Corona-Skeptiker: «Vor Corona habe ich noch nie demonstriert»
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Corona-Skeptiker«Vor Corona habe ich noch nie demonstriert»

Erneut kündigen Corona-Skeptiker eine Kundgebung an. Eine Demonstrantin sagt, wieso sie niemals eine Maske tragen würde und auf die Strasse geht.

von
Daniel Waldmeier
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Demonstriert regelmässig: Tatiana Chamina.

Demonstriert regelmässig: Tatiana Chamina.

zvg
Sie wolle «für die Grundrechte einstehen».

Sie wolle «für die Grundrechte einstehen».

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Masken sind für viele Corona-Skeptiker ein rotes Tuch.

Masken sind für viele Corona-Skeptiker ein rotes Tuch.

KEYSTONE

Darum gehts

  • Tatiana Chamina (34) demonstriert jedes Wochenende gegen die Maskenpflicht und Notrecht.
  • «Ich will nicht, dass meine Kinder in einer ‹neuen Normalität› aufwachsen», sagt sie.
  • Epidemiologe Marcel Tanner verteidigt die Corona-Massnahmen – der Dialog mit den Corona-Skeptikern sei aber wichtig.

Im Netz tauschen sich Corona-Skeptiker über soziale Netzwerke aus – besonders Telegram ist beliebt. Dort werden kritische Stimmen – Ärzte oder Wissenschafler wie der deutsche Epidemiologe Sucharit Bhakdi – abgefeiert. Aktivisten werben für Initiativen gegen 5G oder ein Referendum gegen die Covid-Gesetzgebung mitsamt «Impfzwang».

Und es werden Memes geteilt. Eines beispielsweise zeigt eine Windel. Dazu die Frage: «Wenn demnächst ein Darmvirus grassiert und eine Windelpflicht ausgerufen wird, macht ihr bei dem Wahnsinn auch einfach mit?» Auch zynische Kommentare finden sich. Unter eine Meldung von einem tödlichen Velounfall am Oberalppass schrieb das Bürgerforum Schweiz: «Velofahren verbieten! Alle sofort in die ungefährliche Gummizelle!»

Die neue Normalität gefällt ihr nicht

Nun gehen die «Corona-Rebellen», wie sich einige nennen, auch wieder auf die Strasse. Diverse Organisationen, darunter freikirchliche Kreise, machen mit einem Flyer für eine Demo gegen Masken und Notrecht am 29. August in Zürich mobil. Doch wer sind die Demonstranten und was glauben sie?

Eine, die seit Mai jeden Samstag an Mahnwachen gegen die Corona-Massnahmen teilnimmt, ist Tatiana Chamina (34). Auch an der Kundgebung Ende Monat wird sie wieder dabei sein. Sie hofft, dass viele Leute kommen, auch wenn eine Veranstaltung in Berlin Konkurrenz macht. «Ich will, dass meine Kinder in einer normalen Normalität aufwachsen, und nicht in der neuen Normalität.»

Für sie spricht man im Zusammenhang mit Covid-19 nur von einer Pandemie, weil die WHO die Gefährlichkeit der Krankheit nicht berücksichtige. Covid-19 vergleicht sie mit einer schweren Grippewelle – entgegen der Mehrheit der Wissenschaftler. Und sie sagt, die Menschen seien «nicht an, sondern mit Corona gestorben». «Trotzdem wurden uns völlig unverhältnismässige Zwangsmassnahmen auferlegt, gegen die wir uns auf juristischem Weg kaum mehr wehren können.» Vor Corona habe sie noch nie an einer Demonstration teilgenommen. Doch sie sehe die Grundrechte in Gefahr.

Gegen Masken

Eine Maske würde sie im ÖV aus Prinzip nicht tragen, weil sie sich nicht entmündigen lassen wolle, sagt Chamina. «Masken bringen bei Viren nur sehr wenig. Wenn ich sehe, wie die Leute in Zügen und Bussen seit Wochen dieselbe Stoffmaske tragen, die sie dann in den Hosensack stopfen, sehe ich den Sinn nicht.» Die Qualitätsmanagerin sagt, die Mehrheit der Corona-Skeptiker seien besorgte Bürger. «Verschwörungstheoretiker machen vielleicht 20 Prozent aus.» Sie glaube nicht daran, dass es zwischen 5G und Corona einen Zusammenhang gebe.

Die steigenden Zahlen der letzten Wochen führt sie auf mehr Tests zurück. Die neuen Hospitalisationen und Todesfälle seien auf tiefem Niveau. «Trotzdem drohen schon wieder neue Massnahmen. Dagegen wehren wir uns.»

«Auch Fanatiker unter Corona-Skeptikern»

Epidemiologieprofessor Marcel Tanner, Mitglied der Covid-Taskforce des Bundes, hat am vergangenen Freitag mitten in Aarau mit zahlreichen Corona-Skeptikern und Politikern von links bis rechts an einem Podium diskutiert. Er sagt: «Ich nehme all diese Menschen sicher sehr ernst. Wir sitzen alle im selben Boot und müssen gemeinsam vorankommen.» Darum spreche er auch mit Menschen, die beispielsweise Masken ablehnten oder Covid-19 für unbedeutend oder inexistent hielten. Kommunikation auf allen Ebenen und vor allem mit der Bevölkerung sei entscheidend.

An Demonstrationen wie am 29. August sei es wichtig, dass die Grundmassnahmen beachtet würden: Hygiene, Abstand halten und gegebenenfalls eine Maske tragen. Die Corona-Skeptiker seien eine bunt zusammengewürfelte Menge: «Es versammeln sich dort Menschen, die berechtigte Anliegen, Ängste haben, die mit dem Staat grundsätzlich unzufrieden sind und Grundrechte in Gefahr sehen.» Darunter finde sich ein «breites politisches Spektrum und auch einige Fanatiker».

Tanner sagt, auch er wolle möglichst wenige und angepasste Corona-Massnahmen. «Ziel muss sein, lokale Ausbrüche früh zu erkennen und gezielt einzudämmen, um einen erneuten flächendeckenden Lockdown zu verhindern. Ein solcher wäre für die Wirtschaft und Gesellschaft verheerend.» Er versuche, dies den Corona-Skeptikern mitzugeben.

Bald 800’000 Tote

Die Corona-Pandemie hat laut den Zahlen der Johns Hopkins University schon 776’000 Tote gefordert – bei knapp 22 Millionen Fällen. Das BAG hat eine Maskenpflicht im ÖV erlassen, da Masken laut dem Bundesamt sowohl den Träger als auch Dritte schützen.

In der Schweiz wollen Gruppierungen wie die «Freunde der Verfassung» das geplante Covid-19-Gesetz mit dem Referendum bekämpfen. Es erlaubt es dem Bundesrat, die Corona-Notverordnungen bis Ende 2021 weiterzuführen. Das Gesetz schreibt vor, was der Bundesrat zur Bewältigung der Covid-19-Epidemie tun darf, um die Auswirkungen der Epidemie auf Gesellschaft, Wirtschaft und Behörden zu bekämpfen. Anders als im ersten Entwurf angedacht, erlaubt es das Gesetz der Regierung nicht mehr, ein Impfobligatorium für die ganze Bevölkerung einzuführen. Ein Obligatorium für gefährdete Bevölkerungsgruppen sieht das Epidemiengesetz vor.

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