Wallbach: Waffenhändler schoss auf Räuber und steht nun vor Gericht

Rheinfelden AG«Angreifer waren bereit für den Kampf. Die Waffe war das richtige Mittel»

Im Oktober 2020 versuchte eine Räuberbande, ein Waffengeschäft in Wallbach AG auszurauben. Sie wurden vom Ladenbesitzer Jean-Paul Schild in die Flucht geschossen. Er steht nun wegen mehrfacher versuchter vorsätzlicher Tötung vor Gericht.

von
Steve Last
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Räuber schiessen auf die Wohnung über dem Waffengeschäft in Wallbach AG.

Räuber schiessen auf die Wohnung über dem Waffengeschäft in Wallbach AG.

SRF «Rundschau»
Die Polizei zählt 24 Einschläge.

Die Polizei zählt 24 Einschläge.

SRF «Rundschau»
Jean-Paul Schild, dem Inhaber des Ladens, drohen drei Jahre Freiheitsstrafe, weil er in der Situation ebenfalls Schüsse abgab. In der «Rundschau» äussert er sich erstmals öffentlich.

Jean-Paul Schild, dem Inhaber des Ladens, drohen drei Jahre Freiheitsstrafe, weil er in der Situation ebenfalls Schüsse abgab. In der «Rundschau» äussert er sich erstmals öffentlich.

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Zusammenfassung

Das Aargauer Bezirksgericht in Rheinfelden hat am Mittwoch den Wallbacher Waffenhändler Jean-Paul Schild freigesprochen. Der Sportschütze war im Herbst 2020 in seiner Wohnung über seinem Waffengeschäft in Wallbach AG, als sechs bewaffnete Männer versuchten, in das Gebäude einzudringen. Er gab einen Schuss durch die Wand ab, dann durchsiebten die Räuber die Fassade. Schild erwiderte das Feuer mehrfach. Die Staatsanwaltschaft warf ihm mehrfache versuchte vorsätzliche Tötung vor. «Uns ist bewusst, dass der Beschuldigte und seine Frau in erster Linie Opfer eines brutalen Raubüberfalls wurden», sagte der Staatsanwalt. Allerdings habe Schild mit seiner Schussabgabe in Kauf genommen, Menschen zu töten. Die Anklage forderte eine Freiheitsstrafe von 36 Monaten, davon sechs unbedingt.

Hätte ihr Mann nicht geschossen, wären die Räuber reingekommen und sie hätten «keine Chance» gehabt, sagte die Frau des Beschuldigten als Zeugin «Ich habe Nächte darüber studiert», sagte Schild. Es sei nie seine Absicht gewesen, jemanden zu töten. Er habe aber die Waffen in seinem Geschäft beschützen müssen.

«Er darf sich gegen so einen Angriff wehren, auch mittels Waffengewalt», so der Verteidiger. «Natürlich will niemand in der Schweiz solche Szenen wie im Wilden Westen sehen», hielt er fest. Die Schüsse seien aber in entschuldbarer Notwehr gefallen. Er forderte einen Freispruch. Zu diesem gelangte das Gericht auch. «Wir sind uns offenbar alle einig, dass in diesem konkreten Fall die Waffe das richtige Mittel war», so die Gerichtspräsidentin. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Schild und seine Angehörigen fielen sich vor dem Gericht erleichtert in die Arme.

Kein Freibrief zum Schiessen

«Es war nicht irgendein Geschäft, sondern ein Waffengeschäft», hält die Gerichtspräsidentin in der Begründung des Urteils fest. Die Waren dort haben grosses Gefahrenpotenzial. «Das, zusammen mit dem Verantwortungsbewusstsein von Herrn Schild, müsse berücksichtigt werden, um sein Handeln zu verstehen», erklärte sie.

Der Freispruch sei kein Freibrief, mit Waffen zu schiessen. Nicht für Spezialisten, nicht für Personen, die keine Ahnung haben. Die Umstände seien sehr speziell. «Es waren ausserordentlich gut organisierte Angreifer, die professionell vorgingen und für den Kampf bereit waren», so die Richterin. Umso grösser wäre die Gefahr gewesen, hätten sie die Waffen in ihren Besitz gebracht.

«Keine zwei Meter vom Ehepaar Schild wurde der Angriff umgesetzt», sagte die Richterin über den Angreifer, der zum Fenster hinein kletterte. Schild sei davon ausgegangen, der Mann sei bewaffnet und wolle ins Schlafzimmer eindringen. Das Klopfen gegen die Alarmanlage habe sich erst im Nachhinein als Hammerschläge und nicht als Schüsse herausgestellt.

