Jonny Fischer von Divertimento hat ein Buch veröffentlicht
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Divertimento-Jonny«Während ich den Clown spielte, bin ich innerlich verkümmert»

Jonny Fischer (41) vom Cabaret-Duo Divertimento wuchs in einer radikalen Freikirche auf, die sein Vater gegründet hatte. In seinem Buch erzählt Jonny von Gewalt, Alkoholabstürzen und seinem Outing als Homosexueller.

von
Gabriela Graber
Zora Schaad
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Jonny Fischer (41) von Divertimento wuchs in Freikirchen auf. 

Jonny Fischer (41) von Divertimento wuchs in Freikirchen auf.

Privatarchiv
Am Lehrerseminar lernte er seinen Bühnenpartner Manu Burkart kennen. Bald standen sie gemeinsam als Divertimento zum ersten Mal auf der Bühne.

Am Lehrerseminar lernte er seinen Bühnenpartner Manu Burkart kennen. Bald standen sie gemeinsam als Divertimento zum ersten Mal auf der Bühne.

Privatarchiv
Obwohl er beruflich erfolgreich war, ging es Jonny immer schlechter. «Während ich für das Publikum den Clown spielte, bin ich innerlich immer mehr verkümmert.»

Obwohl er beruflich erfolgreich war, ging es Jonny immer schlechter. «Während ich für das Publikum den Clown spielte, bin ich innerlich immer mehr verkümmert.»

Show Szene Schweiz

Darum gehts

  • Jonny Fischer (41) von Divertimento veröffentlicht seine Biografie «Ich bin auch Jonathan: Jonny Fischer - Die Geschichte einer Versöhnung».

  • Fischer ist in einer bibeltreuen Familie aufgewachsen, in der er vieles nicht durfte.

  • Zuletzt war er in einer von seinem Vater gegründeten religiösen Gemeinschaft, die er mit 15 Jahren verliess.

  • Am Lehrerseminar lernte er seinen späteren Bühnenpartner Manu Burkart kennen.

  • Mit 21 Jahren outete er sich gegenüber engen Freunden als schwul.

  • Während er mit Divertimento auf der Erfolgswelle ritt, ging es ihm persönlich immer schlechter. 2012 musste er in eine Klinik.

  • 2013 lernte er seinen heutigen Ehemann Michi Angehrn kennen.

«In meiner Kindheit war vieles verboten: Fasnacht feiern, Fussballspielen am Sonntag, den Aufklärungsunterricht in der Schule besuchen. Wenn ich mich nicht an die Verbote gehalten habe, rastete mein Vater aus. Er ignorierte mich, schrie mich an und manchmal verprügelte er mich auch.»

Bibeltreue Kindheit im Baselbiet

Jonny Fischer (41) von Divertimento wuchs sehr behütet als eines von fünf Kindern eines Keramik-Künstlers und einer Lehrerin im Baselbiet auf. «Als ich aber in den Kindergarten und mit anderen Familien und Kindern in Kontakt kam, war es auf einen Schlag vorbei mit der heilen Welt.» Denn: Familie Fischer verfolgte einen fundamentalen christlichen Glauben, lebte extrem bibeltreu und glaubte an die Endzeit. «Meine Eltern sagten immer wieder, dass es schlimm mit uns enden würde, wenn wir nicht haargenau nach den christlichen Geboten lebten. Als Kind hatte ich grosse Angst vor grausamer göttlicher Rache.»

Schon früh habe er gemerkt, dass er sich mit den Werten seiner Eltern nicht identifizieren konnte. «Ich begann ein Doppelleben: Zu Hause war ich eine Person, mit meinen Freundinnen und Freunden eine andere.» Das ging eine Zeit lang gut. Doch als sein Vater eine eigene, sehr extreme Glaubensgemeinschaft gründete, wurde der Spagat immer schwieriger. «Wir waren zuerst bei der Chrischona, die mein Vater jedoch irgendwann als zu wenig streng empfand.» Darauf habe Familie Fischer zwei bis drei Jahre verschiedene Freikirchen besuchtdoch keine davon passte dem Vater. «Als ich zehn war, gründete er eine eigene, namenlose Gemeinschaft in unserem Dorf. Nur so konnte er auf die Art leben, wie er sich das vorstellte.»

