«Mother Earth»-Bewegung: Wälder und Flüsse sollen vor Gericht klagen dürfen
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«Mother Earth»-BewegungWälder und Flüsse sollen vor Gericht klagen dürfen

Politiker aus allen Lagern wollen eine radikale Neuerung in die Verfassung einbringen: Künftig soll auch die Natur als juristische Person anerkannt werden und etwa gegen Verschmutzung oder bedrohliche Projekte klagen können.

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Im Blausee im Kanton Bern gab es mehrmals Fischsterben – mutmasslich wegen Verschmutzungen durch eine nahe Deponie.

Foto: 20min/Simon Glauser

Im Blausee im Kanton Bern gab es mehrmals Fischsterben – mutmasslich wegen Verschmutzungen durch eine nahe Deponie.

Foto: 20min/Simon Glauser

Kolumbien hat sein Amazonas-Gebiet als Rechtsperson anerkannt.

Kolumbien hat sein Amazonas-Gebiet als Rechtsperson anerkannt.

REUTERS
Doris Ragettli, Mitgründerin von Rights of Mother Earth, bei einer Rede vor der UNO 2018.

Doris Ragettli, Mitgründerin von Rights of Mother Earth, bei einer Rede vor der UNO 2018.

Screenshot Youtube/Andy Hart

Darum gehts

  • In der Schweiz soll auch die Natur juristische Rechte erhalten, fordern Politikerinnen und Politiker.

  • In anderen Ländern können Seen oder Wälder schon klagen und haben bereits bedrohliche Projekte verhindert.

  • Vorreiterin der globalen Mutter-Erde-Bewegung ist die Zugerin Doris Ragettli.

Wälder oder Seen als Privatkläger gegen die Industrie oder Bauvorhaben: Was auf den ersten Blick bizarr anmutet, ist in anderen Ländern längst möglich. So wurde in Kanada unlängst ein Fluss als juristische Person anerkannt und auch in Neuseeland hat ein Gewässer schon längere Zeit diesen Status, berichtet die «SonntagsZeitung». In Kolumbien hat das oberste Gericht das Amazonas-Gebiet als juristische Person bestätigt. Vorreiter dieser Entwicklung war Ecuador – das Land hat die Natur bereits 2008 in der Verfassung als rechtliche Einheit anerkannt. Seit dem fanden schon etliche Gerichtsverfahren statt, bei denen etwa ein umstrittenes Strassenbauprojekt gestoppt oder der Bau einer Goldmine verhindert wurde.

Auch in der Schweiz laufen nun Bestrebungen, der Natur juristische Rechte einzuräumen und ihr die Möglichkeit zu geben, für ihre Bedürfnisse zu kämpfen. Wie die «SonntagsZeitung» in ihrer aktuellen Ausgabe berichtet, wollen Schweizer Politiker erreichen, dass dafür sogar die Bundesverfassung abgeändert wird. Eine Gruppe von fünf Nationalrätinnen und Nationalräten aus verschiedenen Lagern versucht, diese einschneidende Änderung über parlamentarische Initiativen anzustossen.

«Es muss nicht gleich jeder einzelne Baum ein Rechtssubjekt werden, aber zusammenhängende Ökosysteme beispielsweise schon», sagt die grüne Nationalrätin Marionna Schlatter. Und FDP-Parlamentarierin Anna Giacometti: «Der Klimawandel trifft nicht nur linke und grüne Parteien, sondern uns alle.» Auch Nationalrat Jon Pult sagt: «Mit der heutigen Verfassung sind wir zu wenig für die Umweltkrise gewappnet. Wir müssen sie deshalb aufmotzen.»

Zugerin führt weltweite Bewegung an

Vorreiterin der Bemühungen, der Natur Rechte zu verleihen, ist die weltweite «Mutter-Erde-Bewegung». Eine wichtige Protagonistin ist die im Kanton Zug lebende Bündnerin Doris Ragettli. 2010 war sie eine der Mitgründerinnen der Organisation Rights of Mother Earth. Sie konnte deren Anliegen 2018 schon vor der UNO vortragen. Derzeit strebt die Organisation dort eine Deklaration zu den Rechten der Erde an.

Ragettli zieht Parallelen zur Zeit nach dem zweiten Weltkrieg, als die UN die Menschenrechts-Erklärung verabschiedete. «Jetzt geht es allerdings nicht mehr allein um die Menschen, sondern um die Natur», sagt sie. Nun müsse diese ebenfalls ihre Rechte erhalten – für eine nachhaltige Zukunft reichten die Rechte von Menschen nicht mehr aus.

(trx)

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