Lehman-Kollaps: Vor fünf Jahren stand die Finanz-Welt still
Aktualisiert

Lehman-KollapsVor fünf Jahren stand die Finanz-Welt still

Es war die Zäsur, als 2008 die grosse US-Investmentbank Lehman Brothers kollabierte. Zuvor galt der Konkurs einer grossen Bank als Theorie, seither ist der Untergang real.

von
Lukas Hässig
Das Traditionshaus Lehman Brothers hatte zwar den amerikanischen Bürgerkrieg, zwei Weltkriege und zahlreiche Börsenabstürze überlebt. Doch der Wall-Street-Gigant schaufelte sich mit riskanten Finanzwetten auf den US-Immobilienmarkt das eigene Grab.

Das Traditionshaus Lehman Brothers hatte zwar den amerikanischen Bürgerkrieg, zwei Weltkriege und zahlreiche Börsenabstürze überlebt. Doch der Wall-Street-Gigant schaufelte sich mit riskanten Finanzwetten auf den US-Immobilienmarkt das eigene Grab.

Mit dem Lehman-Knall am 15. September 2008, als die Bank in den frühen Morgenstunden dieses schwarzen Montags ihre Bücher deponieren musste, ging eine Ära zu Ende. Die Banken hatten ihren Kredit verspielt, der Staat musste rettend einspringen. Sonst wäre es wohl zu einem Dominoeffekt mit flächendeckenden Konkursen und einem Rückfall in graue Depressionszeiten gekommen. In der Schweiz musste die Nationalbank die UBS vor einer Schieflage bewahren.

Es war die historische Chance, ein fehlgeleitetes Finanzsystem auf neue Beine zu stellen. Die Banken hatten sich während Jahren immer stärker verschuldet und riesige Bilanzen aufgetürmt. Dahinter stand der Drang nach einem hohen Aktienkurs, gefordert von den Investoren und gepusht durch Bonus-getriebene Banker.

Der Plan war: Zuerst retten, dann flicken

In der akuten Krise waren alle froh, dass das System dank Hunderten von Milliarden öffentlicher Gelder dem Druck standhielt. Das Undenkbare, nämlich den wilden Marktkräften freien Lauf zu lassen, konnte man sich gar nicht vorstellen. Weltweit herrschte Einigkeit, dass zuerst die Rettung kommt, während die Prinzipien zu warten hatten.

Dass diese verletzt wurden, das war den politischen und wirtschaftlichen Führern selbstverständlich klar. Die freie Marktwirtschaft nach westlichem Zuschnitt basierte auf dem Grundsatz, dass man jedes Unternehmen untergehen lassen kann. Die Airlines hatte man in den Jahren zuvor im Stich gelassen, etwa die PanAm in den USA und die Swissair in der Schweiz. Ausgerechnet den Grossbanken hingegen, deren Chefs sehr hohe Boni kassiert hatten, griff der Staat mit Steuergeldern unter die Arme.

Boni, Verschuldung, Eigenhandel – das musste weg

Ein Fehler im System, lautete der Tenor. Noch während die Feuerwehrmänner der Notenbanken löschten und bargen, begannen Politik und Aufsicht, Big Banking an die Kandare zu nehmen. Rasch wurde klar, wo der Hebel angesetzt werden müsste. Die Anreize mit den riesigen Boni waren falsch gesetzt, das eigene Kapital galt im Verhältnis zur Grösse als viel zu knapp bemessen, und die Verbindung von Spargeldern mit riskantem Eigenhandel wurde nun als Gefahr erkannt.

Heerscharen von Funktionären machten sich ans Werk, um das Welt-Finanzhaus neu zu zimmern. Die Ansätze waren richtig, der Wille zum Aufbruch spürbar. Auf allen Ebenen – auf globaler und nationaler Stufe sowie bei den einzelnen Instituten – wurden die Vorschriften verschärft. Weil sich die Schweiz mit ihren für das Land überdimensionierten Grossbanken UBS und CS in einer besonders exponierten Lage befand, gingen ihre Verantwortlichen voraus und führten rascher als andere Staaten eine eigene Too-Big-To-Fail-Regelung ein. Das stiess weltweit auf Interesse.

Eingeschlafener Reformwille

Es war die Zeit der Warner und Reformer. Doch sie dauerte nicht allzu lange. Kaum hatten sich die Grossbanken vom Gröbsten erholt, geriet der Zug ins Stocken. Die Topshots der Finanzmultis setzten sich gegen in ihren Augen allzu harte Vorschriften zur Wehr. Weitgehend mit Erfolg. Die Boni blieben hoch, die Verknüpfung von Investment- und Privatebanking blieb erlaubt, und die Verschuldung ging zwar auf dem Papier zurück, absolut betrachtet blieben die Banken aber riesig.

