Jesiden im Irak : Wahl zwischen Verdursten und Folter

Aktualisiert

Jesiden im Irak Wahl zwischen Verdursten und Folter

Im Nordirak sind bis zu 40'000 Menschen vor der Terrorgruppe IS auf einen Berg geflohen. Sie drohen zu verdursten. Bei einer Flucht droht die Ermordung durch die Extremisten.

von
cfr

10'000 bis 40'000 Jesiden, eine kurdische Minderheit im Irak, sollen vor der Terrorgruppe Islamischer Staat IS (vormals Isis) auf den nordirakischen Berg Sindschar geflohen sein, so der britische «Guardian» - ohne Wasser und Lebensmittel.

Viele von ihnen sind aus der Stadt Sindschar geflohen, die am Samstag von IS-Extremisten eingenommen wurde. Seitdem sollen die Terroristen etwa 500 jesidische Männer getötet haben, unter ihnen auch Kinder, so Spiegel Online.

Ein Stück Brot für zehn Menschen

Mindestens 17 Kinder starben bereits auf dem Berg, berichtet der 23-jährige Shihab Balki per Handy der «Washington Post» . Noch während des Gesprächs ging die Batterie seines Telefons aus. Nafi'ee, einer der Männer, die sich in den Bergen verstecken, sagte dem «Guardian»: «Es gibt wenig zu essen, die Munition geht uns aus, genauso das Wasser. Wir haben ein Stück Brot, das wir unter zehn Menschen teilen. Wir müssen zwei Kilometer laufen, um an Wasser zu gelangen.»

Abgeworfene Hilfsgüter zerschellen auf Felsen

Insbesondere für die vielen Kinder ist die Flucht in die Berge dramatisch. «Der Stress ist enorm: Dehydrierung, Müdigkeit. Manchmal müssen die Menschen mehrere Tage lang am Stück laufen. Die Kinder leiden unter grossen physischen und psychischen Belastungen», so Juliette Touma, Unicef-Sprecherin, im «Guardian».

Nach Angaben eines kurdischen Menschenrechtsbeauftragten warfen irakische Armeehelikopter Versorgungsgüter in den Bergen ab. Laut «Washington Post» zerschellten jedoch viele der Pakete sowie Wasser- und Milchflaschen auf dem steinigen Berg. Viele der Hilfsgüter werden aber auch von IS-Kämpfern abgefangen.

IS-Terroristen sehen Jesiden als Teufelsanbeter

Mindestens 130'000 weitere Jesiden aus Sindschar sind in Richtung der Städte Dohuk und Erbil im kurdischen Autonomiegebiet geflohen. In Sindschar sollen von ursprünglich rund 300'000 Einwohnern noch etwa 25'000 Menschen verblieben sein.

Die Kurdisch sprechende religiöse Minderheit wird von den Dschihadisten als «Teufelsanbeter» verfolgt. Ein Sprecher der jesidischen Gemeinde sagte laut Spiegel Online, die Dschihadisten richteten deswegen ein Massaker unter den Jesiden an. Ähnlich wie bei der christlichen Bevölkerung im Irak hätten sie den Jesiden ein Ultimatum gestellt: Entweder sie konvertieren zum Islam oder sie werden grausam getötet.

Grösste christliche Stadt eingenommen

IS-Kämpfer haben nach Berichten von Augenzeugen auch die grösste christliche Stadt im Irak, Karakosch, eingenommen. Kurdische Truppen hätten sich in der Nacht aus dem nördlichen Karakosch und umliegenden Gegenden zurückgezogen, sagten flüchtende Bewohner sowie ein christlicher Geistlicher.

Die Städte Karakosch, Tal Kaif, Bartella und Karamlesch stünden nun «unter der Kontrolle militanter Kämpfer», sagte der Erzbischof von Kirkuk und Sulaimanija, Joseph Thomas, der Nachrichtenagentur AFP. Zehntausende Menschen seien auf der Flucht.

«Es ist eine Katastrophe, eine tragische Situation. Wir rufen den UNO-Sicherheitsrat auf, sofort einzuschreiten.» Mehrere von AFP kontaktierte Bewohner der Gegend berichteten ebenfalls, dass die gesamte Region im Norden des Landes unter der Kontrolle des IS sei.

Die Dschihadisten kontrollieren neben mehreren Regionen im Irak auch Teile Syriens. Für die von ihnen gehaltenen Gebiete haben die Fanatiker ein Kalifat - einen Gottesstaat - ausgerufen.

Die Jesiden

Die religiöse Minderheit der Jesiden stammt aus dem Irak, Syrien, der Türkei und dem Iran.Die Jesiden sind Kurden und leben vor allem in der Gegend um die nordirakische Stadt Mossul und im nahe gelegenen Sindschar-Gebirge.

Wegen der Verfolgung vor allem im Irak sind viele Anhänger der monotheistischen Religion ins Ausland geflohen. Weltweit soll es nach Schätzungen rund 500'000 bis 800'000 Jesiden geben.

Die als tolerant geltende Religion ist monotheistisch und weist Einflüsse aus anderen Religionen auf, namentlich dem Christentum, dem Islam und dem Zoroastrismus. Viele Muslime betrachten die Jesiden als «Teufelsanbeter», weil sie auch den «Engel Pfau» als zentrale Figur ihres Glaubens verehren.

Attacke auf Jesiden in Herford

Der Bürgerkrieg im Irak hinterlässt auch in Deutschland seine Spuren. Im westfälischen Herford ist es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Jesiden und Sympathisanten der Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) gekommen. Die Krawalle zwischen etwa 300 Jesiden und mehreren Gruppen von Muslimen, Salafisten und Anhängern der IS lösten einen stundenlangen Grosseinsatz der Polizei aus. Auslöser der Gewalt war vermutlich ein Plakat, das Jesiden in einem Imbiss in der Innenstadt aufhingen und zu einer Demonstration gegen Übergriffe auf Angehörige ihrer Glaubensgemeinschaft im Irak aufriefen. Sechs IS-Sympathisanten hätten daraufhin die fünf Jesiden attackiert. Später versammelten sich mehrere hundert Jesiden, um gegen den Angriff und gegen Salafisten und die Übergriffe in Syrien und im Irak zu protestieren. Beide Seiten sollen mit Steinen, Flaschen und Holzlatten aufeinander losgegangen sein. Einzelne Beteiligte sollen verletzt worden sein, sechs Menschen wurden vorübergehend festgenommen. Der Staatsschutz ermittelt.

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