«Plötzlich war ich das schwarze Schaf der Familie»

Vater Fischer war fortan selbsternanntes Oberhaupt dieser Gemeinschaft und lebte mit seiner Familie von dem Zehnten ihrer Mitglieder. In ihren Ansichten seien sie immer extremer gewordenund Jonny immer ablehnender. «Das Totalitäre, die Einteilung der Welt in Gut und Böse und der Absolutheitsanspruch machten mich schier wahnsinnig.» Mit 15 trat Jonny aus der Gemeinde aus, wohnte jedoch zwei weitere Jahre noch bei seinen Eltern: «Plötzlich war ich das schwarze Schaf der Familie und fühlte mich unglaublich einsam.» Auch um nicht mehr zuhause wohnen zu müssen, habe sich Jonny mit 17 Jahren entschieden, ans Lehrerseminar mit integriertem Internat zu gehen.

Dort habe er sich eine neue Identität zugelegt und langsam wieder ein Selbstwertgefühl entwickelt: «Ich wollte nicht mehr mit meinem Geburtsnamen Jonathan angesprochen werden, sondern nannte mich von da an Jonny. Zum ersten Mal habe er irgendwo dazugehört. Es war die beste Zeit meines Lebens!» Auch seinen Bühnenpartner Manu Burkart lernte er am Lehrerseminar kennen. Bald standen sie gemeinsam als Divertimento zum ersten Mal auf der Bühne. Als Jonny merkte, dass er sich zu Männern hingezogen fühlte, folgte die nächste Krise: «Schon wieder war ich Teil einer Randgruppe und musste mich beweisen.» Mit 21 Jahren habe er sich gegenüber engen Freundinnen und Freunden als schwul geoutet. Auch seinen Eltern erzählte er von seiner Homosexualitätdie jedoch nicht darauf reagierten.

Zu dem Buch

Jonny Fischer hat am Mittwoch seine Biografie «Ich bin auch Jonathan: Jonny FischerDie Geschichte einer Versöhnung» veröffentlicht. Drei Jahre ist er dafür zusammen mit der Redaktorin Angela Lembo-Achtnich jede Etappe seines Lebens durchgegangen. In dem Buch schildert er die Versöhnung mit seiner Vergangenheit.

Die Klinik als Wendepunkt

Obwohl er beruflich erfolgreich war, ging es Jonny immer schlechter. «Während ich für das Publikum den Clown spielte, bin ich innerlich immer mehr verkümmert.» Er geriet in einen Teufelskreis aus exzessivem Sporttreiben und Alkoholkonsum, was ihn zwölf Mal ins Spital brachte. «Im Sommer 2012 ging es nicht mehr. Ich musste in eine Klinik. Und dort habe ich zum ersten Mal Werkzeuge erhalten, die mir halfen, von mir selbst ein Fan zu werden, mich selbst zu lieben.» Es sei ihm klar geworden, dass es nichts bringe, wenn ihn bloss andere toll finden, doch er sich selbst nicht.

Die Klinik stellte sich für Jonny als Wendepunkt heraus: 2013 lernte er online seinen heutigen Ehemann Michi Angehrn kennennachdem er elf Jahre Single gewesen war und die Hoffnung auf eine Beziehung schon fast aufgegeben hatte. «Lustig war, dass ich noch nie so unvorteilhaft ausgesehen habe wie damals», so Jonny. «Doch nach der Klinik war ich so glücklich mit mir. Das habe ich auch ausgestrahlt.»

Die Gemeinschaft des Vaters existiert heute nicht mehr. «Mein Vater ist kurz nach meiner Hochzeit, die 2016 ohne meine Eltern stattfand, verstorben.» Jonny hat sich mit seiner Geschichte versöhnt. Groll gegenüber seinen Eltern hegt Jonny nicht mehr: «Mit meiner Mutter halte ich losen Kontakt. Die Narbe ist sichtbar, die Wunden geschlossen.»

«Wer nur mit <wahren Gläubigen> zusammen sein will, gründet eine eigene Gemeinschaft»

Georg Otto Schmid ist Religions- und Sektenexperte und Leiter von relinfo.ch

Was bedeutet es für Kinder, in einem christlich-fundamentalen Milieu aufzuwachsen?

