48 Stunden: «Vor dem Cyber-Marathon musste ein Einlauf her»
Aktualisiert

48 Stunden«Vor dem Cyber-Marathon musste ein Einlauf her»

Virtual Reality extrem: Ein deutscher Gamedesigner hat zwei Tage ohne Unterbruch im Cyberspace verbracht. 20 Minuten hat er erzählt, wie das war.

von
Ill-FiL

Der Berliner Gamedesigner und Direktor des A-Maze-Festivals Thorsten S. Wiedemann hat Anfang Januar einen extremen Selbstversuch gemacht: Er tauchte zwei Tage lang in den Cyberspace ab, ohne seine VR-Brille auch nur einmal auszuziehen – ungeachtet der Konsequenzen, die ein längerer Cybertrip nach sich ziehen kann.

Herr Wiedemann, warum waren Sie zwei Tage im Cyberspace?

Ich bin ein Verfechter der Virtual-Reality-Technologie. Sie bringt endlich wieder ein bisschen Sci-Fi ins Leben. Faszinierend! Ich fragte mich: «Wie lange kann ich im virtuellen Raum bleiben, und was passiert mit mir während und nach dem Trip? Inwieweit kann ein Langzeittrip eine positive Droge sein, und was lerne ich daraus fürs Game- und Interaction-Design?»

Was haben Sie so lange im Cyberspace gemacht?

Sara Lisa Vogl, Designerin von «Lucid Trips», war während der Performance meine VR-Schamanin. Sie hat einen Tag-Nacht-Rhythmus mit unterschiedlichen virtuellen Welten vorbereitet, damit es mir nicht langweilig wurde. Die meisten Spiele sind nicht für Langzeitanwendungen ausgelegt, darum war ein ständiger Wechsel notwendig.

Ist Ihnen nicht schlecht geworden?

Motion-Sickness habe ich glücklicherweise nicht. Ich kann sehr schnelle Bewegungen machen und fühle mich trotz allem blendend und muss nicht die Brille abnehmen. Doch manchmal übertreibe ich es mit Herumhopsen im virtuellen Raum und dann lande ich in der realen Welt auf dem Po. Es ist so, wie wenn ich mich so lange im Kreis drehen würde, bis ich vor Schwindel umfalle. Das macht Spass.

Ein dramatischer Moment war nach Stunde 25. Da hatte ich eine Panikattacke, die mich fast zum Aufhören zwang. Es war, wie wenn eine Droge umschlägt und man die Umgebung und das körperliche Gefühl in Frage stellt, sich immer mehr reinsteigert und sofort aussteigen will.

Wurde der Cyberspace irgendwann zur Realität?

Einige der Welten haben mich schon sehr gepackt. Ich habe darin agiert, gelebt, gearbeitet, gefühlt, gesprochen und geatmet. Vor allem, wenn die soziale Komponente hinzukam, verschwand die Grenze zwischen Realität und VR. Auch die Panikattacke ist ein Indiz dafür, endgültig im Cyberspace angekommen zu sein. Ich habe den wirklichen Raum und die Kabel um mich vergessen und die virtuelle Welt für real gehalten.

Standen Sie während dem Experiment unter ärztlicher Aufsicht?

Nein. Meine Schamanin war mein Kontakt zur Realität. Sie hat auch meinen Herzschlag überwacht. Wir hatten unsere regelmässigen Mahlzeiten. Hauptsächlich bestanden diese aus stopfenden und flüssigen Nahrungsmitteln. Ich durfte hinter einem Paravent in ein Reiseurinal pinkeln aber keinen Stuhlgang haben. Um den Stuhlgang aufzuhalten, musste am Vortag ein Einlauf her. Bananen, Schokolade und Immodium Akut erledigten den Rest. Nachwirkungen haben sich keine eingestellt. Meine mentale und körperliche Verfassung wurde nachwirkend nicht beeinträchtigt, aber auch nicht gesteigert.

Wie sieht Ihr Fazit nach dem Cyber-Marathon aus?

Mein Pioniergeist ist geweckt. VR ist die Zukunft. Vieles wird sich ändern: Wie wir lernen, arbeiten, kommunizieren und Medien konsumieren. Es sind spannende Zeiten und ich bin glücklich, mittendrin sein zu dürfen. Ich sehe der Entwicklung sehr positiv entgegen. Trotzdem will ich die Realität nicht durch VR ersetzen.

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