20.11.2020 15:49

Angst vor der Isolation«Vor Weihnachten werden Testzahlen vielleicht komplett zusammenbrechen»

Das Schnelltestzentrum in Belp BE war bisher nur zur Hälfte ausgelastet. Die Leute seien der Pandemie müde und scheuten die Quarantäne, sagt Gundekar Giebel von der bernischen Gesundheitsdirektion.

von
Simon Ulrich
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«Viel Luft nach oben»: Das Schnelltestzentrum in Belp ist bei weitem nicht ausgelastet. 

«Viel Luft nach oben»: Das Schnelltestzentrum in Belp ist bei weitem nicht ausgelastet.

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Zwischen 200 und 300 Personen würden sich täglich testen lassen – ausgelegt ist das Zentrum für 500 Personen. 

Zwischen 200 und 300 Personen würden sich täglich testen lassen – ausgelegt ist das Zentrum für 500 Personen.

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Überhaupt ist die Anzahl Tests im Kanton Bern in den vergangenen Wochen eingebrochen: Von rund 22’000 auf 18’000.

Überhaupt ist die Anzahl Tests im Kanton Bern in den vergangenen Wochen eingebrochen: Von rund 22’000 auf 18’000.

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Darum gehts

  • Entgegen den Erwartungen des Kantons Bern blieb der Run auf die Schnelltests bislang aus.

  • Insgesamt ist das Testvolumen im Kanton Bern zurückgegangen.

  • Gundekar Giebel von der Gesundheitsdirektion sieht die Gründe in der zunehmenden Pandemie-Müdigkeit der Bevölkerung und der Angst vor der Isolation – gerade im Hinblick auf die Festtage.

  • Eine Motivationskampagne soll die Trendwende herbeiführen und mehr Leute in die Testzentren bringen.

Vor rund zwei Wochen nahm das Schnelltestzentrum beim Flughafen Belp seinen Betrieb auf. Mit den neuen Antigen-Schnelltests, so die Erwartung des Kantons, würden sich mehr Leute auf das Coronavirus testen lassen.

Nun macht sich jedoch Ernüchterung breit. «Wir haben noch Luft nach oben und könnten problemlos doppelt so viele Besucher verarbeiten», sagt Gundekar Giebel, Sprecher der kantonalen Gesundheitsdirektion. Zwischen 200 und 300 Personen würden sich täglich testen lassen – ausgelegt ist das Zentrum für 500 Personen.

Pandemie-Müdigkeit

Überhaupt ist die Anzahl Tests im Kanton Bern in den vergangenen Wochen eingebrochen: Von rund 22’000 auf 18’000 pro Woche. «Eigentlich müssten die Zahlen steigen und nicht sinken», stellt Giebel mit Sorge fest. Zum Vergleich: Die Kapazitäten im Kanton Bern reichen für rund 30'000 Schnell- und PCR-Tests pro Woche.

Bern liegt damit im gesamtschweizerischen Trend: Im Moment werden nur noch rund 25’000 Tests pro Tag durchgeführt. Ende Oktober hatte der Bundesrat angekündigt, die Anzahl Tests durch den Einsatz der neuen Antigen-Schnelltests in den nächsten Wochen auf 80’000 zu erhöhen – dieses Ziel wurde bislang also deutlich verfehlt.

In der Bevölkerung sei eine «gewisse Pandemie-Müdigkeit» auszumachen, begründet Giebel die sinkende Testintensität: «Es ist zurzeit schwierig, die Leute für die Covid-Massnahmen zu motivieren. Sie machen zwar mit, allerdings nur so weit wie gefordert. Was darüber hinausgeht, etwa sich freiwillig testen zu lassen, muss wieder vermehrt propagiert werden.»

Gewöhnung an hohe Fallzahlen

Nach Giebels Einschätzung haben sich zudem viele an die hohen Fallzahlen gewöhnt: «Sie sagen sich: 400 Neuansteckungen pro Tag sind nicht so dramatisch und besser als 1000, immerhin steigen die Zahlen nicht mehr.» Das sei eine gefährliche Haltung, sei doch die Pandemie längst nicht ausgestanden.

Auch die Angst vor der Quarantäne spiele eine Rolle – gerade jetzt, wo es allmählich auf die Festtage zugeht. Giebel befürchtet daher, dass sich die Entwicklung weiter verschärfen wird: «Zwei Wochen vor Weihnachten wird das Testvolumen vielleicht komplett zusammenbrechen, weil die Leute dann auf keinen Fall in Isolation sein wollen.»

Hier sei dringend Gegensteuer geboten. Die Berner Gesundheitsdirektion lanciert deshalb eine Motivationskampagne, die wieder mehr Leute dazu bringen soll, sich auch bei leichten Krankheitssymptomen testen zu lassen.

Covid-19 im Kanton Bern

Der Kanton Bern meldete am Freitag 436 neue Corona-Fälle. Neun weitere Personen starben an oder mit Covid-19. Die Gesamtzahl der Todesfälle beträgt damit neu 301 Personen.

Am Freitag befanden sich 390 Personen wegen der Covid-19-Krankheit in einem Berner Spital – etwas mehr als am Vortag. Allerdings lagen weniger Personen auf einer Intensivstation als am Donnerstag, nämlich 67 (Vortag: 73). 56 Personen mussten künstlich beatmet werden.

Die Berner Regierung hatte am Donnerstag angesichts der nach wie vor hohen Fallzahlen die geltenden Corona-Massnahmen bis am 7. Dezember verlängert. Von weiteren Verschärfungen sah der Kanton Bern angesichts der stabilen Zahl der Hospitalisierten ab.

Bevor die Massnahmen erneut gelockert werden könnten, müsse sich der Druck auf die Spitäler jedoch verringern und die Zahl der Neuansteckungen deutlich sinken. (sda)

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