Es kommt sehr aufs Elternhaus drauf an. Gerade bei Chrischona gibts Eltern, die zwar nach christlichen Werten leben, aber sehr locker mit Regeln und Vorschriften umgehen. Andere, fundamentalistischer eingestellte, Eltern sind strenger und befürchten beispielsweise, dass ihre Kinder in Sünde fallen. Kinder aus solchen Familien können befürchten, dass sie bei der Entrückung, dem anstehenden Endzeitereignis, nicht dabei sind, wenn sie nicht brav sind.

Der Vater von Herrn Fischer hat eine eigene Kirche gegründet. Wie kommt jemand auf so eine Idee?

Dass strenggläubige Christen eigene Gruppierungen gründen, passiert recht häufig: Manchen Personen sind die Mitglieder von Freikirchen zu wenig fromm. Sie wollen letztlich nur mit den «wahren Gläubigen» zusammen sein und sondern sich deshalb ab. Gerade für ihre Kinder kann so etwas sehr schlimm werden, da die Abgrenzung massiv ist.

Was ist mit jungen Menschen, die homosexuell sind, wie im Fall von Herrn Fischer?

Es ist bis heute ein Problem, wenn Menschen in diesen Kreisen ihre Homosexualität entdecken. Es hat zwar ein Umdenkprozess eingesetzt, aber bis vor Kurzem galt grundsätzlich die Einstellung: «Man kann Homosexualität verändern, wenn man nur will.» Betroffene waren dann vor die Entscheidung gestellt: «Lebe ich meinen Glauben oder meine Sexualität?» Heute wird Schwul- oder Lesbischsein zum Glück zunehmend akzeptiert.

Was passiert, wenn sich junge Menschen entscheiden, sich endgültig von dem fundamentalistischen christlichen Glauben ihres Elternhauses zu distanzieren?

Es ist heute zunehmend so, dass junge Menschen ihren eigenen Weg gehenauch in Bezug auf die Religion. In Freikirchen bleibt der grosse Knall oft aus, da Jugendliche häufig mehrere Freikirchen besuchen und die Eltern es gar nicht gross mitkriegen, wenn sie sich plötzlich von allen freikirchlichen Aktivitäten abwenden. Oft ist man auch nicht offiziell Mitglied. Im Gegensatz zu manchen Sekten ist es in Freikirchen nicht verboten, mit den Ausgetretenen weiterhin in Kontakt zu sein. Wenn eine Freikirche jedoch von der eigenen Familie geführt wird, kann es schon kritisch werden: Das ganze soziale Umfeld ist dann innerhalb dieser Gruppe vertreten.
Ab wann kann man von einer Sekte sprechen?

Sekten sind völlig ausgerichtet auf eine unfehlbare Führungsperson- oder -gruppe. Ihre Mitglieder dürfen nur untereinander heiraten und es wird überwacht, ob man sich an die Regeln hält: Für die Abgabe des Zehnten überprüfen Sekten beispielsweise oft die Lohnausweise ihrer Mitglieder. Ein weiteres typisches Merkmal ist die Auffassung «Nur wir sind erlöst, alle anderen sind verloren». Es gibt immer wieder Freikirchen, die sich zu Sekten entwickelt haben. Bei der Gemeinschaft um den Vater von Herrn Fischer müsste man prüfen, ob sie die Sektenmerkmale erfüllte.
Wie kann man sich Hilfe holen?

Die beste Hilfe erhält man von Menschen, die schon den gleichen Weg gegangen sind, also die sich von derselben Gemeinschaft gelöst haben. Auch Beratungsstellen sind von grosser Relevanz. Es ist durchaus o.k., jeweils alle zu kontaktieren und zu schauen, welche sich mit der spezifischen Gruppierung am besten auskennt. Sehr hilfreich kann es auch sein, das Erlebte in einer Therapie oder Seelsorge anzuschauen und aufzuarbeiten.

Wirst du oder wird jemand, den du kennst, von einer Glaubensgemeinschaft unter Druck gesetzt?

Hier findest du Hilfe:

Infosekta, Fachstelle für Sektenfragen, Tel. 044 454 80 80

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

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