Lieber Phil Geld: Wann darf ich ein Arbeitszeugnis verlangen?
Publiziert

Lieber Phil GeldWann darf ich ein Arbeitszeugnis verlangen?

Roman (28) arbeitet seit längerer Zeit beim selben Arbeitgeber und hat noch nie ein Zwischenzeugnis erhalten. Darf er eines verlangen?

Lieber Phil Geld

Ich arbeite nun schon länger für die gleiche Firma. Ich habe noch nie ein Zwischenzeugnis verlangt. Wann ist der beste Zeitpunkt, um darum zu bitten? Was, wenn ich mit dem ausgestellten Zeugnis nicht einverstanden bin?

Lieber Roman

Gemäss Art. 330a OR ist der Arbeitgeber verpflichtet, Arbeitnehmern auf deren Verlangen hin ein Zeugnis auszustellen. Dieses gibt Informationen zur Art und Dauer des Arbeitsverhältnisses sowie über die Leistung und das Verhalten der Person. Man kann das Zeugnis jederzeit verlangen, das heisst sowohl während des Arbeitsverhältnisses – als Zwischenzeugnis – als auch bei dessen Beendigung oder später als Schlusszeugnis.

Entgegen dem Wortlaut des Gesetzes kann man aber nicht jederzeit die Ausstellung eines Zwischenzeugnisses verlangen, sondern muss ein berechtigtes Interesse vorweisen. Ein solches liegt insbesondere dann vor, wenn ein Wechsel des Vorgesetzten bevorsteht, man die Funktion oder Abteilung wechselt oder einen Stellenwechsel in Betracht zieht. Zudem gilt es auch dann, wenn Umstrukturierungen anstehen oder ein Zwischenzeugnis für eine allfällige Aus- oder Weiterbildung erforderlich ist. Ein berechtigtes Interesse besteht schliesslich auch dann, wenn seit längerem nicht mehr oder noch gar nie ein Zwischenzeugnis verlangt wurde.

Die im Zeugnis enthaltenen Angaben müssen richtig und objektiv sein und der Wahrheit entsprechen. Weiter muss das Arbeitszeugnis vollständig sein. Das heisst, dass das Arbeitszeugnis alle wesentlichen Tatsachen und Bewertungen enthalten muss, die für eine Gesamtbeurteilung des Arbeitnehmers von Bedeutung sind.

Ist man mit dem Arbeitszeugnis nicht einverstanden, weil es nicht der Wahrheit entspricht oder unvollständig ist, darf man eine Änderung des Zeugnisses verlangen. Weigert sich der Arbeitgeber, können Arbeitnehmer ihren Anspruch auf ein vollständiges, inhaltlich richtiges Zeugnis beim Arbeitsgericht einklagen. Ob es jedoch sinnvoll ist, gleich Klage zu erheben, ist fraglich – denn das gerichtliche Vorgehen gegen den Arbeitgeber führt in den meisten Fällen zu einem schlechten Arbeitsklima. Solltest du mit deinem Zwischenzeugnis nicht zufrieden sein, lieber Roman, suchst du am besten erst das Gespräch mit deinem Arbeitgeber.

Freundlich grüsst

Phil Geld

E-Mail: phil.geld@20minuten.ch (20 Minuten)

Deine Frage an Phil Geld

dieses Formular (siehe auch Button oben rechts). Die Altersangabe hilft uns, die Tipps noch konkreter auf deine Situation zu beziehen. Interessante Anfragen und die entsprechenden Antworten publizieren wir unter geändertem Vornamen in dieser Rubrik. Wir bitten um Verständnis, dass nicht jede Frage beantwortet werden kann.

Deine Meinung