Gewalttätige Primarschüler: «Vor der Tür hat er mich beleidigt und gebissen»
Aktualisiert

Gewalttätige Primarschüler«Vor der Tür hat er mich beleidigt und gebissen»

Primarschullehrerin Marianne Schwegler wurde von einem Schüler gebissen. Angriffe auf Lehrpersonen werden häufiger, sagt sie. Grund dafür seien auch gesellschaftliche Veränderungen.

von
lb
1 / 4
Bei der Freiwilligen Schulsynode Basel-Stadt meldeten sich seit den Sommerferien drei Lehrpersonen, die von Schülern gebissen wurden.

Bei der Freiwilligen Schulsynode Basel-Stadt meldeten sich seit den Sommerferien drei Lehrpersonen, die von Schülern gebissen wurden.

Keystone/Marijan Murat
Marianne Schwegler, Vizepräsidentin der Freiwilligen Schulsynode Basel-Stadt und Lehrerin, wurde selbst schon von einem 8-jährigen Schüler gebissen.

Marianne Schwegler, Vizepräsidentin der Freiwilligen Schulsynode Basel-Stadt und Lehrerin, wurde selbst schon von einem 8-jährigen Schüler gebissen.

zvg
Fälle von Respektlosigkeiten gegenüber Lehrpersonen häuften sich in letzter Zeit. Ein Grund dafür sei die heutige Leistungsgesellschaft, in der soziale und emotionale Kompetenzen vernachlässigt würden, so Schwegler.

Fälle von Respektlosigkeiten gegenüber Lehrpersonen häuften sich in letzter Zeit. Ein Grund dafür sei die heutige Leistungsgesellschaft, in der soziale und emotionale Kompetenzen vernachlässigt würden, so Schwegler.

Keystone/Christian Beutler

Seit den Sommerferien meldeten sich drei Lehrerinnen beim Rechtsdienst der Freiwilligen Schulsynode (FSS) in Basel, weil sie von Schülern gebissen wurden. Auch Marianne Schwegler, Vizepräsidentin der FSS und Lehrerin an einer Basler Primarschule, wurde schon von einem 8-Jährigen gebissen, wie Telebasel berichtet.

Der Schüler habe den Morgenkreis gestört und Schwegler ging mit ihm vor die Tür, um die Situation zu klären. «Dort hat er mich zuerst verbal beleidigt. Dann hat er angefangen zu schlagen und zu treten. Als ich ihn deswegen festgehalten habe, hat er mich gebissen», erzählt sie.

Täter auch überbehütete Kinder

«Die Bisse sind nur ein Teil des Problems», so Schwegler. Tatsächlich kämen tätliche Angriffe selten vor, verbreiteter seien Beleidigungen. Bei der FSS stelle man allgemein eine Zunahme von Respektlosigkeit gegenüber Lehrpersonen fest, was in diesem Ausmass bei jüngeren Schülern ein neueres Phänomen sei. «Für Lehrpersonen ist es oft nicht einfach, so etwas anzusprechen», weiss die Lehrerin.

Einen Grund für die Probleme sieht Schwegler in gesellschaftlichen Veränderungen und der Erziehung. «Es gibt heute zwei Gruppen aggressiver Schüler: Schüler, die aus sozial benachteiligten Familien kommen, wo so ein Umgang vielleicht sogar normal ist. Aber auch überbehütete Kinder, denen aus falsch verstandener Liebe alles abgenommen wird, was für Frust sorgt», erklärt sie. Wenn das Trotzverhalten in der Schule nicht zum Erfolg führe, würden solche Kinder schnell ausrasten.

«Soziale Kompetenzen werden vernachlässigt»

«Es wird sehr viel Wert auf Leistung gelegt, soziale und emotionale Kompetenzen werden vernachlässigt», bedauert Schwegler. Manche Primarschüler seien noch auf dem emotionalen Entwicklungsstand eines Kleinkindes. Dies wirke sich besonders im Umgang mit grösseren Gruppen wie einer Schulklasse aus. Eltern müssten auch ermutigt werden, sich Hilfe bei der Erziehung zu holen. Eine gute Zusammenarbeit zwischen Schule und Elternhaus sei zentral. «Auch der Einbezug der Kinderärzte kann in manchen Situationen sinnvoll sein», sagt Schwegler.

Sie selbst habe das Glück gehabt, den aggressiven Schüler damals an eine Kollegin übergeben zu können. «Das hat in dieser emotional aufgeladenen Situation schon sehr geholfen», sagt Schwegler. Deswegen ist die Pädagogin überzeugt, dass zusätzliches pädagogisch ausgebildetes Personal in Schulen in solchen Fällen helfen kann.

«Schulen und Eltern sind gefragt»

Dieter Baur, Leiter der Basler Volksschulen, ist der Meinung, dass flächendeckend mehr Heilpädagogen die Probleme nicht lösen würden. «Die Kinder, die im Kindergarten- oder Primarschulalter noch beissen, sind nicht so sozialisiert, dass sie beispielsweise angemessen mit Frust umgehen können», sagt er. In jedem Fall müsse eine individuelle Lösung gefunden werden. «Da sind dann die jeweiligen Schulen und natürlich die Eltern gefragt», so Baur.

Deine Meinung