«Wir sind uns offenbar alle einig, dass in diesem konkreten Fall die Waffe das richtige Mittel war», so die Richterin. Die Angreifer liessen sich nicht durch Rufe abschrecken. Es blieb nur der Warnschuss. Das Gericht folgt nicht der Staatsanwaltschaft, dass ein Warnschuss über die Strasse besser gewesen wäre. Die Gefährdung des Nachbarn wäre zu gross gewesen. Ein Schuss in die eigene Decke wäre auch nicht angezeigt gewesen.

Beim Schuss durch die Wand, der mutmasslich den Räuber verletzte, habe Schild nicht eine Tötung in Kauf genommen sondern sich im Sachverhalt geirrt, wo und in welcher Körperhaltung dieser gewesen sei.

Weiter glaubt das Gericht Schild, dass er danach auf die Motorblöcke der Autos geschossen habe. «Wenn kein Mensch in der Schusslinie ist und kein Risiko für Querschläger besteht, kann ihm nicht einmal Eventualvorsatz angelastet werden», hiess es.

Die Verletzung des einen Räubers könne nicht mit abschliessender Sicherheit geklärt werden. Das sei am Ende aber nicht entscheidend, um das Verhalten des Beschuldigten zu beurteilen.

Urteil

Nach weniger als einer Stunde Beratung sprach das Bezirksgericht Rheinfelden das Urteil. Es hat Jean-Paul Schild von Schuld und Strafe freigesprochen.

Es ist noch nicht rechtskräftig und kann angefochten werden. Die Begründung folgt.

Letztes Wort

Nach einem kurzen Plädoyer der Staatsanwaltschaft und einem ausführlichen der Verteidigung hat nun der Beschuldigte das letzte Wort. «Ich habe nie den Vorsatz gefasst, eine Person zu töten», sagt Schild. Er habe eine Gefahr gesehen, für sich, seine Frau, die zahlreichen Waffen in seinem Geschäft.

«Was wäre passiert, wenn ich nichts getan hätte?», fragt er. «Was wäre mit den Polizisten passiert, die eingetroffen wären?». «Ich bin für den Schutz dieser Waffen verantwortlich», so Schild weiter. Sonst könne er einfach jedem eine geben.

Das Urteil wird ab 16.15 Uhr eröffnet.

Drohte eine Entführung?

«Die Fassade wurde zerschossen», sagt der Verteidiger. Schild habe sich selber und seine Frau nur schützen wollen. Er habe nur den Angriff überleben wollen. Der Anwalt betont noch einmal, dass es Schild zu jeder Zeit möglich gewesen sei, direkt auf die Angreifer zu wirken und sie schwer zu verletzen oder gar zu töten. Er habe es aber nicht getan. «Er suchte zu jeder Zeit eine andere Abwehrmassnahme, als direkt auf Menschen zu schiessen», heisst es. Damit habe er auch verhindert, dass die Waffen aus seinem Laden bei einem erfolgreichen Raub missbräuchlich eingesetzt werden.

Die Verteidigung erachtet Schilds Handlungen in Anbetracht der Umstände als verhältnismässig. «Ihm stand kein anderes verhältnismässiges Mittel zur Abwehr eines solchen Angriffs zur Verfügung», sagt der Anwalt. So habe Schild auch noch eine Schrotflinte zur Verfügung gehabt, diese aber nicht eingesetzt. «Damit hätte er dem Mann den ganzen Arm wegschiessen können», mahnt er.

Hätte Schild auf die Polizei warten sollen? «Nein, sie wäre nicht rechtzeitig eingetroffen», meint der Verteidiger. Das sei keine angemessene Option gewesen. «Er musste etwas machen, sonst wären die Angreifer ins Geschäft eingedrungen. Was dann passiert wäre, kann man sich nur ausmalen», sagt er.

Schild habe hoffen können, dass die Angreifer die Flucht ergreifen, wenn sie feststellen, dass der Waffenladen nicht verlassen ist mitten in der Nacht. Wenn sie feststellen, dass jemand dort ist, der bereit ist, sich zu wehren. Stattdessen eröffneten sie auf seinen Warnschuss hin das Feuer. «Er hatte keine Möglichkeit, dem Angriff auszuweichen. Es gab nicht irgendwie einen Geheimgang oder so», sagt er weiter.

