Aktualisiert 28.02.2012 14:26

Überraschend

Vor allem Frauen stehen aufs Bankgeheimnis

Die grosse Mehrheit der 20-Minuten-Online-Leser will am Bankgeheimnis festhalten. Vier Fünftel glauben, dass es den USA nicht um Gerechtigkeit, sondern um Geld geht.

von
Sabina Sturzenegger
Die Frauen sehen rot: Sie verteidigen das Schweizer Bankgeheimnis vehementer als die Männer und haben weniger Hoffnung für den Bankenplatz. (Bilder: Keystone/Colourbox)

Die Frauen sehen rot: Sie verteidigen das Schweizer Bankgeheimnis vehementer als die Männer und haben weniger Hoffnung für den Bankenplatz. (Bilder: Keystone/Colourbox)

Das Bankgeheimnis ist schon einige Male totgesagt worden. Zuletzt hat Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz das Tabu gebrochen und Verhandlungen zum automatischen Datenaustausch mit der EU gefordert (siehe Box). Unter den 20-Minuten-Online-Lesern fällt das Verdikt aber deutlich anders aus, wie eine Umfrage zeigt: Zwei Drittel der Teilnehmer sind dagegen, dass die Schweiz sich vom Bankgeheimnis verabschiedet. Es sei einer der Bausteine, an denen das Vertrauen der Bankkunden aus dem In- und Ausland beruhe. Das sollte sich der Nationalrat vor Augen halten, wenn er am Mittwoch die Debatte zum Thema führt und das Steuerabkommen mit den USA sowie das Steueramtshilfegesetz berät.

Schweiz wird von USA erpresst

Bereits den Umgang der USA mit der Schweiz im Steuerstreit halten die Umfrage-Teilnehmer nicht für angemessen: Gut zwei Drittel haben den Eindruck, die Schweiz werde von den USA erpresst. Sie finden, Verhandlungen zum Steuerstreit wären auch mit moderateren Mitteln möglich gewesen.

Auch hält es die Mehrheit nicht für fair, dass die USA Schweizer Banker verhaftet und die Bank Wegelin angeklagt hat. Für sie ist klar, dass die USA als «Weltpolizist der Steuerhinterziehung» zuerst vor ihrer eigenen Tür wischen sollte. Eine überwältigende Mehrheit von 80 Prozent der Umfrage-Teilnehmer glaubt zudem, dass es den USA im Steuerstreit nicht um Gerechtigkeit, sondern nur um finanzielle Interessen gehe.

Keine Hoffnung auf ein Ende

Aber auch das Verhalten der Schweiz wird von den Usern mehrheitlich kritisch betrachtet: So halten es wiederum rund zwei Drittel für falsch, dass sich die Schweizer Banken mit einer Zahlung an die USA von Strafverfahren freikaufen können. Damit könne keine Gerechtigkeit hergestellt werden. Ein Ende des Streits ist für die meisten nicht in Sicht: Die wenigsten der Befragten - nur 8,3 Prozent – glauben, dass die Schweiz mit den USA bis im Herbst eine Lösung im Steuerstreit findet.

Schuld daran dürfte nicht zuletzt der Bundesrat sein, so lautet das Urteil der User. Die Regierung habe den Schweizer Finanzplatz nicht genügend gegen Angriffe des Auslands geschützt, sagen 73 Prozent. Dabei habe das Bankgeheimnis unserem Land durchaus zu Wohlstand verholfen, glauben viele (über 70 Prozent). Nur für knapp die Hälfte besteht das Problem der Schweiz darin, dass sie zu lange am Bankgeheimnis festgehalten hat und es deswegen verpasst hat, auf eine andere Strategie zu setzen.

Feine Unterschiede sind bekannt

Rund zwei Drittel der Teilnehmer geben an, dass sie den Unterschied zwischen Steuerbetrug und Steuerhinterziehung kennen. Nur 13 Prozent geben zu, dass sie auf Anhieb keine Unterscheidung machen könnten. Frauen und Männer schätzen sich zu diesem Thema fast gleich ein.

