Angeschlagener Boris Johnson - «Das Skandal-Foto wurde aus dem Haus von Boris’ Finanzminister geschossen»
Publiziert

Angeschlagener Boris Johnson «Das Skandal-Foto wurde aus dem Haus von Boris’ Finanzminister geschossen»

Der britische Premier ist angeschlagen. Sein Landsmann, der Politologe und Historiker Anthony Glees, erklärt, wieso er für Johnsons Verbleib in der Downing Street 10 schwarz sieht – und wer sich mit welchen Mitteln für die Nachfolge in Stellung bringt.

von
Ann Guenter
1 / 7
Skandale, Widerstand gegen Corona-Verschärfungen unter den eigenen Leuten und zuletzt ein prominenter Rücktritt: Premierminister Boris Johnson steht unter Druck – es mangelt ihm derzeit an politischer und moralischer Autorität. 

Skandale, Widerstand gegen Corona-Verschärfungen unter den eigenen Leuten und zuletzt ein prominenter Rücktritt: Premierminister Boris Johnson steht unter Druck – es mangelt ihm derzeit an politischer und moralischer Autorität.

REUTERS
Wegen der «Marschrichtung» der Regierung ist der als Hardliner geltende Brexit-Minister David Frost aus Protest zurückgetreten.  Im Bild: Frosts  Kündigungsschreiben. 

Wegen der «Marschrichtung» der Regierung ist der als Hardliner geltende Brexit-Minister David Frost aus Protest zurückgetreten. Im Bild: Frosts Kündigungsschreiben.

Anadolu Agency via AFP
Lord Frost, der für die Verhandlungen mit der EU zuständige Minister, galt als «Seelenverwandter» Johnsons. 

Lord Frost, der für die Verhandlungen mit der EU zuständige Minister, galt als «Seelenverwandter» Johnsons.

AFP

Darum gehts

  • Der britische Premier Boris Johnson ist politisch angezählt.

  • Er kämpft mit explodierenden Corona-Zahlen, Widerständen, Skandalen und einem Rücktritt.

  • Wie lange kann sich Boris noch im Amt halten?

  • Der britische Historiker und Politologe Anthony Glees* im Interview.

Trotz der rasanten Ausbreitung der Corona-Virusvariante Omikron in Grossbritannien will Premierminister Boris Johnson die Corona-Massnahmen über Weihnachten nicht verschärfen.

Damit hat er dem Druck aus den eigenen Reihen offenbar nachgegeben: So soll sich ein Drittel seines eigenen Kabinetts gegen weitere Beschränkungen ausgesprochen haben. Dennoch ist fraglich, ob und wie lange Johnson mit der Entscheidung eine Palastrevolte gegen sich abwenden kann.

Neben den explodierenden Corona-Zahlen stehen Johnson und seine Regierung auch wegen einer Parteispenden-Affäre, mutmasslicher Verstösse gegen die selbst verordneten Corona-Regeln oder einer herben Niederlage einer Nachwahl in Mittelengland unter Druck. Für die Bevölkerung ist Boris Johnson auf jeden Fall unten durch: In aktuellen Umfragen gaben sechs von zehn Briten an, Boris werde in einem Jahr nicht mehr im Amt sein.

Professor Glees, wären Sie Johnsons Freund, was würden Sie ihm raten?

Dass er die Downing Street so schnell wie möglich verlassen und den scheusslichen Job jemand anderem überlassen soll. Dass er vielleicht in zwei, vier Jahren versuchen kann, zurückzukommen. Denn es kann nur noch schlechter werden für Boris - es ist wohl der Anfang vom Ende seiner Regierungszeit, und vielleicht kommt das Ende jetzt sehr, sehr schnell.

«Worauf sollten die Tories warten? Darauf, dass Boris weiteren Unfug anstellt?»»

Anthony Glees

Rechnen Sie damit etwa noch dieses Jahr?

Ich wäre nicht überrascht, wenn Boris Johnson schon nächstes Wochenende vor die Tür gesetzt wird - auch wenn meine Kollegen das für verfrüht halten. Aber es besteht zumindest Einigkeit darüber, dass Johnson sicher bis zum Sommer 2022 abdanken wird. Aber worauf sollten die Tories warten? Darauf, dass Boris noch weiteren Unfug anstellt?

Johnson hat sich schon oft politisch zurück gekämpft. Warum dieses Mal nicht?

Die Tory-Partei ist auch deswegen so erfolgreich, weil sie jeweils ohne zu zögern einen neuen Anführer wählen kann - und das auch tut. Zwar war Boris ein besserer Lügner als alle anderen - das stammt von einem bekannten britischen Kommentator, nicht von mir -, doch die Briten haben die Nase von seinen Lügen voll. 2019 versprach er, den Brexit zu liefern. 2021 muss er zugeben, dass es immer noch weiteren Zank mit der EU gibt und neue Handelsverträge einfach eine Neuauflage der alten waren. Kommen die ganzen Skandale wegen der Parties in der Downing Street im Lockdown hinzu – da hört der Spass für die Bevölkerung auf: Die Menschen waren in dieser Zeit isoliert, hielt sich an die Regeln, viele konnten nicht einmal ihre Liebsten beerdigen. Da haben die Briten das Gefühl, Boris Johnson lache ihnen ins Gesicht. Mittlerweile liegt die Labour-Party in den Meinungsumfragen weit vorne. Und jedes Tory-Mitglied weiss, dass er oder sie den Sitz verlieren könnte, wenn Johnson noch länger Premier ist. Das beschäftigt derzeit die Hirne dieser Leute ungemein.