Das Bundesgericht halte zu solchen Situation fest, man dürfe an die Person, die eine Bedrohung abwehren muss, nicht allzu hohe Anforderungen stellen, die Situation einzuschätzen. Und auch dann: Schild habe nie eine Grenze überschritten. Und selbst wenn das Gericht zum Schluss komme, dass das der Fall war, sei dies als gerechtfertigte Notwehr und Notwehrhilfe einzustufen.

Abschliessend beantragt die Verteidigung einen vollumfänglichen Freispruch.

Verteidigung plädiert auf Notwehr

«Die Notwehrsituation ist gewichtiger als die Frage nach dem Vorsatz», argumentiert die Verteidigung. Selbst wenn das Gericht zum Schluss käme, dass Schild die Leben der Angreifer gefährdete, müsse er wegen Notwehr freigesprochen werden.

Gemäss Strafgesetzbuch darf eine Person, die angegriffen wird oder von einem Angriff bedroht ist, diesen in angemessener Weise abwehren, so der Verteidiger. Das sieht er in diesem Fall als erfüllt an. «Er musste nicht warten, bis es zu spät ist», hält er fest.

Schild habe von Überfällen durch bewaffnete Banden auf Waffengeschäfte Kenntnis gehabt, so die Verteidigung. Er sei durch die Polizei informiert worden. Die Täter würden dabei «sehr aggressiv» und skrupellos vorgehen. Schild habe auch von einem Vorfall in La Chaux-de-Fonds gewusst, wo sogar eine Person entführt worden sein. Dort seien die Täter als Polizei verkleidet gewesen. Der entführte Mitarbeiter sei nach Frankreich gebracht und dort leicht verletzt zurückgelassen worden.

«Er stand sechs Angreifern gegenüber», betont der Verteidiger. Sie seien jung, maskiert und mit Sturmgewehren bewaffnet gewesen. Eine Kalaschnikow sei auch nicht mit irgendeiner Handfeuerwaffe zu vergleichen: Es sei eine «militärische Angriffswaffe». Das Bild sei «bedrohlich und erschreckend» gewesen, sie sollen von Anfang an eine «bedrohliche Haltung» angenommen haben. Schild sei aufgrund der AK-47 klar gewesen, dass es sich nicht um die Polizei handelte. «Er erkannte, das hier etwas nicht stimmt.»

Schild sei davon ausgegangen, dass der Mann mit dem Hammer eine Pistole hatte und durch das Fenster auf ihn schiessen wolle. Dass eine Gefahr bestand, habe er um so mehr annehmen dürfen, weil es in der Vergangenheit in der Schweiz zu bewaffneten Raubüberfällen auf Waffengeschäfte gekommen ist.

«Die Angreifer gaben Schüsse mit der Kalaschnikow und fünf verschiedenen Pistolen auf die Fassade und das Schlafzimmerfenster ab», sagt die Verteidigung. «Sie gingen ausgesprochen professionell vor, abgebrüht und ohne jede Angst und Skrupel», sagt er. Sie sollen überhaupt nicht auf etwaige Warnungen reagiert und im Hinblick auf ihr Arsenal auf einen Kampf vorbereitet gewesen sein.

«Hätte ihnen in den Rücken schiessen können»

«Herr Schild hätte aus dem Wohnfenster mindestens dreien der Räuber aus dem Wohnzimmer von hinten in den Rücken schiessen können», sagt der Verteidiger weiter. Das habe er aber genau nicht getan. «Er wollte nur einen Warnschuss abgeben.»

Zudem sei Schild ein erfahrener Schütze, Jäger und Jagdaufseher. Er sei ein geübter Schütze mit dem von ihm verwendeten Sturmgewehr SG 553 (kurze Version des Sturmgewehr 90 der Schweizer Armee). Zudem sei er mehrfacher Schweizermeister im IPSC-Sportschiessen. Dabei gehe es darum, auch unter erschwerenden Umständen sowohl schnell wie auch überlegt und treffsicher zu schiessen.

Schild sei mit dem Sturmgewehr gut vertraut, sagt der Verteidiger. Die Waffe sei präzise und zusätzlich mit einem Rotpunkt-Visier ausgestattet gewesen. «Er konnte immer überlegt handeln zu jeder Zeit zielsicher schiessen», heisst es.

