Ukraine-Krieg: Wachsende Flüchtlingsströme drohen Schweiz ins Asylchaos zu stürzen

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Ukraine-KriegWachsende Flüchtlingsströme drohen Schweiz ins Asylchaos zu stürzen

Die Schweiz rechnet damit, bald deutlich mehr Geflüchtete aufnehmen zu müssen. Die Kantone befürchten Engpässe bei der Unterbringung. Laut einem Experten sind langfristig nur private Unterbringungen sinnvoll.

von
Marino Walser
Daniel Graf
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Derzeit sind in der Schweiz rund 56’000 Schutzsuchende aus der Ukraine untergebracht. Knapp 40’000 leben bei Gastfamilien.

Derzeit sind in der Schweiz rund 56’000 Schutzsuchende aus der Ukraine untergebracht. Knapp 40’000 leben bei Gastfamilien.

REUTERS
Im Sommer ist man laut dem Staatssekretariat für Migration (SEM) dafür noch gewappnet. Nach den Sommermonaten könnte es aber eng werden.

Im Sommer ist man laut dem Staatssekretariat für Migration (SEM) dafür noch gewappnet. Nach den Sommermonaten könnte es aber eng werden.

20min/Celia Nogler
Im Sommer. 

Im Sommer. 

20min/Matthias Spicher

Darum gehts

  • Die Beherbergungssituation für Geflüchtete spitzt sich zu: Private kommen an ihre Grenzen, gewisse Kantone bekunden Mühe und die Flüchtlingsströme werden in den kommenden Monaten eher grösser als kleiner. 

  • Spätestens im Herbst, wenn wegen der Kälte mehr Ukrainerinnen und Ukrainer flüchten, droht der Schweiz ein Asylchaos. 

  • Verschärft könnte dieses durch Geflüchtete aus anderen Ländern werden, die ebenfalls vor allem in den Sommer- und Herbstmonaten etwa über das Mittelmeer flüchten. 

Derzeit sind in der Schweiz rund 56’000 Schutzsuchende aus der Ukraine untergebracht. Knapp 40’000 leben bei Gastfamilien. Private wurden angewiesen, die Unterbringung für mindestens drei Monate sicherzustellen. Nun zeigt sich: Es wird wohl länger dauern. Experten und Expertinnen rechnen weiterhin mit einem langen Zermürbungskrieg Russlands gegen die Ukraine.

Die Kantone gehen davon aus, dass im Sommer jeden Monat 4000 Ukrainerinnen und Ukrainer die Gastfamilien verlassen werden und neu untergebracht werden müssen. Gleichzeitig rechnet das Staatssekretariat für Migration (SEM) weiterhin mit bis zu 6000 Schutzsuchenden pro Monat, die an der Grenze stehen. Somit wären pro Monat je nach Entwicklung rund 10’000 Unterbringungsplätze nötig.

Frierende Ukrainer werden in die Schweiz kommen

Im Sommer ist man laut SEM dafür noch gewappnet. Nach den Sommermonaten könnte es aber eng werden: «Die Kantone befürchten, dass sie im Herbst in einen Engpass bei der Unterbringung geraten», sagt Gaby Szöllösy, Generalsekretärin der Konferenz der kantonalen Sozialdirektorinnen und -direktoren (SODK). Gründe dafür seien die Dauer des Konflikts, drohende Engpässe in der Energieversorgung und die tiefen Temperaturen. «Wenn die Menschen in der Ukraine frieren und sich kein Ende des Krieges abzeichnet, werden sie ihr Land wahrscheinlich vermehrt verlassen.»

«Bis im Herbst müssen wir nach Lösungen suchen, wie wir den Schutzsuchenden gerecht werden können», sagt Szöllösy. Es gehe darum, im Vorfeld nach staatlichen Unterbringungsmöglichkeiten zu suchen. Die Ausgangslage sei aber fordernd. «Wir müssen nicht nur die Unterbringung sicherstellen, sondern auch qualifiziertes Personal haben, das eine professionelle Betreuung gewährleisten kann.»

«Bunker sind langfristig keine Lösung»

Auch der deutsche Migrationsexperte Benjamin Schraven sagt: «Verlagert sich der Krieg wieder auf Kiew und andere Landesteile der Ukraine, wird es zu weiteren Flüchtlingswellen kommen.» Die Behörden müssten darauf vorbereitet sein. «Werden die Unterkünfte knapp, ist die Unterbringung in öffentlichen Einrichtungen wie Schulen oder Bunkern kurzfristig möglich», sagt Schraven.

Hast du ukrainische Geflüchtete aufgenommen?

Langfristig sei dies jedoch keine Lösung. «Viele Geflüchtete weisen eine posttraumatische Belastungsstörung auf.» Gerade diese bräuchten Zeit für sich in einer ruhigen Umgebung, um das Gesehene verarbeiten zu können. «Diese Privatsphäre können nur häusliche Unterkünfte bieten.»

«Dürfen im Herbst nicht unvorbereitet sein»

Auch Campax sieht, dass es im Herbst zu Engpässen kommen könnte. «Die Kantone müsse nun genau hinschauen und in der Planung alle möglichen Unterbringungen berücksichtigen, um gut durch den Winter zu kommen», sagt Geschäftsführer Andreas Freimüller. «Sie müssen alles nehmen, was sie kriegen können.»

Gleichzeitig müssen laut Freimüller die Kantone mehr mit der Zivilbevölkerung in Kontakt treten. «Es gibt nach wie vor eine grosse Anzahl Menschen, die helfen würden.» Die Kantone müssten sich im Klaren sein, dass eine willige Bevölkerung eine ungemeine Ressource zur Problemlösung sei. «Was nicht passieren darf, ist, dass wir im Herbst unvorbereitet vor einem Problem stehen. Die Kantone müssen die Zeit jetzt gut nutzen.»

Professionell geführte Einrichtungen sind gefragt

Dass gehandelt werden muss, sieht auch die ORS Service AG. Die Firma ist verantwortlich für über Hundert Asylunterkünfte und unterstützt die Behörden bei der Planung, um bis im Herbst weitere Unterbringungskapazitäten zu schaffen. «Die Gastfamilien, die kurzfristig Flüchtlinge aufgenommen haben, brauchen eine Entlastung. Sie stossen an ihre Grenzen», sagt ORS-Mediensprecher Lutz Hahn.

Hahn ist sich der Schwierigkeit der Aufgabe bewusst. «Der Wohnungsmarkt für die Unterbringung in den eigenen vier Wänden ist beschränkt. Umso mehr sind gemeinsame Anstrengungen über alle Ebenen hinweg gefragt.» Das Schlimmste wäre für Hahn, wenn man die Flüchtenden längerfristig in unterirdische Unterkünfte bringen müsste. «Alle Involvierten müssen nun präventiv nach Lösungen suchen.»

Beschäftigt dich oder jemanden, den du kennst, der Krieg in der Ukraine?

Hier findest du Hilfe für dich und andere:

Fragen und Antworten zum Krieg in der Ukraine (Staatssekretariat für Migration)

Kriegsangst?, Tipps von Pro Juventute

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Anmeldung und Infos für Gastfamilien:

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