«Business-Theater»: Vor lauter Teamwork bleibt keine Zeit zum Arbeiten
Publiziert

«Business-Theater»Vor lauter Teamwork bleibt keine Zeit zum Arbeiten

Teamfähigkeit ist eine wichtige Tugend in der heutigen Arbeitswelt. Fachleute sind sich aber sicher: Vor lauter Gruppenarbeit wird der Job oft kaum noch erledigt.

von
K. Wolfensberger
1 / 4
Teamarbeit wird heute bei Unternehmen sehr geschätzt. Doch Experten kritisieren nun: Sie führt zu viel unnötigem Leerlauf.

Teamarbeit wird heute bei Unternehmen sehr geschätzt. Doch Experten kritisieren nun: Sie führt zu viel unnötigem Leerlauf.

kein Anbieter/Suedhang
Diese führten letztlich nur zu Mehrarbeit.

Diese führten letztlich nur zu Mehrarbeit.

So wenden Büroarbeiter heute 50 Prozent mehr Zeit in Teamaktivitäten auf als vor 20 Jahren, wie eine Studie von Robert Grant von der University of Pennsylvania und Rob Cross von der University of Virginia zeigt.

So wenden Büroarbeiter heute 50 Prozent mehr Zeit in Teamaktivitäten auf als vor 20 Jahren, wie eine Studie von Robert Grant von der University of Pennsylvania und Rob Cross von der University of Virginia zeigt.

Bessere Kommunikation, höhere Produktivität und sogar glücklichere Mitarbeiter: All diese Vorteile soll die Teamarbeit haben. Deshalb lernen heute schon Schulkinder, möglichst gut miteinander zu kooperieren. Und bei vielen Firmen ist ein grosser Teil der Fläche nicht mehr für Einzel-, sondern für Grossraumbüros reserviert.

Doch an der vom ständigen Austausch geprägten Arbeit wird nun Kritik laut. Der Hang zur ständigen Gemeinschaftsarbeit habe zu einer Flut an Sitzungen und Telefonkonferenzen geführt. So verbringen Büroarbeiter heute 50 Prozent mehr Zeit in Team-Aktivitäten als vor 20 Jahren, wie eine Studie von Robert Grant von der University of Pennsylvania und Rob Cross von der University of Virginia zeigt.

Firmen machen Business-Theater

Konkret würden die Mitarbeiter in vielen Unternehmen acht von zehn Arbeitsstunden für Kooperationsarbeiten aufbringen. Sie tauschen sich mit anderen Angestellten per Mail aus, telefonieren oder treffen sie persönlich. Das Problem: Für die eigentliche Arbeit bleibt kaum noch Zeit, wichtige Aufgaben müssen nach Dienstschluss von zu Hause aus abgearbeitet werden.

Laut Lars Vollmer vergeuden moderne Angestellte deshalb viel zu viel Zeit. Im Gespräch mit der «Welt» erklärt der Management-Berater und Dozent an der Universität St. Gallen, dass er seit längerem beobachtet, wie Firmen ihre Mitarbeiter systematisch von der Arbeit abhalten. Sein Ausdruck dafür: «Business-Theater». Denn die Arbeit würde statt geleistet immer häufiger nur noch simuliert.

Teamplayer lügen häufiger

Vollmer fordert daher weniger Berichte mit Powerpoint-Präsentationen und weniger Meetings. In vielen Sitzungen gehe es sowieso nicht darum, die Zusammenarbeit zu organisieren. Vielmehr dienten sie dazu, Hierarchien zu verdeutlichen. Der Chef könne auftrumpfen und der Mitarbeiter könne als Mitläufer dessen Position bestätigen. Es handle sich somit um ein Spiel mit fest verteilten Rollen ohne weiteren Sinn.

Ein weiteres Argument gegen die Gruppenarbeits-Manie stammt vom amerikanischen Psychologie-Professor Dan Ariely. Er erforscht, warum Menschen lügen und hat herausgefunden, dass Teamplayer eher Regeln brechen als Einzelkämpfer. Der Grund: Wenn eine Gruppe gute Ergebnisse erzielt, werden in der Regel alle Mitglieder belohnt. Und auch wenn jemand zu unerlaubten Mitteln greift: Es bekommen alle einen höheren Bonus. Deshalb mache man sich trotz des Regelbruchs bei seinen Kollegen dank der Lüge beliebt.

Kritik an der Kritik

Doch nicht alle Fachleute sind gegenüber der Teamarbeit derart kritisch eingestellt. Gery Bruederlin, Professor an der Fachhochschule Nordwestschweiz, hält die Thesen seiner Kollegen für übertrieben. Der Experte aus dem Bereich Personalmanagement sagt, die Kritik am Teamwork treffe nur in Extremfällen zu.

«95 Prozent aller Mitarbeiter operieren nicht als Einzelmasken, sondern in irgendeiner Zusammenarbeits-Konstellation», so Bruederlin zu 20 Minuten. Und dass bei Optimierungen dieser Kooperationen unter dem Strich bessere Ergebnisse erzielt würden, sei nicht nur erwiesen, sondern rechtfertige auch einen gewissen Mehraufwand, der für die einzelnen Mitarbeiter anfalle.

Personalexperte Matthias Moelleny hat eine Erklärung für die Zunahme der Teamarbeit. Er sagt, dass sich grosse Teile der Arbeitswelt in einer Transformation von hierarchischen Strukturen zu netzwerkartigen Kooperationsformen befänden. Grund: Im Online-Zeitalter sei Warten unbeliebt geworden, weshalb Entscheide zwecks Beschleunigung oft über Teams statt nur über Vorgesetzte abliefen.

Deine Meinung