«Er konnte davon ausgehen, dass er nur das trifft, worauf er auch zielt», so der Anwalt. Der Warnschuss durch die Wand sei tief und schräg gewesen. Die Schüsse auf die Autos seien in die Motorblöcke gewesen, wo er davon habe ausgehen können, dass sie die Projektile stoppen.

Der Verteidiger wirft der Staatsanwaltschaft auch Spekulation vor. Die Spurensicherung habe beispielsweise nicht zweifelsfrei feststellen können, ob der getroffene Räuber tatsächlich von einem Projektil aus Schilds Waffe verwundet wurde. Friendly Fire durch die anderen Räuber komme laut dem Verteidiger auch in Frage. Das würde auch erklären, wieso der Mann von zwei Projektilen getroffen wurde. Schild habe nur einmal in die Wand geschossen. Es sei nur ein Loch in der Wand gefunden worden.

«Beim Fenster und bei der Alarmanlage wurde auch keine Blutspuren gefunden», sagt der Verteidiger. Man könne annehmen, dass es dort aber welche haben würde, wäre der Räuber dort getroffen worden. Stattdessen fand man Blutspuren nur beim weissen Auto, «eine grosse Lache», so der der Anwalt.

Plädoyer der Verteidigung

Nun plädiert Schilds Anwalt. «Es ist eine gerechtfertigte Notwehrsituation», sagt er. Er fordert einen Freispruch. So seien die Ereignisse grundsätzlich aktenkundig und nicht bestritten. Schilds Handeln sei eine Reaktion auf den bewaffneten Raubüberfall auf sein Geschäft gewesen. Er habe seine körperliche Unversehrtheit, die seiner Frau und sein Hab und Gut geschützt.

«Er darf sich gegen so einen Angriff wehren, auch mittels Waffengewalt», so der Anwalt weiter. «Natürlich will niemand in der Schweiz solche Szenen wie im Wilden Westen sehen», hält er fest. Schild habe sich die Situation aber nicht selber ausgesucht.

Zudem sei es nicht nur um Schutz von Leben und Eigentum gegangen. Im Laden seien zur Zeit des Überfalls Waffen und Teile zur Umrüstung eines ganzen Schweizer Polizeikorps gelagert. Schild habe ein grosses Gefahrenpotenzial abgewendet, indem er verhinderte, dass die Waffen in die Hände der Räuber fallen, die aus einem Umfeld stammten, «wo Menschenleben keine Rolle spielen».

«Der Staatsanwaltschaft kann nicht gefolgt werden, wenn sie meinem Mandanten die Absicht vorwirft, er habe jemanden verletzen wollen», so der Verteidiger. Aber was ist mit dem Eventualvorsatz, also der Inkaufnahme von Toten? Das Gericht müsse berücksichtigen, ob man das in dem Fall überhaupt annehmen kann. Nur zu wissen, dass es passieren kann, reiche nicht. Vielmehr müsse das Eintreten wahrscheinlich sein und der Täter müsse trotzdem handeln.

«Er hat zu keinem Zeitpunkt direkt auf die Mitglieder dieser Bande geschossen, obwohl er das hätte tun können», stellt der Verteidiger fest. Schild habe nicht einfach geschossen, sondern zuerst gerufen und dann einen Warnschuss in die Schlafzimmerwand gesetzt. Die Entscheidungen habe er in kürzester Zeit gefällt. Der Schuss sei neben den Räuber auf dem Storen gezielt gewesen. Zudem sei der Schuss schräg gewesen und noch weiter links wieder ausgetreten. Dass sich dort der ausgestreckte Arm des Räubers befand, der mit dem Hammer auf die Alarmanlage einschlug. Das habe Schild aber nicht durch die Wand sehen und somit wissen können.

Plädoyer der Anklage

Es plädiert die Staatsanwaltschaft. «Wir behandeln heute einen filmreifen Vorfall», beginnt die Anklage. «Uns ist bewusst, dass der Beschuldigte und seine Frau in erster Linie Opfer eines brutalen Raubüberfalls wurden», heisst es. Allerdings habe Schild mit seiner Schussabgabe in Kauf genommen, Menschen zu töten.

«Die Schussverletzungen des Opfers sind durch die Schüsse des Beschuldigten entstanden», so der Staatsanwalt. Einer der Räuber erlitt zwei Schusswunden am Arm. Konkret soll Schild das Leben von insgesamt sechs Personen gefährdet haben.

Dass der Schuss durch die Wand niemanden getötet hat, sei purer Zufall. Hätte Schild in eine andere Richtung geschossen, «wären wir heute wohl nicht hier», so die Anklage.

