Finanzkrise: Wall Street kämpft für «Stratosphären-Löhne»
Aktualisiert

FinanzkriseWall Street kämpft für «Stratosphären-Löhne»

Die Finanzkrise rückt die enormen Saläre der Top-Banker ins Zwielicht. Politiker und Wirtschaftsexperten verlangen Beschneidungen, doch an der Wall Street will man die fetten Bezüge nicht kampflos preisgeben.

von
Peter Blunschi

Im Parlament in Washington werden die Rufe immer lauter, die «stratosphärischen Entschädigungs-Pakete» der Wall-Street-Bosse – so die «New York Times» – zu beschneiden. Damit reagieren die Politiker auf den Zorn der Bevölkerung über Manager, die jährlich mehrere zehn Millionen Dollar kassiert haben und nun die Rechnung dem Steuerzahler überlassen, in Form des 700-Milliarden-Rettungspakets.

Über die Art und den Umfang der Einschränkungen ist man sich noch nicht einig. Klar ist jedoch, dass die Wall Street und ihre Lobbyisten solche Massnahmen nicht kampflos hinnehmen wollen. Staatliche Lohnbeschränkungen würden harte Arbeit und Innovation untergraben sowie den Finanzsektor und die gesamte Wirtschaft schädigen, heisst es etwa. «Es ist nicht angebracht, dass die Regierung die Löhne von Firmenchefs festlegt», zitierte die «New York Times» den Vertreter einer Branchenorganisation.

«Notwendig und vernünftig»

Doch der Widerstand dürfte zwecklos sein. Die Präsidentschaftskandidaten Barack Obama und John McCain sprachen sich für Lohnbeschränkungen aus, und selbst Finanz- und Wirtschaftsexperten erachten sie als unvermeidlich. Für Firmenchefs, die am staatlichen Rettungsplan teilnehmen, seien Salärlimiten «notwendig» und «vernünftig», sagte Arthur Leavitt, ehemaliger Wall-Street-Manager und Ex-Chef der US-Börsenaufsicht. Und auch Scott Shay, Chef der nicht betroffenen Signature Bank, bezeichnete sie als «nur fair».

Verstärkt werden diese Meinungen durch das Verhalten der britischen Barclays Bank, die Teile der kollabierten Lehman Brothers übernommen hat. Am Montag wurde bekannt, dass Barclays aus der Lehman-Konkursmasse 2,5 Milliarden Dollar abgezweigt hat, um die Topangestellten der Pleitebank mit Bonuszahlungen bei Laune zu erhalten. Das Vorgehen sorgte beidseits des Atlantiks für Empörung. Der britische Premierminister Gordon Brown prangerte die «inakzeptable» Praxis an, Bonuszahlungen mit Hochrisiko-Investitionen zu verknüpfen, die kurzfristig massive Profite einbringen.

Löhne langfristig ausrichten

«Die Finanzkrise ist eine direkte Folge solcher Entschädigungs-Praktiken an der Wall Street», sagte Paul Hodgson, Chefanalyst einer Forschungsgruppe für Corporate Governance, der «New York Times». Experten sehen eine Lösung in einer verstärkten Ausrichtung der Löhne am längerfristigen Erfolg eines Unternehmens. Sie müssten über mehrere Jahre ausbezahlt werden. Der prominente Harvard-Professor Kenneth Rogoff plädierte für «sehr langfristige Auszahlungen, verteilt auf bis zu zehn Jahre».

Rettungsplan wackelt

Aus der schnellen Verabschiedung des 700-Milliarden-Pakets zur Rettung der US-Finanzmärkte wird definitiv nichts. Die Bankenkommission des Senats übte am Dienstag scharfe Kritik am Plan von Finanzminister Henry Paulson. Demokratische Senatoren verlangten mehr Kontrolle und mehr Hilfe für Hausbesitzer, Republikaner prangerten den «unamerikanischen Finanz-Sozialismus» an. Auch Finanzexperten kritisieren den Plan und bringen Alternativen ins Spiel.

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