Tendenziell zeigen die Umfrageteilnehmer, die selber in der Finanzbranche tätig sind, mehr Verständnis für die USA und ihr Vorgehen im Steuerstreit: Fast die Hälfte derer, die im Finanzsektor aktiv sind, haben «irgendwie» Verständnis für das Vorgehen der USA, räumen aber gleichzeitig ein, es gehe «Uncle Sam» aber auch um Machtdemonstration. Auf der Seite derjenigen, die beruflich nichts mit dem Finanzsektor zu tun haben, unterstützen nur 34 Prozent diese Aussage.

Banker sind nachsichtiger mit den USA

Eine überwältigende Mehrheit (83,8 Prozent) von den im Finanzsektor tätigen Umfrageteilnehmern ist zudem der Meinung, dass das Bankgeheimnis zum Wohlstand der Schweiz beigetragen hat. Rund die Hälfte der Finanzleute glaubt, dass der Finanzplatz auch ohne Bankgeheimnis international noch eine Rolle spielen kann. Mit fast 75 Prozent ist unter den Finanzfachleuten die Zustimmung zum Bankgeheimnis noch grösser als unter denjenigen, die nicht im Finanzsektor tätig sind.

Dass darunter viele Männer sind, erstaunt wenig: Unter den insgesamt 2188 Teilnehmern der Umfrage sind 85 Prozent männlichen Geschlechts. Das Interesse an den Themen «Bankgeheimnis» und «Steuerstreit» ist sehr männlich. Umso interessanter ist es, zu sehen, was die Frauen zum Thema zu sagen haben.

Das Bankgeheimnis ist weiblich

So zeigt die Umfrage, dass 75 Prozent der Frauen für die Beibehaltung des Bankgeheimnisses sind, wogegen nur 63 Prozent der Männer daran festhalten wollen. Auch für die Zukunft des Finanzplatzes sehen mehr Frauen rot als Männer: Nur 16 Prozent der Umfrage-Teilnehmerinnen glauben, dass der Finanzplatz auch ohne Bankgeheimnis eine Rolle spielen wird, während es bei den Männern immerhin 28 Prozent sind.

Zudem halten prozentual mehr Frauen als Männer die USA für erpresserisch in ihrem Vorgehen. Sie verurteilen die Verhaftungen von Schweizer Bankern stärker als die Männer und sie sind mehr der Ansicht, die USA sollen zuerst vor der eigenen Türe wischen, anstatt andere Staaten anzuklagen.

Frauen erteilen Bundesrat schlechte Noten

Skeptischer sind die Frauen auch, wenn es um die Chancen der Weissgeldstrategie geht: 64 Prozent glauben nicht, dass es möglich ist, die Schweizer Banken so zu überprüfen, dass sie keine unversteuerten Gelder mehr annehmen. Bei den Männern zweifeln 54 Prozent. Auch dem Bundesrat stellen die Frauen die schlechteren Noten aus als die Männer: Nur knapp ein Fünftel glaubt, dass dieser im Steuerstreit mit den USA alles gegeben habe.

Die Männer unterstützen die Schweizer Regierung mit immerhin knapp 30 Prozent. Nicht zuletzt stösst das Verhalten der USA besonders bei der Altersgruppe der Männer ab 46 Jahren auf Verständnis: Sie finden zu fast 40 Prozent, dass Steuerhinterziehung und Steuerbetrug für jede Regierung – also auch für die USA – bitter ist, und deshalb der Druck auf die Schweiz berechtigt ist. Sie können zudem am ehesten nachvollziehen, dass die US-Behörden juristisch scharf gegen Schweizer Banker und die Banken vorgehen.

«Tabus darf es keine geben», sagt Pierin Vincenz, Chef der Raiffeisenbank, in einem Interview mit dem Tages-Anzeiger. Die Schweiz müsse eine Lösung finden im Steuerstreit, und die Abgeltungssteuer mit verschiedenen Ländern sei zu kompliziert, sagt Vincenz. «Wenn die Amerikaner Tausende von Kundendaten bekommen, wollen das die Europäer auch», glaubt der Raiffeisen-Chef. Für die Schweiz fordert Vincenz zwar die Beibehaltung des Bankgeheimnisses, «allerdings müsste die schwere, fortgesetzte Steuerhinterziehung stärker unter Strafe gestellt werden». (egg)

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