«Er strebte den Eintritt der Lebensgefahr nicht an», so der Staatsanwaltschaft weiter. Aber wenn man es in Kauf nehme, gilt der Eventualvorsatz. Der Straftatbestand ist vorsätzliche Tötung. Sie ist versucht, weil niemand getötet wurde. Und der Vorsatz ist nur eventuell, weil es der Beschuldigte nicht wollte, aber in Kauf nahm.

Ob entschuldigende Umstände vorliegen, müsse das Gericht beurteilen. Die Anklage fordert einen Schuldspruch wegen mehrfacher versuchter Tötung mit Eventualvorsatz.

«Das Gesamtverschulden liegt aufgrund der bedrohlichen Situation eher leicht», sagt der Staatsanwalt. Schilds Motivation für die Schussabgaben sei «verständlich». Und der Waffenhändler sei sehr strafempfindlich und habe sich während des Verfahrens kooperativ und korrekt verhalten. Nach vielen Abzügen vom Strafmass kommt die Staatsanwaltschaft auf 36 Monate, wovon sechs Monate unbedingt vollzogen werden sollen. Dies aber nur, sollte das Gericht nicht auf Notwehr oder einen entschuldbaren Notstand entscheiden.

Mittagspause

Die Verhandlung geht in die Mittungspause. Es geht um 13 Uhr mit den Plädoyers weiter.

Beschuldigter wird befragt

Schild ist bei der Befragung gefasst und spricht sachlich und deutlich. Nur auf seine persönlichen Verhältnisse angesprochen stockt ihm kurz die Sprache. Es geht um einen Verlust im Familienumfeld, der einige Jahre zurückliegt.

«Uns wurde gesagt, dass Waffengeschäfte ausgeraubt wurden», sagt Schild. Die Information sei von der Polizei gekommen. Es sei eine ungewisse Situation gewesen, dass es Menschen in der Region gab, die versuchten, an Waffen zu gelangen. «Wir dachten zunächst an einen Überfall am Tag und sensibilisierten unsere Angestellten», sagt er.

Die Polizei stellte fest, dass die Räuber bereits eine Nacht vor dem Überfall da waren, so der Beschuldigte. «Sie haben den Laden ausgekundschaftet». Erst nach der Auswertung nach dem Vorfall seien sie darüber informiert worden.

«Was ist ihre Analyse dieses ganzen Geschehens?», fragt die Richterin. «Ich habe Nächte darüber studiert», sagt Schild. «Was hätte ich sonst noch anders machen sollen?», fragt er zurück. Er habe gerufen, sie nahmen ihn war, machten aber weiter. «Aus meiner Sicht hatte ich keine andere Möglichkeit, sie aufzuhalten», erklärt er.

Die grösste Gefahr sei der Mann auf dem Storen gewesen, der die Alarmanlage bearbeitete. Den Hammer habe Schild im ersten Moment für eine Pistole gehalten. Ob er um sein Leben bangte, kann er nicht sagen. «Aber ich habe sicher um meine Frau gebangt».

«Es war absolut nicht mein Ziel, jemanden zu treffen oder gar zu töten», beteuert Schild. Habe er ihn treffen wollen, hätte er aus dem Fenster direkt auf ihn geschossen. «Trotzdem riskant», findet die Richterin. «Meine Überlegung war, dass der Schuss durch die Wand in Richtung von Sachen geht, die als Kugelfang dienen und nicht in das Schlafzimmer meines Nachbarn».

Und die Schüsse auf die Autos? «Ich habe am Fenster gesehen, dass einer eine Waffe auf mich richtet. Dann kamen schon Schüsse, aber noch aus einer anderen Richtung. Der mit der Kalaschnikow hat geschossen. Die Schüsse sind bei mit im Fenster eingeschlagen». Darum habe er in die Richtung geschossen, aber auf den Motorblock des Autos. Dieser würde die Kugeln stoppen, so Schild.

Frau des Beschuldigten wird befragt

«Es schüttelt meinen ganzen Körper, wenn ich das Video wieder sehe», sagt die Frau des Beschuldigten. «Wir gingen wochenlang mit schusssicheren Westen herum». Auch französische Nummernschilder liessen sie aufhorchen. Es sei eine sehr schwere Zeit gewesen.

«Es hatte nach dem Überfall Blut am Boden», erzählt sie. Sie habe nicht gewusst, was mit dem Mann passiert war. Wurde er erwischt? Getötet? Werden seine Freunde oder Angehörigen Vergeltung suchen? Diese Fragen trieben sie um.