Noch geben sich Politiker und Warner nicht geschlagen. In Bern haben soeben die SVP und die SP eine Initiative für Trennbanken gestartet. Die beiden Schweizer Grossbanken sollen separiert und in Einzelteile zerlegt werden, damit nicht Sparfranken für einen allfälligen Konkurs haften müssten. Der Vorstoss kommt spät und dürfte es in der politischen Arena schwer haben. Und dass international doch noch die absolute Verschuldung zum Gradmesser wird statt der relativen, die immer von den bankeigenen Modellen abhängt, ist wenig wahrscheinlich.

So bleibt das ernüchternde Fazit, dass fünf Jahre nach Lehman Brothers im Kern fast alles beim Alten geblieben ist. Die grossen Banken machen wieder stolze Gewinne, die bei den nächsten Skandalen in der Zukunft in Verluste umschlagen können; ihre Chefs lassen sich weiterhin vergolden; und die Bilanzen der grossen Finanzhäuser gleichen mit ihren Derivatkonstrukten explosiven Warenlagern. Die Welt hat es verpasst, aus dem real gewordenen Albtraum die richtigen Schlüsse zu ziehen.

Banken sind noch immer Milliarden schuldig

Vor fünf Jahren brach die amerikanische Investmentbank Lehman Brothers zusammen - und die Welt schrammte nur knapp am Kollaps des Finanzsystems vorbei.

Regierungen pumpten Milliarden in die Banken, um diese zu stützen. Bis heute ist nicht alles Geld zurückgezahlt.

Ein Pappkarton mit persönlichen Habseligkeiten - vielmehr blieb den Mitarbeitern von Lehman Brothers nicht, als die US-Investmentbank vor fünf Jahren zusammenbrach. Hals über Kopf mussten die Finanzjongleure am 15. September 2008 ihre Büros räumen.

Die Fernsehbilder der Banker, die mit ihren Pappkartons die Firmenzentrale in New York verliessen, gingen um die Welt. Aber nur die wenigsten Zuschauer dürften geahnt haben, wie sehr diese Pleite auch sie selbst betreffen würde - wenn nicht durch den nachfolgenden Wirtschaftsabschwung, dann durch die staatlichen Milliardenhilfen für die Banken. Teile der Gelder sind bis heute nicht zurückgezahlt.

Steuerzahler eingesprungen

Der Lehman-Zusammenbruch markierte den Höhepunkt der weltweiten Finanzkrise. «Plötzlich sahen wir uns der realen Gefahr einer wirtschaftlichen Katastrophe gegenüber», schrieb Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman jüngst in seiner Kolumne in der «New York Times». Dass es nicht zum Äussersten kam, ist den Steuerzahlern zu verdanken, die mit ihrem Geld das aus den Fugen geratene Finanzsystem stützten.

Die Citigroup bekam 45 Mrd. Dollar aus Washington, genauso wie die Bank of America. Auch andere Wall-Street-Firmen erhielten Finanzspritzen. Für den wankenden Versicherungskoloss AIG legte die US-Regierung sogar ein Rettungspaket über 182 Mrd. Dollar auf. Das Ziel: Wieder Ruhe und Vertrauen in die Märkte bringen.

Experten des US-Kongresses schätzten die Kosten des hauptsächlichen Rettungsprogramms TARP zuletzt im Mai auf unter dem Strich auf 21 Mrd. Dollar. Ursprünglich sollten unter dem Troubled Asset Relief Program 700 Mrd. Dollar fliessen, tatsächlich wurden bis heute nach Angaben des Finanzministeriums rund 421 Mrd. Dollar ausgezahlt.

Rettung nicht immer der Königsweg

Die EU-Staaten stellten in den Jahren 2008 bis einschliesslich 2011 den Banken fast 3,2 Billionen Euro zur Verfügung, vor allem in Form von Garantien und Eigenkapital. Dabei muss die Rettung nicht immer der Königsweg gewesen sein: Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW), das die Zahlen in einer aktuellen Studie zusammengetragen hat, kommt zu dem Schluss, dass gerade diejenigen Euro-Staaten die Finanzkrise recht schnell überwunden hätten, die «ihre Problembanken konsequent abgewickelt haben - wie Deutschland und Österreich». In den Jahren 2008 bis 2010 wurden demnach in Deutschland 8 Kreditinstitute zerschlagen, verkauft oder geschlossen. 17 waren es in Österreich. (SDA)

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