«Die Briten haben das Gefühl, Boris Johnson lache ihnen ins Gesicht.»

Anthony Glees

Welche Optionen bleiben Johnson noch?

Er könnte Neuwahlen ansetzen, aber ich denke nicht, dass er das tun wird. Stattdessen wird Johnson wird versuchen, so lange wie möglich in der Downing Street zu bleiben und dafür mit Labour zu regieren. Eine so genannte nationale Regierung also, was viele Briten befürworten dürften. Sie wünschen sich wie einst im Krieg eine funktionierende Koalition, um aus dieser Epidemie und Krise herauszukommen. Es wird also nicht ganz so leicht, Boris loszuwerden - aber eben: wenn die Tories meinen, mit ihm wie in North Shropshire zu verlieren, werden sie ihn ganz schnell vor die Tür setzen. Fragen Sie David Cameron oder Theresa May.

«Meine Frau sucht seit drei Wochen nach Haferflocken!»

Anthony Glees

Was spuckt der Regierung Johnson mehr in die Suppe, der Brexit oder die Pandemie?

Ich glaube, Corona spuckt der Regierung zur Zeit stärker in die Suppe, aber auf Zeit wird es zweifellos der Brexit sein, der die Suppe richtig vermiest. Denn die enormen Geldsummen, die Boris und sein Finanzminister Rishi Sunak - sein wahrscheinlichster Nachfolger übrigens – aufgenommen haben, können nur von einer wachsenden Wirtschaft bezahlt werden. Doch der Brexit hat die britische Wirtschaft offensichtlich geschwächt, zwischen elf und 15 Prozent, kein Mensch weiss das so genau. Jedenfalls ist die Ausfuhr in die EU, Grossbritanniens grössten Exportmarkt, um 20 Prozent gesunken. Und die neuen Verträge mit der EU werden frühestens in zehn Jahren greifen, wenn überhaupt. Also: Die Briten werden immer ärmer werden und es wird immer schwerer, das ausgeborgte Geld zurückzuzahlen. So gesehen muss ich sagen: Die Beschränkung Pandemie hat hoffentlich einmal ein Ende – im Gegensatz zum Brexit und seinen Folgen.

Wie wirkt sich der Brexit auf Ihren eigenen Alltag aus?

Meine Frau und ich wohnen in einer kleinen Stadt ausserhalb Oxfords. Heute morgen konnte ich weder Milch noch Rahm kaufen, weil es nicht genügend Verkäufer und Fahrer gibt, welche die Produkte liefern. Dem Binnenmarkt fehlen die Leute und die Visapolitik der Regierung, Gastarbeiter für die Weihnachtszeit anzulocken, hat kaum etwas gebracht. Es ist nicht unähnlich wie in der einstigen DDR: Von manchen Sachen, etwa Bananen, gibt es an manchen Tagen viel zu viel - zwei Tage später ist gar nichts mehr erhältlich. Auch Vollkornbrot ist nicht zu haben - oder stellen Sie sich vor, meine Frau sucht seit drei Wochen nach Haferflocken!

«Das Skandal-Foto wurde vom Haus des Finanzministers aus geschossen.»

Anthony Glees

Sie sagen, Finanzminister Sunak sei Johnsons vielversprechendste Nachfolger. Was ist mit der neuen Brexit-Ministerin, Aussenministerin Liz Truss?

Auf jeden Fall bringen sich beide in Stellung. Denken Sie nur an das aufgetauchte Skandal-Foto von der Gartenparty in der Downing Street 10. Es wurde vom Haus des Finanzministers aus geschossen, von Downing Street Nummer 11 aus. Das sagt schon einiges über Sunaks Ambitionen aus. Andererseits ist es fraglich, ob stockkonservative Tories einen indischen Migranten als Premierminister wählen würden. Das fragt sich natürlich auch Liz Truss. Sie profiliert sich als neue Margaret Thatcher, die den britischen Binnenmarkt ja eigentlich geschaffen hatte. Truss wird den Brexit-Kurs von Johnson wieder verschärfen und damit punkten wollen. Und auch David Frost darf man auch nicht vergessen. Er ist zwar ausgeschieden, aber er kann Boris Johnson in Sachen Brexit und wegen der Corona-Massnahmen noch schaden. Aber ich bleibe dabei: Es sitzen grundsätzlich weder erfahrene noch besonders fähige Leute im Johnson-Kabinett. Stattdessen müssen viel fähigere Politiker im Unterhaus zusehen, wie der Misthaufen wächst. Das ist derzeit das britische Drama.

Wie sehen Ihre Prognosen für Ihr Land für das kommende Jahr aus?

Man soll nie Vorhersagen abgeben, vor allem nicht über die Zukunft, wie der Schriftsteller Marc Twain sagt. Aber ich befürchte, auf uns kommen weitere düstere Zeiten zu. Es ist möglich, dass Queen Elizabeth, so traurig das ist, das kommende Jahr nicht mehr überlebt. Das wird zu allerhand Umbrüchen in Grossbritannien führen.

* Professor Anthony Glees (73) ist ein britischer Historiker und Politologe. An der Buckingham Universität leitete er zuletzt das Center for Security and Intelligence Studies.

My 20 Minuten

Als Mitglied wirst du Teil der 20-Minuten-Community und profitierst täglich von tollen Benefits und exklusiven Wettbewerben!

Deine Meinung

14 Kommentare