Bern will fusionieren: «Wahlkreise wie in Zürich wären denkbar»
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Bern will fusionieren«Wahlkreise wie in Zürich wären denkbar»

Berns Stadtpräsident Alec von Graffenried möchte bis 2030 mit elf Agglomerationsgemeinden fusionieren. Wie das neue Gross-Bern dann aussehen soll, erklärt er im Interview.

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ct
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«Wer in Köniz wohnt und in die Stadt will, meint dieselbe Stadt, wie ich, der aus dem Murifeld kommt», sagt Stadtpräsident Alec von Graffenried.

«Wer in Köniz wohnt und in die Stadt will, meint dieselbe Stadt, wie ich, der aus dem Murifeld kommt», sagt Stadtpräsident Alec von Graffenried.

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Google Maps beweist, dass die Agglomerationsgemeinden schon längst mit der Stadt zusammengewachsen sind. Von Graffenried: «Es sind zwar andere Gemeinden, aber deren Einwohner haben dieselben Interessen. Sie interessieren sich für unsere Stadtpolitik, für die Kultur oder für Verkehrsprojekte - aber sie können nicht darüber abstimmen.»

Google Maps beweist, dass die Agglomerationsgemeinden schon längst mit der Stadt zusammengewachsen sind. Von Graffenried: «Es sind zwar andere Gemeinden, aber deren Einwohner haben dieselben Interessen. Sie interessieren sich für unsere Stadtpolitik, für die Kultur oder für Verkehrsprojekte - aber sie können nicht darüber abstimmen.»

Google Maps

Alec von Graffenried, wie stellen Sie sich dieses neue Gross-Bern vor?

Ich spreche nicht von einem Gross-Bern. Es geht um eine Stadtregion, deren historische Gemeindegrenzen schon lange nichts mehr mit dem täglichen Leben der Stadtbewohner zu tun hat. Sehen Sie sich nur mal Bern von oben auf einer Karte an. Die Stadtgrenzen sind nicht mehr ersichtlich, der Übergang nach Liebefeld, Wabern oder in die andere Richtung nach Ostermundigen ist fliessend. Es sind zwar andere Gemeinden, aber deren Einwohner haben dieselben Interessen. Sie interessieren sich für unsere Stadtpolitik, für die Kultur oder für Verkehrsprojekte – aber sie können nicht darüber abstimmen.

Und denen wollen sie nun die Möglichkeit geben...

...mitzubestimmen, ganz genau. Wer in Wabern wohnt, ist ja genauso vom Bahnhof-Ausbau betroffen oder davon, ob in den Cafés in der Innenstadt rausgestuhlt werden darf. Umgekehrt sollten doch die Stadtberner auch bei der Gurtenbahn mitbestimmen dürfen oder darüber, ob eine Brücke über den Wohlensee gebaut werden soll.

Wären Sie in dieser Stadtregion Bern auch der Stadtpräsident?

Das ist unwichtig. Klar ist, dass die Stadt gewisse Kompetenzen auch den Quartieren beziehungsweise Dörfern delegieren müsste. Über lokale Angelegenheiten wie einen Quartiertreffpunkt soll die lokal ansässige Bevölkerung selber bestimmen können.

Hier regiert der neue Berner Stapi

Ab heute regiert Alec von Graffenried als Berner Stapi im Erlacherhof. 20 Minuten nimmt Sie mit auf eine kleine Führung durch das altehrwürdige Gebäude.

Aber rein organisatorisch müssten die Gemeinden ja schon mit der Stadt fusionieren.

Ja, es müssten sich auf einer oberen Ebene alle zusammenschliessen, aber als Dörfer oder Quartiere autonom bleiben. Dafür müssen wir zuerst die Stadt Bern umbauen, ich denke da an ein Modell mit Quartieren, Unterabteilungen mit weitgehender Autonomie.

Was wären die politischen Konsequenzen? Rot-grün könnte ja vielleicht die Mehrheit im Gemeinderat verlieren.

Das kann man heute nicht abschätzen, aber faktisch ist es heute schon so, dass die Agglomerationsgemeinden sehr ähnlich abstimmen wie die Stimmberechtigten in der Stadt. Beim Asylsozialhilfekredit vom Sonntag haben die Stadt und diverse angrenzende Gemeinden wie Muri oder Köniz diesen angenommen, weiter entfernte Gemeinden aber klar abgelehnt. Was sich politisch ändert, ist, dass der Gemeindepräsident von Ostermundigen plötzlich Berner Gemeinderat oder sogar Stadtpräsident werden kann.

