Aktualisiert 18.06.2016 03:23

Grossbritannien

Währungsfonds malt schwarz bei Brexit

Ein Bericht stellt düstere Prognosen in Aussicht, sollte Grossbritannien die EU verlassen. IWF-Chefin Christine Lagarde bewarb die Vorteile der EU.

von
chi
«Stimmt für den Austritt»: Die Fahne der Brexit-Befürworter vor dem Big Ben in London. (15. Juni 2016)

«Stimmt für den Austritt»: Die Fahne der Brexit-Befürworter vor dem Big Ben in London. (15. Juni 2016)

Keystone/Matt Dunham/AP

Der Internationale Währungsfonds hat seine Warnungen vor einem Austritt Grossbritanniens aus der EU noch einmal verschärft. Ein neuer Bericht prognostiziert für das Vereinigte Königreich eine um 4,5 Prozentpunkte niedrigere Wirtschaftsleistung bei einem EU-Austritt.

Der Bericht über den wirtschaftlichen Zustand des Landes geht davon aus, dass die Wirtschaftleistung langfristig um bis zu 4,5 Prozentpunkte niedriger liegen würde als bei einem Verbleib in der EU. Für 2017 sehen die IWF-Szenarien sogar einen Rückgang vor, sollten die Briten am 23. Juni für den Ausstieg aus der EU stimmen.

Lagardes flammender Apell

IWF-Chefin Christine Lagarde hat unterdessen in einem flammenden Appell die Vorteile des Verbleibs in der Europäischen Union betont. Grossbritannien sei Teil europäischer Fertigungsketten, etwa in der Auto- und Raumfahrtindustrie, sagte Lagarde am Freitag in Wien. Das Handelsvolumen des Landes sei durch die EU-Mitgliedschaft grösser geworden, sowohl Löhne als auch Produktivität seien gestiegen.

Ferner habe die EU dazu beigetragen, Grossbritannien in eine dynamische und lebendige Volkswirtschaft zu transformieren. «Grossbritannien hat von den vielen Beiträgen talentierter und fleissiger Migranten aus aller Welt und auch aus der EU profitiert», sagte Lagarde.

Grossbritannien wäre Hauptverlierer von Brexit

Die Experten des Fonds machten auch deutlich, dass Grossbritannien wirtschaftlicher Hauptverlierer eines Brexit sein würde. «Die hauptsächlichen makroökonomischen Auswirkungen würden Grossbritannien betreffen», sagte ein IWF-Experte.

Grossbritannien begebe sich in das Abenteuer Brexit trotz der zuletzt günstigeren Daten vom Arbeitsmarkt und beim Wachstum als ein wirtschaftlich angeschlagenes Land. Seit der Finanzkrise 2008 konnte das Königreich nicht mehr die Maastricht-Kriterien für die Staatsverschuldung erreichen.

Leichter Vorsprung der EU-Gegner

Das Haushaltsdefizit liegt derzeit bei vier Prozent, die Gesamtverschuldung bei über 80 Prozent des Bruttoinlandproduktes. Probleme sieht der IWF weiterhin bei Produktivität und dem vergleichsweise grossen Leistungsbilanzdefizit, von über fünf Prozent.

Umfragen zum Votum zeigten in den letzten Tagen einen leichten Vorsprung der EU-Gegner. Eine neu veröffentlichte Befragung der Zeitung «The Herald» zeigt indes ein widersprüchliches Bild: In einer Telefonumfrage sprachen sich 53,3 Prozent der Befragten für einen Verbleib in der EU aus. Eine separate Online-Befragung ergab dagegen eine Mehrheit von 55,5 Prozent für einen Austritt.

Veröffentlichung wegen Mord an Cox verschoben

Die Befragungen fanden vor der Ermordung der Abgeordneten Jo Cox statt. Per Telefon wurden über 1000 Personen befragt. Die Veröffentlichung sollte ursprünglich am Tag der Tat erfolgen, wurde aber auf Samstag verschoben.

Derweil hat die konservative britische Zeitung «The Times» sich für den Verbleib Grossbritanniens in der EU ausgesprochen. «Das beste Ergebnis des Referendums nächste Woche wäre eine neue Allianz souveräner EU-Nationen unter Führung Grossbritanniens, die sich für Freihandel und Reform einsetzt», schrieb die Zeitung am Samstag in einem Leitartikel unter dem Titel «Europa neu gestalten».

Die «Times» gehört zum Medienimperium von Rupert Murdoch, zu dem auch «The Sunday Times» und «The Sun» zählen. Das Boulevardblatt, Grossbritanniens auflagenstärkste Tageszeitung, hat sich seinerseits für einen Brexit ausgesprochen. (chi/sda)

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