«Hat ihr Mann alles richtig gemacht?», fragt die Richterin. «Ja, zu 100 Prozent», sagt die Frau sofort. Hätte ihr Mann nicht geschossen, wären die Räuber reingekommen und sie hätten «keine Chance» gehabt. «Dann wären wir weg gewesen.»

Aufnahmen der Videoüberwachung

Das Gericht zeigt nun die Aufnahmen der Überwachungskamera des Waffengeschäfts. Diese wurden bereits auszugsweise von SRF publiziert und Screenshots davon sind auch bei 20 Minuten zu sehen.

Die Aufnahmen zeigen die Aussenwand des Gebäudes, wo die beiden Autos der Räuber vorgefahren sind. Die Blaulicht-Signale auf den Dächern der Autos sind an. Es ist zu sehen, wie sie plötzlich in Aufregung geraten, das Feuer eröffnen und dann mit den Autos die Flucht ergreifen.

Kalaschnikow verriet Räuber

Die Gerichtpräsidentin fasst die Anklageschrift zusammen. Es geht um mehrfache versuchte vorsätzliche Tötung, die dem Wallbacher Waffenhändler Jean-Paul Schild vorgeworfen wird. Der Beschuldigte sei im Voraus von der Polizei auf Einbrüche in anderen Kantonen hingewiesen worden. Am 30. Oktober 2020 seien zwei Audis beim Beschuldigten vorgefahren. Eine Person habe versucht, über eines der Autos die Fassade hochzuklettern und habe mit einem Hammer auf die Alarmanlage eingwirkt.

Der Beschuldigte habe das mitbekommen und die Autos gesehen. Diese seien mit Blaulicht ausgestattet gewesen. Es habe vier maskierte Personen gehabt. Der Beschuldigte habe eine Waffe bei ihnen erkannt, eine AK-47. Da sei ihm klar geworden, dass es sich nicht um die Polizei handelt, sondern dass sein Waffengeschäft überfallen werde.

Schild habe seine Frau gewarnt und ein Sturmgewehr und ein vorbereitetes Magazin genommen. Er habe laut gerufen und einen Schuss in Richtung der Klopfgeräusche abgegeben. Laut der Staatsanwaltschaft wusste er, dass die Aussenwand die Kugel nicht stoppen würde. Dann sei es zu einem Schusswechsel gekommen. Die Räuber hätten über 20 Schuss auf das Gebäude abgegeben. Der Beschuldigte habe auch auf die Autos geschossen. Mit den Schussabgaben habe er eine Tötung zumindest in Kauf genommen.

Die Staatsanwaltschaft fordert eine Freiheitsstrafe von 36 Monaten, davon sechs Monate mit unbedingtem Vollzug.

24 Einschusslöcher in der Fassade

Im Herbst 2020 versuchten sechs Personen, in ein Waffengeschäft in Wallbach AG einzubrechen. Der aus dem Schlaf gerissene Ladenbesitzer habe das Feuer eröffnet, worauf es zu einer Schiesserei mit den Einbrechern gekommen sei. Die Täter ergriffen die Flucht und fuhren in einem Fahrzeug in Richtung Frankreich.

Schon damals war klar, dass die Räuber bewaffnet angerückt waren und sich nicht etwa erst im Laden ausgerüstet hatten. Die Polizei kommunizierte einen versuchten Raubüberfall. Die Männer wurden vom Ladenbesitzer, dem erfahrenen Sportschützen Jean-Paul Schild, in die Flucht geschossen. Schild soll einen Warnschuss auf die Räuber abgegeben haben. Beim Schusswechsel wurde einer der Gangster getroffen.

Seine Komplizen erwiderten das Feuer, teils mit Sturmgewehren. Alleine an der Fassade des Waffengeschäfts wurden 24 Einschläge gezählt.

Der Waffenhändler wurde im Herbst 2022 von der Aargauer Staatsanwaltschaft wegen versuchter mehrfacher vorsätzlicher Tötung angeklagt. Sie fordert eine Freiheitstrafe von drei Jahren. Schild bestreitet seine Schuld. Er habe die Einbrecher nicht erschiessen wollen, sondern nur einen Warnschuss abgegeben, erklärte er gegenüber der «Rundschau» von SRF.

Heute wird der Fall vor dem Bezirksgericht Rheinfelden verhandelt.