Welche Auswirkung hätte die Fusion auf die Bevölkerung?

Vermutlich keine, denn wir bewegen uns ja heute schon alle in derselben Umgebung. Wer in Köniz wohnt und in die Stadt will, meint dieselbe Stadt wie ich, der aus dem Murifeld kommt. Und wer im Spiegel wohnt, der sagt einem Zürcher, der ihn fragt, woher er komme, er sei aus Bern, und meint es auch so.

Was hätte die Fusion für eine Auswirkung auf die Wirtschaft?

Die Gemeinden haben wirtschaftlich dieselben Herausforderungen zu bewältigen wie die Stadt Bern. Zum Beispiel hat die Stadt Bern heute 188'000 Arbeitsplätze bei 140'000 Einwohnern. Aber auch in Ittigen übersteigen die Anzahl Arbeitsplätze bald die Anzahl Einwohner, es ist also eine Gemeinde, in welche Arbeitskräfte von aussen hineinpendeln. Sogar Muri hat eine negative Pendlerbilanz. Von Muri würde man doch denken, dass die Leute dort wohnen und in die Stadt fahren, um dort zu arbeiten. Aber nein, es pendeln mehr Leute nach Muri ins Büro, als dass von dort wegpendeln.

Welche Auswirkungen auf Finanzen und Steuern könnten Sie sich vorstellen?

Ostermundigen hat heute einen Steuersatz von 1,69 und Bern hat 1,54. Da bei einer Fusion viele Aufgaben von Ostermundigen und Bern gemeinsam erledigt werden könnten, würde der Steuersatz wohl insgesamt auf 1,54 sinken. Bei Muri und Ittigen mit einem deutlich tieferen Steuersatz als die Stadt könnte es zu höheren Steuern kommen. Dass sind dann wohl nicht die ersten Gemeinden von diesen elf, die auf eine Fusion drängen werden.

Mit Ihrem Ruf als Brückenbauer haben Sie aber bestimmt schon eine Strategie, um die Gespräche geschickt einzufädeln.

Klar. Früher hiess es, wenn sich eine Gemeinde Bern anschliessen will, solle sie doch zuerst einmal ein Beitrittsgesuch stellen und die Stadt werde dieses dann grosszügigerweise prüfen. Heute unterbreiten wir den Gemeinden eher ein Angebot, dass sie mitreden und mitbestimmen können. Aber die Stadtstrukturen müssten wir hierfür zuerst ändern und die Quartiere stärken. Wir wollen ihnen Kompetenzen abgeben, so dass sie selber bestimmen können, wo mehr Begegnungen stattfinden sollen, wo es Kitas braucht und welcher Spielplatz renoviert werden muss. Hätte man diese Quartierstrukturen organisatorisch einmal so weit, könnte man viel einfacher die umliegenden Dörfer als neue Quartiere hinzufügen, die ihre Autonomie weitgehend behalten, aber in gesamtstädtischen Fragen mitbestimmen können. Ich kann mir sogar Wahlkreise vorstellen wie in Zürich, damit die Interessen der Stadtteile im Parlament ausgeglichen vertreten sind. Denn heute sind Bümpliz und Bethlehem im Stadtrat dermassen untervertreten, dass es eigentlich bedenklich ist.

Welchen Zeithorizont für eine Fusion stellen Sie sich vor?

Der Verein «Bern neu gründen» spricht von 2030. Ich denke, das ist ein angemessenes Ziel. Das liegt weit genug weg, um keine Angst zu haben, aber nah genug, um konkret zu planen. Aber bis dann werde ich nicht mehr Stapi sein, dann werde ich nämlich 68-jährig sein.

Bern plötzlich zweitgrösste Stadt der Schweiz

Der Verein «Bern neu gründen» plant, dass sich die elf Agglomerationsgemeinden Köniz, Ostermundigen, Muri, Ittigen, Zollikofen, Wohlen, Bolligen, Bremgarten, Kehrsatz, Kirchlindach und Frauenkappelen der Stadt anschliessen und zusammen eine Stadtregion Bern bilden. Bern würde damit auf einen Schlag von einer Grösse von knapp 150'000 Einwohner auf über 240'000 Einwohner wachsen und wäre damit die zweitgrösste Stadt der Schweiz.

Alec von Graffenried ist im Verein ein normales Mitglied, wird aber am Dienstagabend bei der jährlichen Mitgliederversammlung als Referent eingeladen, sich zu seinen Visionen zu äussern.

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