Leben ohne Deutsche: «Wänn gönd die eigetli hei?»
Aktualisiert

Leben ohne Deutsche«Wänn gönd die eigetli hei?»

Intimrasur, Kommandokultur und serbische Alternativen: Regisseur Julian Grünthal lässt deutsche Pfleger auf Schweizer Senioren los. «Die neue Schweizer Welle» feiert heute Premiere.

von
Philipp Dahm

Was heisst heute schon Heimat? Wer sind wir? Und was bedeutet Zuwanderung für unser Selbstverständnis?

Das kleine Zürcher Spiegeltheater hat sich eines grossen Themas angenommen: «Die neue Schweizer Welle – Läbe ohni Dütschi» feiert am 2. März in der Limmatstadt Premiere. Das Stück zeigt Szenen aus dem Alltag, in denen die Kulturen aufeinanderprallen – und stellt Fragen, die heute viele Leute stellen. Insgeheim oder ganz offen.

«So, dann werden wir mal konkret», beginnt der Supervisor im «Durchsetzungskurs», der die Schweizer Kader-Frau quasi auf Zack bringen soll. Ihr freundliches Personalgespräch mit der kleinen Angestellten wird vom Berater immer wieder unterbrochen, weil sie zu lieb ist. Am Ende wirds persönlich, wenn auch die Intimrasur kein Tabu mehr ist: Effizienz ersetzt Wohlfühlklima. Das vermisst auch Frau Schlegel im Altersheim.

Wenn der Guisan mit dem Adolf

Ihre deutsche Pflegerin weiss nicht, was sie meint, als sie sagt, sie sei keis Tüpfi mehr. Die Ansage «Jetzt mal ein bisschen zackig» quittiert sie mit der Frage: «Wänn gönd die eigetli hei?» Der Arzt muss vermitteln. «Sie verstaht keis Wort», zetert die Alte. «Tüütschi kommandiered nur ume.» Doch der Mediziner heisst Schröder und kommt ebenfalls aus dem Norden. Grosis Alternativen? Es gäbe da noch serbische Pflegerinnen!

Nicht zuletzt im Ensemble bricht der Kampf der Kulturen aus: Der Streit entzündet sich nach einer vielsagenden Szene, in der Utz Bodamer gleichzeitig den lebensmüden Adolf Hitler und einen General Guisan spielt, der sich selbst kasteit. «Ich wollte nie einen deutschen Regisseur», empört sich Darstellerin Evelyne Gugolz auf der Bühne und fragt: «Wo sind unsere Wurzeln? Wer sind wir?»

Bis zum Identitätseid

Wenn der Zugang zur Herkunft verloren gehe, münde das in Instinktlosigkeit. Kollegin Sascha Lara Bleuler sagt: «Ich will läbe ohni Lüt, wo mir d' Arbet wegnehmed.» Die Einwände von Alberto Ruano, dass die Schweizer Unternehmen ohne Ausländer bluten würden, wischt die sinnsuchende Gugolz beiseite. «Warum reded ihr alli über Wirtschaftswachstum?» Der Blick müsse nach innen gerichtet werden: «Da flüsst keltischs Bluet.»

Was sind also die Alternativen? Ausländische Unternehmen ausweisen? Mehr Kartoffel- und Weizenäcker? Mehr grüne Energie? Vom Tourismus leben? Die Alten loswerden? «Jede Krankheit ist auch ein Zeichen genetischer Schwäche», heisst die neue Devise. Denn die Frage stellt sich: «Wollt Ihr die totale Unabhängigkeit?» Die «NSIP», die Neue Schweizer Identitätspartei, könnte es zukünftig richten. Bis auch der letzte Deutsche, der nicht Mundart spricht, seinen finalen Eid leistet.

Deutsch-Schweizer «Kulturschock»

Bei der kurzweiligen Suche nach der Schweizer Identität aus der Reihe «Kulturschock» führt ausgerechnet der Deutsche Julian M. Grünthal Regie, der bei der Inszenierung von der Brienzerin Bettina Glaus unterstützt wird. Doch was da gespielt wird, ist in Teamarbeit entstanden, erklärt der Freiburger. Cory Looser, die Autorin des Stückes, erarbeitete die Texte, die dann vom Ensemble weiterentwickelt wurden, dem neben deutschen und Schweizern auch ein Russe und ein Finne angehören.

Evelyne Gugolz «lästert» über den deutschen Regisseur. Tatsächlich lebt die Schweizerin aber jenseits der Grenze. «Es ist nicht so, dass ich die direkte Art negativ finde. Es ist eben etwas anderes, und man muss lernen, damit umzugehen.» Quelle: YouTube

«Das Stück will ein Bewusstsein dafür schaffen, dass die Deutschen-Thematik nur ein Symptom ist», so Grünthal. «Die Ursachen für den Konflikt liegen viel tiefer: Es geht um Ausgrenzung anderer zum Wohle der inneren Sicherheit. Es geht um eine Angst vor dem Hintergrund einer vernetzten, globalen Welt.»

«Die neue Schweizer Welle – Läbe ohni Dütschi» ist dem Nigerianer Joseph gewidmet, der am 17. März 2010 im Alter von 29 Jahren bei seiner Abschiebung am Flughafen Zürich starb. Die Premiere am 2. März ist ausverkauft. Weitere Aufführungstermine im Zürcher Theater Stok sind am 3., 4., 28., 29., 30. und 31. März. Im Kleintheater Luzern spielt die Truppe am 18. Mai. Weitere Informationen finden Sie hier.

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