. Juni: Der Staatsvertrag über die Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion sowie eine Entschliessung über die endgültige Anerkennung der polnischen Westgrenze passieren Bundestag und Bundesrat sowie die Volkskammer.

1. Juli: Die Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion tritt in Kraft, in der DDR wird die D-Mark eingeführt. An den innerdeutschen Grenzen fallen die Personenkontrollen weg.

16. Juli: Nach Gesprächen in Moskau verkünden Bundeskanzler Helmut Kohl und Kreml-Chef Michail Gorbatschow den Durchbruch in der bislang offenen Bündnisfrage: Deutschland soll noch 1990 die volle Souveränität erhalten und über seine Bündniszugehörigkeit selbst entscheiden. Es bleibt in der Nato.

23. August: Die Volkskammer beschliesst in einer Sondersitzung den Beitritt der DDR (respektive der dort neu geschaffenen Bundesländer) zur Bundesrepublik per 3. Oktober.

31. August: Wolfgang Schäuble und Günther Krause unterzeichnen für die Bundesrepublik Deutschland und die Deutsche Demokratische Republik den Einigungsvertrag.

12. September: Abschluss der Zwei-plus-Vier-Gespräche in Moskau nach fünf Monaten: Die Aussenminister beider deutscher Staaten und der früheren Siegermächte unterzeichnen den abschliessenden Vertrag, der per anfang Oktober die Rechte der Alliierten beendet und Deutschland volle Souveränität gewährt.

24. September: Austritt der DDR aus dem Warschauer Pakt.

3. Oktober: Um 00.00 Uhr wird zu den Klängen des Deutschlandliedes vor dem Reichstagsgebäude in Berlin die schwarz- rot-goldene Flagge aufgezogen. Hunderttausende feiern allein dort die deutsche Einheit.

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