Neuer Präsident gesucht: Wahl in Afghanistan von Gewalt überschattet
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Neuer Präsident gesuchtWahl in Afghanistan von Gewalt überschattet

Unter schärfsten Sicherheitsvorkehrungen hat in Afghanistan die zweite Präsidentenwahl in der Geschichte des Landes begonnen. Bereits kam es zu mehreren Anschlägen.

Rund 17 Millionen Afghanen konnten über das neue Staatsoberhaupt und die Zusammensetzung der Provinzräte abstimmen. Der Urnengang wurde allerdings von zunehmender Gewalt und Drohungen der radikalislamischen Taliban überschattet. In der Hauptstadt Kabul deutete sich am frühen Morgen zunächst eine schwache Wahlbeteiligung ab.

Karsais Appell

Amtsinhaber Hamid Karsai, der als klarer Favorit in das Rennen um das Präsidentenamt ging, appellierte bei der Stimmabgabe in Kabul an seine Landsleute, wählen zu gehen. «Ich fordere die Afghanen auf, aus den Häusern zu kommen und zu wählen, damit Afghanistan durch ihre Stimme sicherer und friedlicher wird», sagte Karsai. Über Kabul kreisten am Donnerstag permanent Hubschrauber, Sicherheitskontrollen waren nochmals verschärft worden.

Um das Präsidentenamt bemühen sich 36 Bewerber. Sollte Karsai nicht die absolute Mehrheit erringen, müsste er am 1. Oktober in einer Stichwahl voraussichtlich gegen seinen schärfsten Rivalen, den früheren Aussenminister Abdullah Abdullah, antreten. Mit vorläufigen Ergebnissen der Abstimmung wurde für Samstag gerechnet.

Kind in Helmand von Rakete getötet

Aus dem ganzen Land kamen im Laufe des Vormittags Berichte über einzelne Gewalttaten. In Laschkar Gah, der Provinzhauptstadt von Helmand, schlug eine Rakete laut einem AP-Reporter vor Ort unmittelbar in der Nähe von Wählern ein, ein Kind wurde getötet. In Kabul gab es Augenzeugen zufolge eine Explosion in einem Wahllokal, bei der ein Wahlbeobachter verletzt wurde. Zudem wurde in der Hauptstadt ein Kontrollposten der Polizei Ziel eines Attentats. Niemand wurde verletzt.

Sicherheitsfirmen berichteten aus Kabul indes von mindestens fünf Explosionen. Afghanische Behördenvertreter wollten die Berichte jedoch offenbar nicht bestätigen, nachdem das Aussenministerium am Mittwoch dazu aufgerufen hatte, während der Öffnungszeit der Wahllokale nicht über die Gewalt im Land zu berichten, um eine hohe Wahlbeteiligung sicherzustellen.

Geringe Wahlbeteiligung am Morgen

Erste Anzeichen deuteten in Kabul darauf hin, dass die Wahlbeteiligung eher gering ausfallen könnte. In sechs Wahllokalen der Hauptstadt gab es einem AP-Reporter zufolge am Morgen keine Schlangen. In einer Schule im Osten Kabuls war um 07.00 Uhr (Ortszeit) alles vorbereitet, nur waren noch keine Wähler zu sehen. Auch ein AP-Reporter in der südlichen Stadt Kandahar berichtete von einem schleppenden Anlaufen des Urnengangs. Möglicherweise wollten viele Afghanen angesichts der Drohungen der Taliban aber auch erst abwarten, ob eine sichere Stimmabgabe gewährleistet ist.

Auch die Provinzräte wurden neu bestimmt. Dabei geht es um 420 Mandate in den 34 Provinzen des Landes. Darum bewerben sich 3197 Kandidaten, darunter 328 Frauen. Rund 6800 Wahllokale waren vorgesehen, doch können wegen der kritischen Sicherheitslage voraussichtlich nicht alle öffnen. Vor der Wahl gab es zahlreiche Berichte über Manipulationen und falsche Wählerregistrierungen zugunsten Karsais. Der Amtsinhaber und die Wahlkommission haben diese als unbegründet zurückgewiesen.

Die Taliban haben mit Anschlägen gedroht und zum Boykott der Abstimmung aufgerufen, um der Wahl die Legitimität streitig zu machen. Abgesichert wird die Wahl von rund 175 000 afghanischen Sicherheitskräften, dazu kommen mehr als 100 000 internationale Soldaten unter NATO- und US-Mandat. In den Tagen vor der Präsidentenwahl war die Zahl der Anschläge massiv gestiegen.

Karsai wurde von der internationalen Gemeinschaft auf der Petersberg-Konferenz bei Bonn bereits kurz nach dem Sturz der Taliban Ende 2001 zum vorläufigen Regierungschef gekürt. Im Juni 2002 bestätigte eine grosse Versammlung von Stammesältesten, die sogenannte Loja Dschirga, Karsai als Übergangspräsident. Die erste landesweite Wahl 2004 gewann der Paschtune mit gut 55 Prozent bereits im ersten Wahlgang. (dapd)

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